Das Geschäft mit der Pflege Warum Hedgefonds in deutsche Pflegeheime investieren

Von Dirk Fisser und Manuel Glasfort

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Das deutsche Pflegesystem ist ein lohnenswertes Investment für internationale Hedgefonds. Foto: dpaDas deutsche Pflegesystem ist ein lohnenswertes Investment für internationale Hedgefonds. Foto: dpa

df/mgl Osnabrück. Was verbinden Sie mit Pflege? In den Nachrichten dominieren die Meldungen von schlechter Entlohnung, harten Arbeitsbedingungen und miesen Lebensumständen in Heimen. Es gibt aber auch andere Schlagzeilen, die weniger beachtet werden: von milliardenschweren Übernahmen oder Hedgefonds aus Steuerparadiesen, die in den deutschen Pflegemarkt einsteigen. Wie passt das zusammen?

Für die Alloheim-Gruppe läuft es derzeit schlecht in Sachen Außenwahrnehmung. In Schleswig-Holstein, im Emsland, in Bremen und Hannover, in Süddeutschland: Überall wird über Probleme in Heimen des Konzerns berichtet. Von überlastetem Personal ist die Rede, von zweifelhaften hygienischen Zuständen und baulichen Mängeln. In einzelnen Fällen wie zuletzt in Bremen hat die behördliche Aufsicht kurzfristige Aufnahmestopps über Einrichtungen verhängt.

Der Konzern wehrt sich gegen die Vorwürfe. „Die Berichterstattungen rund um unsere Einrichtungen sind falsch“, teilt eine Sprecherin auf Nachfrage mit. Einzelne unzufriedene frühere Mitarbeiter wollten ihrem Ex-Arbeitgeber „eins auswischen“, vermutet sie eine der Ursachen für die Häufung der Negativ-Schlagzeilen. (Weiterlesen: Angehörige kritisieren Zustände im Alloheim in Lingen)

Die Sache mit dem Profit

Für Gewerkschaften und Teile der Politik ist die Unternehmensgruppe zum Sinnbild dafür geworden, was in der Pflege falsch läuft. Die schleswig-holsteinische SPD-Landtagsabgeordnete Birte Pauls etwa schimpfte, es könne nicht sein, dass europäische Aktiengesellschaften wie Alloheim „die Pflege von Menschen und ihr Leben in Pflegeheimen zur Gewinnmaximierung und zum Erwirtschaften möglichst hoher Renditen ausnutzen.“ Die Sprecherin des Düsseldorfer Unternehmens spricht von „fehlender Sachkenntnis“ bei den Kritikern.

Alloheim, in den 70ern als einzelnes Pflegeheim im Westerwald gegründet, ist in den vergangenen Jahren von einem an den anderen Finanzinvestor weitergereicht worden. Ein Überblick: 2013 kaufte die US-amerikanische Carlyle-Gruppe dem Londoner Finanzinvestor Star Capital Partners die Unternehmensgruppe ab. 2017 übernahm Nordic Capital mit Sitz auf der Kanalinsel Jersey Alloheim, Kaufpreis: 1,1 Milliarden Euro. Ein Megadeal, aber bei Weitem nicht der einzige. Die Fachzeitschrift „Altenheim“ listet 13 größere Übernahmen seit Sommer 2013 auf, bei der zwischen 900 und 20.000 Betten den Eigentümer wechselten.

Es geht natürlich auch eine Nummer kleiner: Im Sommer vergangenen Jahres genehmigte das Bundeskartellamt beispielsweise die Übernahme von einzelnen Heimen im emsländischen Aschendorf sowie in Oldenburg durch einen Investmentfonds – ebenfalls mit Sitz im Steuerparadies Jersey zwischen Frankreich und Großbritannien.

Marktführer sind Wohlfahrtsverbände

Es ist viel Bewegung im Pflegesektor. Für dieses Jahr rechnen Analysten mit Übernahmen in einer Größenordnung von einer Milliarde Euro – allein, was die Gebäude angeht. Dabei drängt das Kapital nur auf einen Teil des Marktes: 40 Prozent Heimplätze werden von privaten Betreibern abgedeckt. Freigemeinnützige Heime beispielsweise von der Caritas oder der Diakonie sowie kommunale Einrichtungen machen nach wie vor 60 Prozent des Marktes aus.

Von den zehn größten Betreibern sind laut Fachzeitschrift „Altenheim“ aber wiederum sechs privat, zwei börsennotiert und gerade einmal zwei gemeinnützig. Alloheim wird mit mehr als 14.000 Betten in ganz Deutschland auf Platz zwei gelistet. Hinter der Korian AG mit 24641 Betten verteilt auf 221 Heime.

