DMK-Chef spricht von „Effekthascherei“ Glyphosat-Verbot für Deutschlands größte Molkerei kein Thema

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Blick in den Kuhstall. Foto: dpaBlick in den Kuhstall. Foto: dpa

Osnabrück. Den Milchbauern die Glyphosat-Anwendung untersagen? Davon hält Ingo Müller, Chef von Deutschlands größtem Molkereiunternehmen, gar nichts. Im Interview äußert sich der DMK-Geschäftsführer zudem zu den schwankenden Milchpreisen.

Deutschlands größtes Molkereiunternehmen Deutsches Milchkontor (DMK) will seinen 8600 Milchbauern kein Glyphosat-Verbot verordnen. Im Interview sagte DMK-Geschäftsführer Müller: „Ein Übergang von Glyphosat aus Futtermitteln in die Milch von Kühen wurde bisher nicht nachgewiesen.“ Zudem sehe das Bundesinstitut für Risikobewertung bei sachgemäßer Anwendung „kein krebserzeugendes Risiko“ für Menschen. Für DMK ergebe sich daher „nicht die Notwendigkeit, […] hier in irgendeiner Art effekthascherisch aktiv zu werden“, sagte Müller. Die Molkerei Berchtesgardener Land hatte zuvor ein Anwendungsverbot des umstrittenen Pestizids für seine rund 1800 Landwirte in Süddeutschland beschlossen. Wenig später folgte auch der Milchverarbeiter Goldsteig.

Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut:

Herr Müller, auf den Höfen geht angesichts sinkender Milchpreise wieder die Krisenangst um. Zu Recht?

Die Entwicklung des Milchgeldes ist in den letzten Wochen wenig erfreulich. Das ist uns bei DMK sehr wohl bewusst, auch wenn wir gestärkt aus 2017 heraus gehen. Wir haben den DMK-Landwirten 2017 im Schnitt des Jahres mehr ausgezahlt als der Durchschnitt unserer Wettbewerber. Darauf können und werden wir uns nicht ausruhen, wie die ersten Monate 2018 zeigen. Der Markt hat sich im 4. Quartal 2017 auf das heutige Niveau gedreht, viele Verwertungen bleiben aktuell unter 30 Cent je Kilo Milch. Wir als Molkerei müssen unsere Auszahlung den am Markt erzielbaren Verwertungen anpassen und das monatlich überprüfen. 2018 wird ein herausforderndes Jahr, denn die Milchanlieferung bleibt hoch und damit auch der Druck auf die Produktpreise, von einer Krise würde ich dabei aber nicht sprechen.

DMK hatte die Januar-Preise um 5 Cent gesenkt, wie weit geht es bei den Februarpreisen runter? Wo wird sich der Milchpreis einpendeln?

Nach derzeitiger Einschätzung sehen wir über den Februar 2018 hinaus eine sich verfestigende Marktlage und damit eine Seitwärtsbewegung im Markt sowie für den DMK-Leistungspreis. Prognosen im größeren Umfang sind aufgrund der hohen Volatilität im Markt nicht möglich und nicht seriös.

Vermissen Sie die Milchquote? Braucht es andere regulierende Elemente?

Wir vermissen die Milchquote nicht, denn es hat sich in den Jahren vor der Abschaffung gezeigt, dass sie nicht vor Krisen schützt, nicht zuletzt im Krisen-Jahr 2009. Zudem hat heute kaum noch ein Land eine Quote.

Die Frage ist ja, wie wir zu mehr Stabilität und Sicherheit kommen. Dafür ist auch eine kluge Agrarpolitik gefragt. Wir sind als deutsche Milchwirtschaft der umsatzstärkste Sektor der Land- und Ernährungswirtschaft und größter EU-Milchproduzent. Aber unsere Branche braucht eine Strategie mit gemeinsamen Verhandlungspositionen in der ewigen Diskussion um Menge und Markt.

DMK galt lange als Export- und Weltmarktorientiert. Bleibt es bei dieser Ausrichtung?

Für uns als Genossenschaft von Landwirten ist wichtig, langfristig und nachhaltig ein wettbewerbsfähiges und natürlich kostendeckendes Milchgeld an unsere Eigentümer auszahlen zu können. Nur so können Investitionen auf den Höfen getätigt werden. Wir arbeiten daran, hier zukünftig weniger abhängig von den extrem schwankenden Marktgegebenheiten zu sein und diese besser ausgleichen zu können. Daher haben wir im letzten Jahr die DMK Group neu ausgerichtet und sehen bereits erste Erfolge dank unseres neuen Kurses: Wir agieren wie ein moderner Lebensmittelkonzern mit klarem Fokus auf Kundenwünsche und Markterfordernisse.

