Bauern in Sorge Bald verboten: Ferkel werden ohne Betäubung kastriert

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Ein sieben Wochen alter Eber. Foto: dpaEin sieben Wochen alter Eber. Foto: dpa

Osnabrück. Jedes Jahr werden in Deutschland Millionen Ferkel kastriert. Bei vollem Bewusstsein. Doch ab dem 1. Januar 2019 muss damit Schluss sein. Der Gesetzgeber hat den Eingriff aus Tierschutzgründen verboten. Die Landwirte fragen sich, wie es weitergehen soll. Eine Antwort darauf gibt es bislang nicht.

Beim Bundeslandwirtschaftsministerium hält man daran fest: Das bereits 2013 beschlossene Verbot der betäubungslosen Kastration kommt. In einer Antwort auf eine Frage des Grünen-Bundestagsabgeordneten Friedrich Ostendorff heißt es: „Zum jetzigen Zeitpunkt geht die Bundesregierung davon aus, dass die Frist eingehalten werden kann.“

Bauernverband: Produktion verlagert sich

Der Bauernverband warnt vor den Folgen. Generalsekretär Bernhard Krüsken sagt: „Wir gehen davon aus, dass sich die Sauenhaltung ins Ausland verlagert, wo die Ferkel weiterhin ohne großen Aufwand betäubungslos kastriert werden.“ Schon jetzt ist der Branchenzweig mit am stärksten vom sogenannten Strukturwandel in der Landwirtschaft betroffen.

Von 2010 bis 2016 sank die Zahl der Bauernhöfe in Deutschland mit Sauen von 20.815 auf 11.907. Die Betriebe, die weitermachten, wuchsen: Die durchschnittliche Zahl der Sauen pro Hof stieg im selben Zeitraum von 114 auf 171. Die Nachfrage aber deckt das nicht. Viele Ferkel werden aus Dänemark oder den Niederlanden importiert, um dann in Deutschland gemästet und geschlachtet zu werden.

„Durch Däumchendrehen“, sagt Grünen-Politiker Ostendorff, habe die Bundesregierung diese Entwicklung angeheizt. Der Bundestagsabgeordnete und der Bauernverband beklagen, dass es keine Alternative zur betäubungslosen Kastration gibt, die über sämtliche Zweifel erhaben wäre. „Das Bundesministerium kann immer noch keine konkrete Strategie vorlegen“, sagt Ostendorff.

Warum Kastration?

Warum eigentlich der schmerzhafte Eingriff? Es geht einmal mehr ums Geld. Ein Teil der Eber – der Tierschutzbund spricht von bis zu fünf Prozent – wird zu sogenannten Stinkern. Aufgrund von Hormoneinlagerungen entwickelt ihr Fleisch einen unangenehmen Geruch und lässt sich kaum vermarkten. Werden die Hoden entfernt, kommt dieses Problem gar nicht erst auf.

Die Aufzucht von Ebern gilt zudem als schwieriger. Die Tiere sind potenziell aggressiver als die Kastraten, neigen dazu ihren Art- und Geschlechtsgenossen den Penis abzubeißen. Und zudem ist ihr Fleisch auch noch magerer, was die Vermarktung erschwert. Daher schließt die Branche in der breiten Masse diese naheliegende Alternative zur betäubungslosen Kastration für sich aus.

Impfverfahren zugelassen

Denkbar wäre eine Art Impfung, die die Hormonproduktion stoppt. Die Methode ist zugelassen und wird beispielsweise in Belgien angewendet. Aber hierzulande gibt es nach Angaben von Bauernvertretern Vorbehalte beim Einzelhandel gegen die sogenannte Immunokastration – aus Sorge der Verbraucher könnte um das Fleisch der behandelten Tiere einen Bogen machen.

Bliebe noch die Möglichkeit einer Betäubung. Das Narkosemittel Isofluran etwa raubt den Ferkeln für kurze Zeit das Bewusstsein, sodass sie die Kastration nicht unmittelbar spüren. Doch das Mittel ist für diesen Zweck nicht zugelassen. Es müsste zudem stets ein Tierarzt anwesend sein – nicht umsetzbar bei den vielen Millionen Ferkeln. Von landwirtschaftlicher Seite wird immer wieder eine lokale Betäubung ins Spiel gebracht - in der Branche auch gerne als vierter Weg bezeichnet.

Grüne appellieren an Klöckner

Dieser vierte Weg hat es sogar in den Koalitionsvertrag von Union und SPD geschafft. Dort heißt es: „Zusätzlich zu den bestehenden Wegen sollen für weitere tierschutz- und praxisgerechte Alternativen zur Ferkelkastration die rechtlichen Voraussetzungen auf wissenschaftlicher Grundlage geschaffen werden.“ Sprich: die Groko will forschen lassen. Experten aber sagen, diese Methode sei nicht mit dem Tierschutzgesetz in Einklang zu bringen, das eine komplette Schmerzausschaltung fordert. Den Ferkeln wird das Betäubungsmittel direkt in die Hoden injiziert – und das schmerzt.

Grünen-Politiker Ostendorff hält nichts davon. Die Bundesregierung müsse den Bauern beim Verzicht auf die betäubungslose Kastration helfen und den Weg weisen. Der Agrarexperte seiner Fraktion gibt der designierten Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) auf den Weg: „Ich fordere die angehende Ministerin auf, dieses Thema offensiv anzugehen, Umstellungspläne für die Bauern vorzulegen und Rechtsunsicherheiten zu klären.“ Viel Zeit bleibt Klöckner dafür jedenfalls nicht.


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