Pflege in Deutschland. Grafik: dpa

Der Pflegesektor ist ein lohnendes Geschäftsfeld mit stabilen Erträgen. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hat Hunderte Jahresabschlüsse von Heimen ausgewertet. Das Ergebnis: Der Gewinn bei privaten Betreibern war im Schnitt mehr als doppelt so hoch wie der der freigemeinnützigen oder der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz. Wie das geht? Zum einen durch Größenvorteile: Einzelne Aufgaben wie das Reinigen von Wäsche oder die Personalverwaltung können zentral erledigt oder im Zweifelsfall sogar an günstigere externe Dienstleister vergeben werden. (Weiterlesen: Spahn will bei Pflege-Problemen anpacken)

Der wichtigste Faktor scheinen die Personalkosten zu sein. Die RWI-Experten haben ermittelt, dass die Ausgaben für Personal im privaten Bereich etwa zehn Prozentpunkte geringer sind. Bei der Gewerkschaft Verdi heißt es auf Nachfrage, der Profit werde über Einsparungen beim Personal erwirtschaftet. „Das Ergebnis ist eine chronische Unterausstattung an Personal, was wiederum zu einer enormen Belastung für die Beschäftigten führt und auch Auswirkungen auf die Pflegequalität hat“, sagt Astrid Sauermann aus dem Verdi-Fachbereich Gesundheit. Die Berichte über einzelne Heime der Alloheim-Gruppe scheinen diese Einschätzung zu bestätigen. Deren Sprecherin nennt die Meldungen einseitig. Und sie betont, Pflegequalität sei immer abhängig von den Mitarbeitern vor Ort. „Von Mitarbeiter, die unsere Qualitätsvorgaben nicht erfüllen, trennen wir uns.“

Negative Schlagzeilen hin oder her: Das Anlagekapital fließt weiter. Oftmals geht es dabei gar nicht um die Pflege selbst, sondern nur um die Immobilien, die gekauft und vermietet werden. Auch das lohnt sich, wie Georg Ritgen vom Immobilienberatungsunternehmen CBRE sagt: „Bei Pflegeimmobilien lag die Rendite im vergangenen Jahr bei rund 5,25 Prozent.“ Zum Vergleich: Büroimmobilien in deutschen Großstädten warfen laut Ritgen nur etwas mehr als drei Prozent ab. Solche Renditen locken auch Privatanleger außerhalb von Fonds. Es muss ja nicht immer ein ganzes Pflegeheim sein: Projektentwickler verkaufen auch einzelne Apartments in Pflegeheimen als Geldanlage.

Die scheint sicher: „Aufgrund der Alterung der Gesellschaft werden in Zukunft immer mehr Pflegeplätze benötigt“, sagt Jan Linsin, Leiter der CBRE-Forschungsabteilung. Das Angebot hinke aber schon heute der Nachfrage hinterher. „Es fehlt hinten und vorne an modernen Pflegeeinrichtungen.“ Um diese Lücke zu schließen, sei privates Kapital notwendig, ist Linsin sicher. Anders gesagt: Ohne das Geld der Investmentfonds droht Deutschland ein Pflegeengpass ungeahnten Ausmaßes.


Zahlen und Fakten

2,86 Millionen Menschen sind in Deutschland laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes pflegebedürftig, die meisten werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. 783.000 leben in Pflegeheimen. Etwa 14.000 Einrichtungen gibt es in Deutschland. Ungeachtet der Pflegeversicherung muss jeder Heimbewohner im Schnitt 1750 Euro pro Monat zu zahlen. Der Betrag unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland aber stark, zeigt eine Auswertung der Heimkosten durch den Verband der privaten Pflegeversicherung. Am meisten muss der Bewohner in Nordrhein-Westfalen mit etwa 2260 Euro im Monat aus eigener Tasche beisteuern. Bremen (1680 Euro), Niedersachsen (1423 Euro) Und Schleswig-Holstein (1471 Euro) liegen im Mittelfeld. Am günstigsten ist demnach Mecklenburg-Vorpommern mit 1161 Euro. Einer der Hauptgründe für die unterschiedlich hohen Zuzahlungen sind die Personalkosten: Jedes Bundesland hat eigene Vorgaben dafür, wie viel Personal in Pflegeheimen arbeiten muss. Zudem unterscheiden sich die Löhne deutschlandweit stark. (df)

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