Familie lebt in Osnabrück Christian Sewing wird neuer Chef der Deutschen Bank

Von Brigitte Scholtes

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Christian Sewing soll das Amt von John Cryan an der Spitze der Deutschen Bank übernehmen. Foto: dpaChristian Sewing soll das Amt von John Cryan an der Spitze der Deutschen Bank übernehmen. Foto: dpa

Frankfurt. Personalwechsel an der Spitze der Deutschen Bank. Nach milliardenschweren Verlusten und teuren Skandalen wird John Cryan abgelöst. Sein Nachfolger ist Christian Sewing, bislang Leiter des Privat- und Firmenkundengeschäfts. Seine Familie lebt in Osnabrück.

Christians Sewing wird die neue Nummer Eins in der Deutschen Bank. Wie aus Finanzkreisen bekannt wurde, soll er sein Amt nach der Hauptversammlung am 24. Mai antreten. Aufsichtsratschef Paul Achleitner hatte in den vergangenen Wochen schon Ausschau nach Nachfolgern für den glücklosen Cryan gesucht, sich bei einigen Kandidaten im Ausland jedoch Absagen eingeholt.

Ein Mann statt Doppelspitze

Sewing ist seit Anfang 2015 im Vorstand der Bank und dort zuständig für das Privat- und Firmenkundengeschäft. Im vergangenen Jahr war er zusammen mit Marcus Schenck zusammen zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Bank berufen worden. Bisher hatte es jedoch immer geheißen, das Duo Sewing und Schenck sei noch nicht „reif“ genug, jetzt an die Spitze des Geldhauses zu treten, das seit Jahren mit heftigen Problemen zu kämpfen hat. Dieser Meinung waren vor allem einige Großaktionäre.

Nun also soll es Sewing allein richten, denn Schenck dürfte die Bank, so ist zu hören, bald verlassen. Schenck, der im Vorstand für das Investmentbanking zuständig ist, hatte sich gegen eine Stutzung der Sparte ausgesprochen, die der amtierende Vorstandschef John Cryan wohl anstrebt. Der hatte das Projekt „Colombo“ aufgesetzt, das nach Einsparungsmöglichkeiten in dieser Sparte sucht.

Eigengewächs an der Spitze

Sewing ist seit langem der erste Manager aus dem Privatkundengeschäft, der das Geldhaus von der Pike auf kennt. 1989 hatte er vor seinem Studium eine Lehre als Bankkaufmann bei der Deutschen Bank in Bielefeld absolviert. Der gebürtige Westfale, der während der Woche in Frankfurt lebt, aber am Wochenende mit seiner Familie in Osnabrück, hat sich langsam hochgearbeitet. Er hat sich auch auf Auslandsstationen in Singapur, Toronto, Tokio und London behauptet. Bis auf zwei Jahre bei der Deutschen Genossenschafts-Hypothekenbank verbrachte er sein gesamtes Berufsleben bei der Deutschen Bank.

Er arbeitete auch im Risikomanagement, deshalb ist ihm das Investmentbank-Geschäft vertraut. Seine Berufung dürfte aber eine wieder stärkere Hinwendung zum Privat- und Firmenkundengeschäft bedeuten. Denn das ist die solide Säule der Bank, die nicht so viel Eigenkapital benötigt wie das Investmentbanking. Das sorgt zwar immer noch für einen großen Teil der Erträge, aber hat der Bank seit der Finanzkrise der Bank große Verluste und die Milliardenstrafen wegen der Rechtsstreitigkeiten beschert.

Innere Streitigkeiten befrieden

Ganz auf das Investmentbankgeschäft verzichten wird die Bank wohl nicht. „Nur auf einen Bereich zu setzen geht nicht, denn dann würde man die spezifische Kompetenz der Deutschen Bank vernachlässigen: Die ist in der deutschen und europäischen Wirtschaft verankert ist und gleichzeitig Fenster zum internationalen Kapitalmarkt“, erklärt Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim. Allerdings ist die Bank weltweit im Vergleich zu den angelsächsischen Investmentbanken weit abgeschlagen.

Die Bank benötige einen Chef, der die inneren Streitigkeiten befrieden, aber auch durchgreifen könne, war im Vorfeld zu hören. Dass Sewing durchgreifen kann, beweist er gerade bei der Neuaufstellung des Privat- und Firmenkundengeschäfts. Seine große Aufgabe ist die Reintegration der Postbank zusammen mit deren Chef Frank Strauß. Denn da gehe es nicht ohne Stellenabbau, hat Sewing schon klargestellt. 9000 Stellen sollen dabei wegfallen werden, davon 4000 in Deutschland. An diesen Zahlen halte man fest, wolle aber die Details noch mit den Arbeitnehmervertretern klären, hatte Sewing bei der Bilanzvorlage Anfang Februar erklärt.

Milliardenschwere Verluste

Der amtierende Vorstandschef John Cryan hatte sich vor Ostern noch kämpferisch gegeben und deutlich gemacht, dass er seine Aufgabe als noch nicht erfüllt sehe. Doch war ihm am Ende kein Glück beschert. Drei Jahre hintereinander musste er Verluste verkünden.

Dabei hatte er, als er Mitte Juli 2015 den damaligen Co-Vorstandsvorsitzenden Anshu Jain ablöste, die Bank wieder auf Kurs bringen sollen. Cryan, der wegen seiner Zeit als Finanzchef der schweizerischen Großbank UBS als harter Sanierer gilt, gelang es immerhin, die größten Rechtsstreitigkeiten der Bank beizulegen. Das aber kostete Milliarden an Geldstrafen. Im Oktober 2016 brachte dies die Bank an den Rand des Abgrunds, Cryan schaffte es aber, die drohende Strafe in den USA herunterzuhandeln. Er stärkte die Bank mit einer milliardenschweren Kapitalerhöhung. Außerdem holte er die Postbank in den Konzern zurück, weil die sich nicht zum erhofften Preis verkaufen ließ.

Vertrauen verspielt

Schließlich brachte er vor Ostern einen Teil der Vermögensverwaltungstochter DWS an die Börse. Zudem hatte die Bank mit ihrem Verhalten während der Finanzkrise Vertrauen bei ihren Kunden verspielt. Die Lage an den Finanzmärkten spielte der größten deutschen Bank nicht in die Hände. Ihre Erträge vor allem im Devisen- und Anleihehandel schrumpften stark. Und schließlich verhagelte für 2017 die Steuerreform in den USA der Bank die Bilanz. Schon seit längerem galt das Verhältnis zwischen Aufsichtsratschef Paul Achleitner und Cryan als zerrüttet.

Deutlich wurde das etwa, als Cryan sich zunächst weigerte, mit dem neuen Großaktionär der Bank, der chinesischen HNA-Gruppe, zusammenzutreffen. Auch Großaktionär Katar wurde unruhig und verlangte nach einem Kurswechsel. Cryan schaffte es zudem nicht, die Diskussionen um die Strategie innerhalb der Bank zu beenden. Der starke Kursrutsch der Aktie in den letzten Wochen hatte gezeigt, dass auch die Anleger ungeduldig wurden. Vor dem designierten neuen Chef liegt also eine gewaltige Herausforderung.


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