HDE-Präsident Sanktjohanser E-Commerce: „Gleiche Rahmenbedingungen in Gefahr“

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Das Online-Geschäft ist kapitalintensiv und komplex, begründete HDE-Präsident Josef Sanktjohanser die Tatsache, dass trotz des kontinuierlichen Marktwachstums nicht alle Händler von E-Commerce profitieren. Foto: dpaDas Online-Geschäft ist kapitalintensiv und komplex, begründete HDE-Präsident Josef Sanktjohanser die Tatsache, dass trotz des kontinuierlichen Marktwachstums nicht alle Händler von E-Commerce profitieren. Foto: dpa

Osnabrück. Der E-Commerce ist der Wachstumsmotor des Einzelhandels. HDE-Präsident Josef Sanktjohanser ermahnt die Politik, gleiche Voraussetzungen für Tech-Riesen und Mittelstand zu schaffen und warnt, dass Sprachassistenten ein Gatekeeper für die jeweiligen Unternehmen werden könnten.

Herr Sanktjohanser, Digitalisierung ist eines der großen Trendthemen – auch im Handel. Wo steht dieser zurzeit?

Wenn man die Digitalisierung auf einen Tagesablauf überträgt, sind wir bestenfalls beim Frühstücksei. Was da noch kommt, kann man nur erahnen. Fest steht aber, dass sich der Handel immer stärker in Richtung Technologiebranche entwickelt. Schwerpunkt ist die Verzahnung zwischen stationärem Geschäft und Online-Shop – hin zum sogenannten Multichannel-Handel. Die Kunden können dann in Zukunft noch einfacher die Vorteile aus beiden Welten nutzen. Anwendungen wie Innen-Navigation, digitale Produktinformationen oder mobile Bezahlung sind in aller Munde. Verkaufs- und Promotion-Roboter eröffnen neue Möglichkeiten, das digitale mit dem stationären Geschäft zu verbinden, und sie tragen zum Einkaufserlebnis bei. Der Handel befindet sich durch die Digitalisierung im größten Strukturwandel seit Einführung der Selbstbedienung. Die Kunden können sich auf viele neue Services und Angebote freuen.

Der Umsatz im E-Commerce wächst jedes Jahr um rund vier Milliarden Euro. Doch nicht jeder profitiert. Woher kommt der Zwiespalt?

Das Online-Geschäft ist sehr kapitalintensiv und benötigt in seiner Komplexität viele Ressourcen und Erfahrung. Dazu zählen neben der logistischen Infrastruktur und Warenverfügbarkeit auch Kundendaten. Kleine Unternehmen, aber auch der starke Mittelstand können sich nur mit einem hohen Aufwand positionieren – und brauchen eine digitale Infrastruktur, die gerade in strukturschwachen Regionen nicht immer vorhanden ist. Für Mittelständler liegen viele Potenziale in Kooperationen, vor allem in Genossenschaften. Für das erfolgreiche Online-Geschäft ist eine gewisse Größe nötig, aber auch rechtliche Freiräume.

Rechtliche Freiräume inwiefern?

Der kleine Onlinehändler muss die gleichen Chancen haben wie große Tech-Riesen. Die in Brüssel geplante E-Privacy-Verordnung beispielsweise bewirkt genau das Gegenteil. Wenn Händler in Europa in der Folge kaum noch personalisierte Werbung schalten können, so ist das ein Wettbewerbsnachteil gegenüber den Log-in-Giganten, die von vornherein auf einen Schlag vom Nutzer alle erforderlichen Einwilligungen einholen. Hinzu kommt auch, dass diese großen Unternehmen außerhalb der EU kaum greifbar sind und somit Sanktionen weniger befürchten müssen als Händler, die hier vor Ort sind. Wir wollen kein Anti-Amazon-Gesetz. Aber wir brauchen Chancengleichheit und fairen Wettbewerb zwischen allen Akteuren auf dem Markt.

Die Verordnung scheint eine Individualisierung der Kundenansprache, wie sie gerade den kleineren Einzelhändlern gepredigt wird, schwer zu machen.

Richtig, das ist so. Gerade kleine und mittelständische E-Commerce-Anbieter würden erheblich darin beeinträchtigt, neue innovative Geschäftsmodelle der Kundenansprache zu entwickeln. Daher kann der E-Privacy-Vorschlag im Ergebnis gerade für kleine Einzelhändler existenzgefährdend sein.

Viele Händler gehen auf sogenannten Marktplätzen Kooperationen mit Tech-Riesen ein. Ist das Fluch oder Segen?

Zunächst einmal ist der Verkauf über Online-Plattformen eine große Chance für kleinere und mittelgroße Händler, im Internet ihre Zielgruppe zu erweitern. Für viele ist es ja auch schlicht zu aufwendig, gleich einen eigenen Online-Shop zu eröffnen. Allerdings gibt es zwischen den großen Plattformunternehmen und dem mittelständischen Händler ein Ungleichgewicht in der Verhandlungsposition. Im Ergebnis fühlen sich dann viele Händler ungerecht behandelt. Am Ende muss jeder Händler für sich abwägen, ob durch die Präsenz bei einer Plattform oder einem Marktplatz die Vorteile die Risiken überwiegen.

