Bauern berichten über Rinderherpes BHV-1: Das Todesurteil für Kühe - egal, ob krank oder nicht

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Wird in einer Rinderherde BHV-1 entdeckt, bedeutet das den Tod für die Tiere – damit sich die Seuche nicht verbreitet. Foto: dpaWird in einer Rinderherde BHV-1 entdeckt, bedeutet das den Tod für die Tiere – damit sich die Seuche nicht verbreitet. Foto: dpa 

Osnabrück. Die Diagnose BHV-1 ist ein Todesurteil. Hinter der Chiffre steckt die Krankheit Rinderherpes. Für Menschen ungefährlich, für Kühe aber tödlich. Selbst dann, wenn sie gar nicht erkrankt sind, sondern den Erreger oder Antikörper nur in sich tragen. Hunderte Tiere sterben jedes Jahr, um die Seuche im Griff zu halten. Jetzt hat es zwei Betriebe im Landkreis Osnabrück getroffen.

Am Morgen habe er die Kälber noch gefüttert. „So wie immer“, erzählt Bernhard Berends. Auch wenn das eigentlich keinen Sinn machte. „Mir war ja klar, dass die Tiere zwei Stunden später sterben werden. Wissen Sie, damit kämpfe ich heute noch.“ Berends ist Milchbauer, 55 Jahre alt, gestandener Unternehmer aus Ostfriesland. Aber das, was er im Herbst erlebte, hat ihn und seinen Betrieb aus der Bahn geworfen.

Es fing an mit vier kranken Kühen. „Ich dachte, die hätten vielleicht etwas Falsches auf der Weide gefressen und sich vergiftet.“ Der Tierarzt kam, nahm Proben, am nächsten Tag die Diagnose: BHV-1 – auch bekannt als Rinderherpes. „Alles danach habe ich wie im Traum erlebt, es ist einfach so abgelaufen und ich musste zuschauen.“

270 Tiere wurden auf behördliche Anweisung getötet. In dritter Generation arbeitet die Familie Berends mit der Herde zusammen. Der Erreger machte dem ein Ende. „Meine Familie und ich haben den Hof an dem Tag verlassen. Das konnten wir einfach nicht mit ansehen“, sagt der Landwirt. Als er zurückkam, war kein Tier mehr auf dem Betrieb. Der Stall stand leer.

„Ich habe meinen Vater zum ersten Mal weinen sehen“

Wer mit betroffenen Milchbauern spricht, hört solche Geschichten immer und immer wieder. BHV-1 ist der Albtraum vieler. Auch und gerade weil viele Kühe und Kälber gesund sind, wenn sie frühzeitig getötet werden. „Da muss man den Verstand ausschalten, wenn die gesunden Tiere weggebracht werden. Sonst hält man das nicht aus“, sagt Jens Beckmann. Ihn traf es im Januar. Bei einer Routinekontrolle wurde der Erreger auf seinem Betrieb in Padenstedt, Schleswig-Holstein festgestellt. Bis zum 28. Februar hatte er Zeit, die 880 Tiere töten zu lassen, an dem Tag ging das letzte Kalb zum Schlachter. „Das war das erste Mal, dass ich meinen 84 Jahre alten Vater habe weinen sehen“, erzählt Beckmann von den Tagen, als die Transporter mit seinen Kühen zum Schlachthof fuhren.

Tiere ohne entsprechende Symptome wie Atemwegsentzündungen oder Fieber, die aber dennoch den Erreger oder Antikörper in sich tragen, dürfen geschlachtet und das Fleisch verkauft werden. So lange wird auch die Milch weiter vermarktet. Für Menschen ist Rinderherpes ungefährlich. Ist die Krankheit aber ausgebrochen, endet das Leben der Tiere noch auf dem Hof. Das gilt auch für trächtige Kühe. Erst im vergangenen Jahr hatte der Bundestag den Transport trächtiger Rinder eingeschränkt. (Weiterlesen: Weiterer Fall von Rinderseuche im Landkreis Osnabrück)

Für die Bauern ist das ein harter Einschnitt. Psychologisch wie wirtschaftlich. Die Tierseuchenkasse zahlt zwar Entschädigungen. Aber sämtliche Kosten deckt das nicht. Beckmann rechnet vor: „Der Viehbestand war etwa 1 Millionen Euro wert.“ Den größten Teil habe die Tierseuchenkasse übernommen, „aber auf 300.000 Euro bin ich sitzen geblieben.“

Deutschland gilt als BHV-1-frei

Deutschland gilt seit Juni 2017 als BHV-1-frei – das heißt: in 99,8 Prozent der Milch- und Mutterkuhbestände kann Rinderherpes nicht nachgewiesen werden. Einzelne Bundesländer wie Schleswig-Holstein oder Niedersachsen schon länger. 20 Jahre hat es gedauert, die Bundesrepublik zu sanieren, wie es im Fachjargon heißt. Das bringt vor allem finanzielle Vorteile mit sich: Der Tierhandel innerhalb Deutschlands, der EU aber auch mit Drittstaaten vereinfacht sich. Rinder aus dem Herpes-freien Deutschland sind in einigen Regionen gefragter als beispielsweise Tiere aus in den Niederlanden, wo der Erreger in vielen Ställen zu finden ist.

BHV-1- frei heißt aber nicht, dass es nicht zu Ausbrüchen und Nachweisen der Erkrankung kommt. In diesem Jahr waren es bereits zwei Betriebe im Osnabrücker Land, vier Betriebe in Schleswig-Holstein und einer in Mecklenburg-Vorpommern. Macht zusammengerechnet etwa 4300 Rinder, die vorzeitig starben – bei den meisten war die Krankheit nicht ausgebrochen. Das ist der Preis, den Deutschland für seinen Status zahlt.


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