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Forscher fordern Anhebung EU-Vergleich: Deutscher Mindestlohn relativ niedrig

Von Uwe Westdörp

Beim einem bundesweiten Aktionstag zum Mindestlohn sah man dieses Schild mit der Aufschrift „Mindestlohn für alle, jetzt.“. Foto: Daniel BockwoldtBeim einem bundesweiten Aktionstag zum Mindestlohn sah man dieses Schild mit der Aufschrift „Mindestlohn für alle, jetzt.“. Foto: Daniel Bockwoldt

Düsseldorf. Mit 8,84 Euro in der Stunde gilt in Deutschland im Vergleich mit anderen westeuropäischen Ländern ein eher niedriger gesetzlicher Mindestlohn. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung fordert deshalb eine deutliche Anhebung zum 1. Januar 2019.

Die Forscher des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung haben Mindestlöhne in der EU und darüber hinaus untersucht. Ergebnis: In Westeuropa wird fast überall mehr als 9,40 Euro gezahlt. Und: „Der deutsche Mindestlohn von 8,84 Euro ist auch gemessen am Lohnniveau im Land moderat.“

Zum Vergleich: In Belgien müssen mindestens 9,47 Euro gezahlt werden, in den Niederlanden 9,68 Euro, in Großbritannien und in Frankreich 9,88 Euro. Den höchsten Mindestlohn habe Luxemburg mit 11,55 Euro, teilte das WSI mit.

Auch gemessen am allgemeinen Lohnniveau ist der Mindestlohn in Deutschland eher niedrig. Hierzulande entsprach der Mindestlohn 2016 nur knapp 47 Prozent des Medianlohns. 13 EU-Staaten kamen auf höhere Werte, darunter Frankreich mit 60,5 Prozent. Als Medianlohn wird der Verdienst bezeichnet, der genau in der Mitte der Verteilung liegt, bei dem also die eine Hälfte der Erwerbstätigen mehr und die andere Hälfte weniger verdient.

Mindestlöhne gibt es dem Institut zufolge in 22 der 28 EU-Staaten. In 19 davon seien sie zum 1. Januar 2018 oder im Laufe des vergangenen Jahres erhöht worden - im Mittel nominal (ohne Berücksichtigung der Inflation) um 4,4 Prozent.

In Deutschland gilt der aktuelle Satz seit dem 1. Januar 2017, Mitte des Jahres berät die Mindestlohnkommission über eine Erhöhung. Die Experten forderten eine deutliche Erhöhung über die allgemeine Tarifentwicklung hinaus. Es müsse „überlegt werden, ob die derzeit außerordentlich günstigen ökonomischen Rahmenbedingungen nicht dafür genutzt werden können, um das niedrige deutsche Mindestlohnniveau über die normale Anpassung hinaus auch strukturell zu erhöhen“. Bei einem „bloßen Nachvollzug der Tarifentwicklung“ werde der deutsche Mindestlohn „deutlich unterhalb des Niveaus anderer westeuropäischer Staaten bleiben“, schreiben die Studienautoren.

Die Experten beklagen, weil in Deutschland die Lohnuntergrenze nur alle zwei Jahre angepasst werde, hätten zum Mindestlohn beschäftigte Arbeitnehmer 2017 einen leichten Reallohnverlust hinnehmen müssen. Sie profitierten aber etwas von dem im westeuropäischen Vergleich niedrigeren Preisniveau. Trotzdem bleibe ihre Kaufkraft hinter derjenigen in den Benelux-Staaten und in Frankreich zurück.

Noch ganz ander sieht es in den südeuropäischen EU-Staaten aus: In Griechenland liegt die Lohnuntergrenze der Studie zufolge bei 3,39 Euro, in Spanien bei 4,46 Euro. Etwas darüber rangiert mit 4,84 Euro Slowenien. In den meisten anderen mittel- und osteuropäischen Staaten sind die Mindestlöhne noch deutlich niedriger. Allerdings haben sie nach Feststellung des WSI weiter aufgeholt: „So müssen etwa in Polen jetzt umgerechnet mindestens 2,85 Euro pro Stunde bezahlt werden, in Tschechien 2,78 Euro und in Rumänien 2,50 Euro.“ Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Lebenshaltungskosten in diesen Ländern deutlich niedriger sind als in Westeuropa.

Und wie sieht es außerhalb der EU aus? Exemplarisch betrachtet das WSI dazu die Mindestlöhne in 15 Ländern. „Sie reichen von umgerechnet 68 Cent in Moldawien, 83 Cent landesweit in Russland und 1,26 Euro in Brasilien über 2,53 Euro in der Türkei, 6,42 Euro in den USA und 6,69 Euro in Japan bis zu 9,91 Euro in Neuseeland und 12,42 Euro in Australien.“ (mit dpa)