Wir werden uns daher auf die Märkte mit Mehrwert fokussieren, auf unseren Heimatmarkt Deutschland und die Niederlande sowie auf etwa 30 Auslandsmärkte.

DMK hat Werke geschlossen und Personal entlassen. War die alte Ausrichtung falsch?

Durch eine Vielzahl von Übernahmen und Fusionen ist die DMK Group sehr schnell sehr groß geworden. Dabei wurden zum einen die Strukturen in Verwaltung und Produktion nicht entsprechend angepasst, um Kosten zu senken. Zum anderen ist unser Geschäft sehr commodity-lastig, d.h. wir produzieren und handeln viel Standardware wie Milchpulver, Käse oder klassischen Joghurt. Diese Produktbereiche haben ganz besonders unter der Milchkrise der letzten Jahre gelitten. Daher haben wir im vergangenen Jahr mit der strategischen Neuausrichtung unseres Unternehmens begonnen und eine Organisationsstruktur erarbeitet, mit der wir deutlich schlanker und beweglicher sind. Neben der Organisationsstruktur verändern wir auch unsere Kultur: Wertschöpfung steht vor Wachstum und wir denken weniger wie ein Rohstoffverwerter, sondern orientieren uns an den Märkten, an Trends und an den Wünschen der Verbraucher.

Also mehr Marke weniger Weltmarkt?

Hier gibt es kein Ja oder Nein. Wir haben rund 80 Maßnahmen definiert, um unser Geschäft werthaltiger auszurichten. Dabei spielen natürlich auch unsere starken Marken eine große Rolle. Als viertgrößter Lieferant des deutschen Lebensmitteleinzelhandels ist für unser Unternehmen die Marke MILRAM,- bei der derzeitigen Neuausrichtung hin zu einem klar kunden- und konsumenten-orientierten Lebensmittelhersteller,- eine großer Hebel.

Wir setzen für MILRAM auch 2018 weiter auf die emotionale Aufladung der „Heimat der Frische“. Im aktuellen TV-Spot wird speziell der in 2017 auf den Markt gebrachte Küstenkäse beworben, dessen Einführung ein voller Erfolg war. An diesen wollen wir in 2018 anknüpfen. Im Jahresverlauf ist für MILRAM weiteres Wachstum geplant, unterstützt auch von weiteren Neueinführungen im Markt.

Werden weitere Standorte geschlossen?

Zum jetzigen Zeitpunkt sind keine weiteren Schließungen geplant.

Die Molkerei Berchtesgardener Land hat ein Glyphosat-Verbot verhängt. Ein Vorbild für DMK?

Im Dezember 2017 hat die EU Kommission die weitere Zulassung des umstrittenen Pflanzenschutzmittelwirkstoffes Glyphosat für weitere fünf Jahre entschieden. Mit der entsprechenden Durchführungsverordnung ist die rechtliche Situation hinsichtlich der weiteren Glyphosatzulassung nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa eindeutig gegeben. Ein Übergang von Glyphosat aus Futtermitteln in die Milch von Kühen wurde bisher nicht nachgewiesen. Entsprechend wurden in den mehreren hundert Untersuchungen des Milchindustrie-Verbandes und seiner Mitglieder kein Glyphosat in Milch und Milchprodukten festgestellt. Ergänzend kommt das Bundesinstitut für Risikobewertung zu dem Ergebnis, dass nach derzeitiger wissenschaftlicher Kenntnis bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Glyphosat kein krebserzeugendes Risiko für den Menschen zu erwarten ist. Aus den genannten Gründen ergibt sich für uns als Anbieter dieser Produkte nicht die Notwendigkeit, die gesetzliche Grundlage bezüglich des Einsatzes von Glyphosat in Frage zu stellen und hier in irgendeiner Art effekthascherisch aktiv zu werden. Wir brauchen hier in allererster Linie für die Landwirtschaft eine nachvollziehbare politische Entscheidung, die Planungssicherheit für die Landwirte schafft.

Wie positioniert sich DMK beim Thema Anbindehaltung?

Die Anbindehaltung ist bei einem geringen Prozentsatz von DMK-Milcherzeugern eine praktizierte Haltungsform. Diese Haltungsform ist in der Regel mit Weidegang kombiniert.

DMK-Chef Ingo Müller. Foto: dpa

DMK prüft derzeit die Rahmenbedingungen und Möglichkeiten zum Ausstieg aus der ganzjährigen Anbindehaltung.


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