Achim Gabor im Interview „Der Sneaker spielt eine große Rolle“

Meine Nachrichten

Um das Thema Wirtschaft Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Rosenheim/Osnabrück. Der Schuheinzelhandel schließt das Jahr mit einem Umsatzwachstum von 1,5 Prozent ab. Dabei zeigte sich, dass Händler, die online und stationär unterwegs sind, sich deutlich besser entwickeln. Ein Gespräch mit dem gebürtigen Pinneberger Achim Gabor, Vorstandsvorsitzender der Gabor Shoes AG, über die Schuhbranche, E-Commerce und die Fertigung der Zukunft.

Herr Gabor, Deutschland ist einer der wichtigsten Absatzmärkte für die Schuhindustrie. Welche Zukunftstrends verfolgen Sie als Hersteller?

Wir denken unter anderem darüber nach, die Individualisierung in die Produktion mit einfließen zu lassen. Da spielt der 3D-Druck eine Rolle, den wir im Sohlenbereich in der Entwicklung schon einsetzen. Wir überlegen aber auch, wie der 3D-Druck für einen Komplettschuh umgesetzt werden könnte. Das Schuhgeschäft der Zukunft wird deutlich kleiner sein als heute. Die Kundin kann sich im Geschäft im Internet über das Angebot informieren. Ihr Fuß wird gescannt, sodass anhand der Daten die passende Leistenform zugeordnet werden kann. Dann werden Farben und Materialien auf Granulatbasis ausgesucht, vielleicht gibt es auch Strickautomaten, wie bei vielen Sportschuhen, im Geschäft. Und den morgens bestellten Schuh kann die Kundin dann nachmittags abholen - oder er wird mit der Drohne nach Hause oder zum Arbeitsplatz geliefert. Auch mit solchen Dingen beschäftigen wir uns.

Der E-Commerce wächst in der Schuhbranche stetig und seit Dezember gibt es eine eigene Gabor-Plattform im Netz. Was hat es damit auf sich?

Es ist wichtig, sich auch als Marke online aufzustellen. Daher haben wir eine Partnerplattform gestartet, an die wir stationäre Händler anbinden. Die Resonanz war sehr groß, spontan haben sich 70 Händler gemeldet, die sich nun qualifizieren müssen. Bis zu 80 Händler können wir aufnehmen. Dahinter werden sich hunderte Filialen verbergen.

Wie funktioniert sie?

Das Ziel ist Letztenendes eine durchgehende Omnichannel-Strategie. Mit Terminals in einigen Shops holen wir bereits Kunden ab, die stationär im Geschäft sind und darüber das komplette Sortiment angezeigt bekommen. Beim Online-Marktplatz ist der Kunde im Internet unterwegs und sucht nach Gabor-Schuhen. Das System sucht, welcher Händler den Schuh liefern kann und teilt die Order zu. Somit macht der Händler das Geschäft mit dem Kunden. Wird keiner gefunden, verschicken wir die Ware aus unserem Logistikzentrum. Wichtig ist: Der Handel hat Priorität. Wenn man so will, ist es vom Prinzip ein kleines Amazon.

Statistisch gesehen geben Frauen wesentlich mehr für Schuhe aus als Männer. Ist das ein Pluspunkt für Ihr Familienunternehmen?

Damenschuhe haben bei der Gabor Shoes AG einen Anteil von 99 Prozent, daher kommt uns dieser Trend sehr zugute. Herrenschuhe vertreiben wir unter der Marke Pius Gabor, aber nur sehr selektiv. Hier ist das Interesse insbesondere in Korea groß. Anders sieht die Verteilung bei unserer Lizenzmarke camel active aus, dort spielt der Herrenschuh die deutlich wichtigere Rolle. Der Damenanteil liegt bei lediglich rund 15 Prozent.

Will man den Herren-Anteil bei der Kernmarke erhöhen?

Wir haben vor einigen Jahren gemerkt, dass wir mit Herrenschuhen unter der Marke Gabor Schwierigkeiten haben, da sie sehr feminin geprägt ist. Pius ist männlich geprägt, hier müssen wir sehen, welche Potenziale sich heben lassen. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass Herrenschuhe auf unserer Onlineplattform eine größere Rolle spielen könnten.

Die Erstorder-Zahlen gehen zurück, stattdessen wird unter der Saison vom Handel nachbestellt. Wie schlägt sich das im Produktionsprozess nieder?

Wir gehen sehr weit ins Risiko und arbeiten mit Prognosen, sowohl anhand von Marktdaten, als auch mithilfe von Infos unserer Kunden und Lieferanten. Um dem Handel kurzfristig nachliefern zu können, haben wir einen hohen sechsstelligen Anteil an Paar-Schuhen auf Lager. Das fällt uns vielleicht leichter als anderen Herstellern, da wir zu rund 88 Prozent in unseren eigenen Werken Europa fertigen, in der Slowakei und Portugal.

Eine Produktion in Europa ist für Hersteller jedoch ein Kostenfaktor.

Da wir unseren Kostenblock gut in Griff haben, macht es für uns immer noch Sinn, in Europa zu produzieren. Auch wenn der Lohnanstieg in den vergangenen drei bis vier Saisons extrem war. Aber genau so ist es in Asien gewesen, weshalb einige Hersteller von dort nach Europa zurückverlagert haben. In erster Linie nach Osteuropa. Die Europa-Produktion bringt aber auch Vorteile, insbesondere Schnelligkeit und Flexibilität sowie ein hohes Qualitätsniveau, weil wir in unseren eigenen Werken produzieren.

Setzt Gabor mit Blick auf die Kosten auch auf Automation?

Wir haben in Portugal eine Roboterstraße entwickelt, um das Thema langsam einzuführen. Trotzdem ist das Produkt Schuhe und auch die Verarbeitung von Leder, das wir zu 85 Prozent aus Italien beziehen, sehr aufwendig. Jedes einzelne muss angefasst werden, um mögliche Schadstellen zu erkennen und in jedem Schuh steckt viel Handarbeit.

Nun ist es nicht unbedingt der Lederschuh, sondern der Sneaker, der seit einigen Jahren im Trend liegt. Das ist auf den ersten Blick nicht die Stärke von Gabor. Wie halten Sie dagegen?

Gabor steht für Ballerinen, Pumps und Stiefel, das ist richtig. Das Thema Sneaker ist somit für uns eine Herausforderung, denn wir stecken in einer Schublade. Dabei führen wir sportive Marken seit den 80er Jahren. Heute spielt der sportliche Schuh, der Sneaker, mit rund 30 Prozent Anteil am Umsatz in einer Frühjahr-Sommer-Kollektion für uns eine sehr große Rolle spielt. Etwa 1000 der insgesamt 3000 Modelle in der aktuellen Kollektion sind Sneaker.


Im zurückliegenden Geschäftsjahr 2017 hat die Gabor Shoes AG fast neun Millionen Paar Schuhe verkaufen – annähernd so viele wie im Jahr zuvor. Daran hatte die Kernmarke Gabor einen Anteil von gut acht Millionen Paar. Der Exportanteil am Umsatz blieb konstant bei 51 Prozent. Insgesamt lag der Umsatz des Familienunternehmens mit Sitz in Bayern bei 383 Millionen Euro. Auf das aktuelle Geschäftsjahr schaut Vorstandsvorsitzender Achim Gabor, der das Unternehmen in zweiter Generation führt, nach den Erstverkäufen der Frühjahr-Sommer-Kollektion 2018 optimistisch.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN