Russland-Serie Start-ups: Zwischen regionaler Identität und Silicon Valley

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Regionale Identität: Für die beiden Gründer Fedor Smirnov und Artem Korovin ist das wichtig. Sie haben in der sibirischen Millionenstadt Krasnoyarsk vor drei Jahren ein eigenes Unternehmen gegründet und stellen Brillen aus Holz her. Foto: BrevnoRegionale Identität: Für die beiden Gründer Fedor Smirnov und Artem Korovin ist das wichtig. Sie haben in der sibirischen Millionenstadt Krasnoyarsk vor drei Jahren ein eigenes Unternehmen gegründet und stellen Brillen aus Holz her. Foto: Brevno

Osnabrück. Als zweites Silicon Valley ist Russland nicht gerade bekannt. Es gibt sie jedoch, junge Tech-Firmen wie N-TechLab, die mit ihrem Algorithmus zur Erkennung charakteristischer Gesichtsmerkmale sogar Googles FaceNet hinter sich gelassen haben. Daneben hat sich aber auch eine Szene derer entwickelt, die handwerklich mit Produkten „made in Russia“ Erfolg haben – ganz ohne Unterstützung vom Staat.

„Made in Siberia“, für Fedor Smirnov und Artem Korovin hat dieses Label einen ebenso hohen Stellenwert wie für viele deutsche Gründer ein „Made in Germany“. Seit drei Jahren fertigen sie mit einem sechsköpfigen Team in der sibirischen Millionenstadt Krasnoyarsk Brillen aus Holz – bis zu 500 Stück im Monat.

Diskussion über regionale Identität gab den Anstoß

„2013 gab es eine große Diskussion über regionale Identität“, erinnert sich Smirnov. Das hat ihn zum Nachdenken gebracht. Was für ein Produkt transportiert die Emotion und das Bild seiner Heimat Sibirien? Das Foto einer Holzbrille hat Smirnov und Korovin auf die Idee gebracht, selbst Brillen zu produzieren – obwohl keiner von ihnen aus der Optik-Branche oder dem Tischlerhandwerk kommt. Mithilfe von Internet-Tutorials und Foren zur Holzbearbeitung haben sie sich ihr Wissen angeeignet. Eine Industrie zur Brillenproduktion, von der man abschauen könnte, gebe es in Russland nicht, sagt Smirnov, noch keine 30, zur damaligen Zeit Manager eines IT-Unternehmens, das sich mit künstlicher Intelligenz für Smartphones auseinandersetzt.

IT-Hochburg Skolkovo nahe Moskau

Im mehr als 4000 Kilometer entfernten Moskau ist IT eher die Branche, mit der sich eine Vielzahl von Gründern beschäftigt. Die Hauptstadt hat sich in den vergangenen Jahren mithilfe des Start-up-Village Skolkovo – oft auch russisches Silicon Valley genannt – zu einem Hightech-Standort entwickelt. Mehr als 1000 Unternehmen, hauptsächlich aus den Bereichen Energie, Kerntechnik, Raumfahrt, Telekommunikation und Biomedizin, haben nach Angaben der Skolkowo-Stiftung, die das Innovationszentrum leitet, dort ihren Sitz. In einer vom Staat unter anderem durch Steuererleichterungen geförderten Umgebung.

Learning by doing

Auf die Hilfe des Staats haben Fedor Smirnov und Artem Korovin verzichtet. Vielmehr haben sie mit einem Startkapital von jeweils rund 500 Euro begonnen. „Mehr zu riskieren war für uns keine Frage“, erinnert sich Smirnov. Es war die Idee, der Heimatgedanke, der die beiden Gründer begeistert hat. „Alles, was wir eingenommen haben, haben wir wieder ins Unternehmen investiert.“ Entsprechend sei die Produktion zu Beginn mehr eine Nebentätigkeit gewesen. „Als Unternehmen haben wir uns gar nicht betrachtet.“ Auch weil nichts, was sie gemacht haben, gradlinig verlaufen sei.