Was mir bei diesem Thema noch besonders am Herzen liegt, ist, dass auch für die Plattformen und die dort vertretenen Händler der Grundsatz „Gleiches Recht für alle“ gelten muss. Ansonsten leidet der faire Wettbewerb. Es darf nicht sein, dass für viele Verkäufe aus dem nicht-europäischen Raum nach Deutschland über Amazon-Plattformbetreiber keine oder nicht die korrekte Umsatzsteuer abgeführt wird. Es geht um den Schutz der digitalen Außengrenzen des europäischen Binnenmarktes. Das beinhaltet auch, dass bei den Verbraucherschutzvorgaben sichergestellt sein muss, dass sie bei Verkäufen über eine Plattform eingehalten werden. Ansonsten sind die Händler in Deutschland, die sich an alle Vorschriften halten und eng kontrolliert werden, am Ende im weltweiten Wettbewerb die Verlierer. Denn die Erfüllung all dieser Regeln kostet ja auch Geld.

Die Digitalisierung spiegelt sich auch in Produkten wie Sprachassistenten wider, die auf künstliche Intelligenz setzen. Inwieweit spielt KI im Einzelhandel heute eine Rolle?

Für den Handel ist künstliche Intelligenz ein großes Thema. Künstliche Intelligenz hilft im Handel beispielsweise bei Prognosen, wann die Nachfrage nach welchen Produkten wie hoch sein wird. So können die Händler ihre Bestellmengen optimieren. Eine weitere Einsatzmöglichkeit ist die Berechnung der optimalen Lieferrouten, die Verkehrs- und Wetterdaten mit einbeziehen. Die Welt teilt sich nicht mehr in online und offline, die Grenzen verschwimmen. Dazu trägt der Bereich „Virtual Reality“ bei, der die neue Couchgarnitur „im eigenen Wohnzimmer“ planbar macht. KI spielt jedoch auch für ganz einfache Bereiche wie bei Kaufvorschlägen eine Rolle. Hier ist der Datenschutz wieder ein Thema, denn um diese Dienste anbieten zu können, müssen Kundendaten verarbeitet werden. Aber auch Sprachassistenten, deren Zahl in deutschen Haushalten dynamisch wächst, sind ein Thema. Es besteht die Gefahr, dass sie für ihre Unternehmen Gatekeeper-Funktionen aufbauen und der Wettbewerb dadurch beeinträchtigt wird. Es darf nicht passieren, dass Sprachassistenten entscheiden, welcher Hersteller oder Händler bevorzugt zum Zuge kommt.

Noch wenig präsent sind alternative digitale Zahlungsmittel. Ist Kryptowährung für den Handel ein Thema?

Kryptowährungen sind für die Bezahlung im Einzelhandel bisher nur ungenügend geeignet und bieten allenfalls in Nischenbereichen und vor allem aus Marketinggesichtspunkten eine interessante Option. Das Beispiel Bitcoin zeigt, dass die hohe Volatilität der Währungen eine kaufmännische Kalkulation besonders schwer macht. Zudem ist die technische Abwicklung im Massenzahlungsverkehr ungelöst, Zahlungen dauern einfach zu lange. Interessant ist die zugrunde liegende Blockchain-Technologie, aber auch im Handel und abseits des Payments. Die dezentrale Organisation von Informationsströmen und Zertifikaten wie zum Beispiel Besitz- und Herkunftsnachweisen könnte im Handel vielfältig genutzt werden. Im Payment selbst wäre aber auch die Diskussion über digitales staatliches Geld spannend. Hier stellt sich die Frage, inwiefern wir für die digitale Welt eine annähernd gleichwertige Alternative zum Bargeld bekommen können, die den Anforderungen an Sicherheit, Anonymität und Anbieterunabhängigkeit genügt.

In der Debatte um die Digitalisierung des Handels kommt die Diskussion immer wieder auf das Thema Sonntagsöffnung.

Diese Diskussion ist für den Handel nicht nur Symbolik. Die Städte wollen rechtssicher wissen, ob sie öffnen dürfen oder nicht – und wie oft. Die Politik muss ihren Blickwinkel öffnen und darf nicht nur verengt auf Partikularinteressen schauen. Die aktuelle Gesetzgebung läuft am Interesse der Kunden und Händler vorbei. Daher sind wir froh, dass das Thema in der Politik oben auf der Tagesordnung steht.

In welchen Bereichen sehen Sie für E-Commerce die größten Chancen?

Wachstumsmärkte sind ganz klar die Bereiche Technik, persönliche Ausstattung, zu dem auch Kosmetik gehört und Fashion. Das sind auch die Branchen mit dem höchsten Anteil am Online-Umsatz. Das Wachstum im Bereich des Online-Lebensmitteleinzelhandels wird sich weiterhin in Grenzen halten – dabei aber auch diese Branche und ihre Angebotsformen sowie das Kundenverhalten stark verändern.


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