Erst Altautos – jetzt Diesel Warum sich beim Schrotthändler nicht-schrottreife Autos stapeln

Von Kay Müller

Bei dem größten Autoverschrotter Deutschlands in Norderstedt stapeln sich Karossen, die noch gar nicht schrottreif sind. Foto: Kay MüllerBei dem größten Autoverschrotter Deutschlands in Norderstedt stapeln sich Karossen, die noch gar nicht schrottreif sind. Foto: Kay Müller

Norderstedt. Bei dem größten Autoverschrotter Deutschlands in Norderstedt stapeln sich Karossen, die noch gar nicht schrottreif sind. Ein Besuch bei Schrotthändler Ole Helbach.

Ole Helbach muss noch schnell ein Telefonat annehmen, dann kann es losgehen. „Wenn der Wagen gut ist, gibt es noch was dafür. Wie viel? Vielleicht hundert Euro“, sagt der Prokurist. Anrufe wie diesen hat er im Moment dauernd, denn Helbach arbeitet bei Kiesow, dem größten Autoverwerter Deutschlands in Norderstedt (Kreis Segeberg) – und bei dem stapeln sich im Moment im wahrsten Sinne des Wortes Autos, die eigentlich gar nicht dorthin gehören. „Seit das mit den Abwrack-, Umwelt- oder wie diese Prämien genau heißen angefangen hat, haben wir viele hundert Autos zusätzlich bekommen – alles Diesel“, sagt Helbach.

Erst Altautos – jetzt Diesel

In einem Jahr nimmt er sonst so um die 4000 Autos an, jetzt könnten es locker 5000 werden, schätzt er. Kapazitäten habe er genug: Als es 2009 schon einmal eine Abwrackprämie für Altautos gegeben habe, habe er über 16.000 Autos angenommen. Das betraf aber auch alle Altautos, jetzt geht es nur um Diesel-Fahrzeuge. Gut möglich , dass einige darunter sind, die erst vor neun Jahren im Zuge der alten Abwrackprämie angeschafft und zugelassen wurden. „Das ist im Moment schon eine verrückte Welt für Autoverwerter“, sagt Helbach, der seit 1984 bei Kiesow arbeitet, sein Onkel hat den Schrotthandel eröffnet.

„Verrückte Welt für Autoverwerter

Allein rund 100 VW-Touran hat Helbach in den vergangenen Monaten angenommen – zum Ausschlachten. „Durch die Prämien ist der Gebrauchtwagenmarkt quasi tot“, sagt Helbach. Und weil die Autohersteller bei Neukäufen Summen von vielen tausend Euro böten, sei es eben attraktiv für viele Autobesitzer, jetzt einen Neuwagen anzuschaffen. „Es ist eine Mischung aus der Angst vor möglichen Fahrverboten, eventuell steigenden Preisen für Dieselkraftstoff und den aktuellen Preisvorteilen, der die Leute ihre Autos wegwerfen lässt“, sagt Helbach. Klar tue ihm das manchmal leid, dass so gute Fahrzeuge verschrottet werden, „aber irgendwann stumpft man vielleicht auch ein bisschen ab.“

Der 53-Jährige wandert über den Platz, um zu zeigen, wie er das meint. Ein Gabelstapler hebt gerade einen VW-Caddy eines örtlichen Malers von einem Abschleppwagen. Der Nutzwagen sieht gut aus, hat keinen Kratzer und wird neben viele andere Transporter gestellt, die bei Kiesow ausgeschlachtet werden. „Viele Firmen haben mit den Herstellern verhandelt und erneuern jetzt ihre Fuhrparks“, sagt Helbach. Doch auch Privatleute reagieren auf die Dieselskandale und steigen um. Neulich sei ein Mann da gewesen, weil er in der Umweltzone einer Innenstadt wegen seines alten Diesel-Mercedes‘ ein Strafmandat bekommen habe. „Das hat den so genervt, dass er sich einen Elektrosmart gekauft hat.“ Viele andere steigen auf Benziner um, viele oft gepflegte Altautos bringen die Händler dann zum Schrottplatz, der die nicht weiterverkaufen darf. „Ich vermute, dass es schwarze Schafe gibt, die das trotzdem machen“, sagt Helbach. „Aber bei uns gibt es das nicht.“ (Weiterlesen: Alles zur Umweltprämie von VW, Audi, Seat, Porsche, Opel, Renault und Skoda)

Als nächstes wird ein Mercedes ML abgeladen. „Der ist doch noch völlig in Ordnung“, sagt Helbach und öffnet die Fahrertür. „152000 Kilometer gelaufen, das ist für einen Diesel praktisch nichts – der hätte locker noch einige Jahre fahren können.“ Auf dem Beifahrersitz liegt ein Zettel, auf dem steht, welchen Wagen der Besitzer sich bestellt hat. Ein VW T 6 Multivan, für den es eben viel Preisnachlass gibt.

Ein paar Meter weiter steht der Vorgänger, ein T 5, voll ausgestattet, und vor ein paar Monaten sicher noch ein gefragter Gebrauchtwagen, der viele tausend Euro Wert gewesen sei. Jetzt nicht mehr. Die Räder sind ab, bald wird er ausgeschlachtet, weil er den falschen Motor hat. Davor kommt er in die Demontagehalle, wo zwei der rund 30 Kiesow-Mitarbeiter die Teile abbauen, die sich gut verkaufen lassen. Dann werden die Flüssigkeiten abgelassen, anschließend kommt der Wagen auf den großen Platz, wo jeder Schrauber abbauen kann, was er noch brauchen kann. „Für Leute, die gerade Teile suchen, ist das natürlich ein Traum“, sagt Helbach.

Noch vor ein paar Monaten sei das anders gewesen. Da hätte er für rare Autos wie etwa einen Golf V schon mal tausend Euro bezahlt – jetzt weiß er kaum mehr wohin mit den Autos. Doch auch wenn sich die Autos stapeln, sagt Helbach: „Mal immer her mit den Autos.“ Denn die würden ja nicht schlecht – und wer wisse schon, ob die Diesel-Ära wirklich zu Ende gehe. Noch heben sie bei Kiesow jedenfalls auch alte Motoren auf.

Und Helbach selbst? Er hat sich 2009 einen BMW gekauft – gebraucht. Der sei noch in Ordnung – und ein Diesel. Ole Helbach wird ihn erstmal weiterfahren.