Internationale Kooperationen

Da weht in Skolkovo ein etwas anderer Wind, auch aufgrund internationaler Kooperationen. Auch deutsche Unternehmen investieren, unter anderem die Bayer AG. Sie unterstützt zusammen mit dem russischen Fonds zur Entwicklung von Internet-Initiativen (FRII) Start-ups im Agrarsektor – mit 50000 Euro Startkapital und einer Infrastruktur im Moskauer Büro. Der Darmstädter Dienstleister Darz hat jüngst 1,5 Millionen US-Dollar in das Unternehmen Playkey aus der Skolkovo-Schmiede investiert. Das Start-up ist darauf spezialisiert, Spiele mit einem hohen Datenvolumen auch auf schwächeren Computern zum Laufen zu bringen, und will sich nun auf eine Expansion in den chinesischen und europäischen Markt vorbereiten. Die von Robot Control Technologies entwickelte Schnittstelle, um zwischen unterschiedlichen Programmiersprachen zu übersetzen, kommt zum Beispiel beim Roboterhersteller Kuka zum Einsatz. Und das Bildungsprojekt Yaklass ist heute als Plattform in mehr als 27000 Schulen in Russland, Lettland, Armenien, Österreich, der Ukraine und der Republik Belarus präsent.

Auslandshandelskammer: Neue Gründergeneration

Für Dmitrij Kononenko, Bereichsleiter Digitalisierung und Zukunftstechnologien der AHK Russland, ist die Gründerszene insgesamt frisch und innovativ. „Es ist eine neue Gründergeneration herangewachsen, die marktwirtschaftlich sozialisiert wurde und über ein internationales Business mindset verfügt.“ Allerdings sei die Konzentration der Szene auf Moskau und Sankt Petersburg problematisch und es fehle an Wagniskapital. „Bankkredite sind aufgrund der hohen Zinsen wenig erschwinglich – erst recht für Start-ups.“ Und die Anzahl privater Investoren und Business Angels liege weit hinter der entsprechenden Anzahl in Start-up-Großmächten wie USA, Israel und Finnland. Die USA ist – nach den GUS-Staaten – unter anderem aufgrund ihrer Gründerkultur auch der wichtigste Markt für Start-ups in Russland. Deutschland, so Kononenko, liege nach Ost- und Südostasien auf Rang vier.

Zugang zu Finanzierung schwierig

Der Zugang zu Finanzierung ist auch ein Kritikpunkt des „Global Startup Ecosystem Report 2017“, der jährlich von den „Compass“-Analytikern aus San Francisco ermittelt wird. Aus den Top 20 der Start-up-Ökosysteme ist Moskau im vergangenen Jahr rausgefallen. Obwohl die Hauptstadt beim Faktor Talent ganz vorne dabei ist – vor dem Silicon Valley. Aber: „Moskau leidet unter einem Politikum, das zu einer Abwanderung von Talent, Kapital und Investoren geführt hat“, heißt es in der Analyse. Mikhail Ernan, Direktor des HSE Incubators, kritisiert zudem: „Es gibt viele talentierte Ingenieure in Moskau und anderen großen russischen Städten. Daher gibt es viele High-Tech Start-ups, die ganz am Anfang sind. Aber es fehlen Unternehmer.“ Trotz Talenten, einer hohen Zahl junger Unternehmen und eines großen Marktes gebe es heute wenig international erfolgreiche Start-ups. Auch ausländische Jungunternehmer gibt es in Russlands Hauptstadt wenige, sie bekommen selten Visa. Hier verspricht Alexey Parabuchev, Head of Muscow Agency of Innovations, jedoch Besserung.

Mittlerweile in zwölf Städten präsent

Externe Finanzierung brauchen Fedor Smirnov und Artem Korovin bis heute nicht. Das kleine Imperium des Duos wächst kontinuierlich. Bestellungen kommen mittlerweile nicht nur aus Städten in ganz Russland, sondern ebenso aus den USA, Deutschland, Italien, Spanien oder Korea. Auch Shops gibt es unter anderem in Sochi, Sankt Petersburg, Moskau, sowie international in Italien, Frankreich oder Großbritannien. Diese Vielfältigkeit ist ihnen wichtig, sagen die beiden Gründer.


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