Kryptowährung Bitcoin: Wie ein Postfach mit zwei Schlüsseln

Meine Nachrichten

Um das Thema Wirtschaft Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Rund zwei Drittel der Bundesbürger – und damit etwa doppelt so viele wie vor einem Jahr – geben an, von der Kryptowährung Bitcoin schon einmal gehört zu haben. Für den Osnabrücker Informatik-Professor Oliver Vornberger ist die Technologie dahinter eine Jahrhundertidee.

Osnabrück. Doch was ist Bitcoin eigentlich? Und die Technologie Blockchain, die laut digitalem Branchenverband Bitkom mittlerweile jedes vierte Unternehmen zu den maßgeblichen Technologie- und Marktrends des Jahres zählt? Ein an das Dollarzeichen angelehntes B oder eine Münze mit B-Prägung – so wird die Kryptowährung häufig dargestellt. Mit der Realität hat das nichts zu tun. Denn ein Bitcoin ist nicht mehr als eine abstrakte Zahlen- und Buchstabenfolge. Man kann ihn nicht anfassen, er hat keinen realen Gegenwert.

Bitcoin basiert wie der Euro auf Vertrauen

Für Oliver Vornberger ist das nicht schlimm. „Auch ein Geldschein hat in dem Sinne keinen realen Wert. Er basiert auf dem Vertrauen, dass ich ihn wieder einsetzen kann“, erklärt er. Ähnlich sei es mit Bitcoin, eine von mehr als 1500 Kryptowährungen am Markt. „Wenn ich Bitcoin akzeptiere, vertraue ich darauf, dass ich wiederum jemand anderen mit Bitcoin bezahlen kann.“ Das sei durch die Kurssprünge in der Vergangenheit schwierig, gesteht er. Nach dem Allzeithoch von mehr als 20000 US-Dollar ist der Kurs auf weniger als die Hälfte gefallen. Jörg Krämer, Chef-Volkswirt der Commerzbank, sieht in diesen Schwankungen auch einen maßgeblichen Grund, warum Bitcoin nicht als Zahlungsmittel geeignet ist. Vornberger macht noch einen anderen Faktor aus: Zu wenige Shops würden die Möglichkeit anbieten, die Kryptowährung praktisch zu nutzen. „Amazon hätte Bitcoin längst als Zahlungsmittel anbieten müssen.“ Je häufiger die Kryptowährung eingesetzt werde, je stabiler werde der Kurs. So bleibt Bitcoin als dezentrales Zahlungsmittel hinter den Erwartungen zurück.

Zwei Schlüssel

Aus Sicht des Nutzers sind Transaktionen laut Vornberger eigentlich ganz einfach: „Sie funktionieren wie bei einem Postfach mit zwei Schlüsseln, einem öffentlichen und einem privaten.“ Durch den öffentlichen Schlüssel werde die Adresse des Postfachs sichtbar, sodass von anderen Geld in den Schlitz gesteckt werden kann. Mit seinem privaten Schlüssel kann der Besitzer des Postfachs Geld herausholen. „Die Schlüssel lassen sich nicht voneinander ableiten“, betont Vornberger. Die Informationen über Transaktionen – von ihnen gibt es pro Tag rund 300000 – werden chronologisch dokumentiert, in einer sogenannten Blockchain.

Infrastruktur basiert auf Rechenleistung

Im Grunde basiert jede Transaktion und jede der bislang 16,84 Millionen (Stand Januar) in Umlauf gebrachten Bitcoin aus einer komplizierten Rechenaufgabe, die gelöst werden muss. Die dafür nötige Rechenleistung wird dezentral von vielen Teilnehmern – in gewisser Weise die Buchhalter – zur Verfügung gestellt. Denn, so erklärt Vornberger: „Wenn Susi Sorglos ein Bitcoin an Willi Wacker überweist, muss diese Transaktion irgendwo in den ‚Büchern‘, der Blockchain, stehen. Das organisieren die Miner und hängen der digitalen Informationskette einen weiteren Block mit Informationen an. Theoretisch kann sich jeder an der Bereitstellung der Infrastruktur beteiligen“, erklärt Vornberger, der Bitcoin schon vor drei Jahren als „Jahrhundertidee“ bezeichnet hat. Mittlerweile sei jedoch die Leistung ganzer Serverfarmen nötig. Ihr Stromverbrauch ist insgesamt so hoch wie jener aller Haushalte in Dänemark, sagt Vornberger. Daher stünden sie meist in Ländern mit niedrigen Strompreisen, unter anderem in China. „Das widerspricht im Grunde der Idee, dass jeder partizipieren kann.“

Algorithmen begeistern

In den Anfängen war das anders. Durch seinen Sohn, der Informatik studierte, ist Oliver Vornberger auf Bitcoin gekommen. „Er hat gefragt, ob er bei uns im Keller einen Rechner aufstellen kann.“ Um sich am Bitcoin-Netzwerk zu beteiligen. Mehrere Monate sei der Rechner erfolgreich gelaufen. „Erfolgreich in dem Sinn, dass die Kosten für die Hardware wieder reingekommen sind.“ Nach drei Monaten sei der „Return of Investment“ jedoch erreicht gewesen. Die Stromkosten waren deutlich höher als der Wert der geschürften Bitcoin.

Zu Beginn sei er skeptisch gewesen, gesteht Vornberger. Dann hat er sich eingelesen, mit dem Thema beschäftigt. Und schnell ist die Skepsis der Begeisterung für die Informatik hinter der Kryptowährung gewichen. Der Informatik-Professor gibt zu: Die Technologie nicht nur hinter Bitcoin, sondern auch hinter anderen Netzwerken wie Ethereum übersteigt das Vorstellungsvermögen vieler Menschen. „Mit der zunehmenden Computerisierung werden wir akzeptieren müssen, dass wir nicht mehr alle Hintergründe verstehen.“ Hier seien Kryptowährungen aber keine Ausnahme. „Auch beim Auto wird der einzelne Fahrer nicht jede Ingenieurleistung verstehen können, dennoch nutzt er das Produkt. Ähnlich wird es bei digitalen Vorgängen sein.

Selbst mit Bitcoin bezahlt

Dass es funktioniert, weiß Vornberger aus Erfahrung. Er hat Bitcoin, die er jedoch nicht geschürft, sondern auf einem der vielen Marktplätze im Internet gekauft hat, selbst eingesetzt – zur Demonstration bei Vorträgen. Damals seien die Transaktionskosten jedoch noch deutlich geringer gewesen. „Das ist heute sehr ärgerlich. Bitcoin ist angetreten, um vor allem Micropayments durchführen zu können. Inzwischen sind die Gebühren so hoch, dass kleine Beträge nicht lohnen.“

Dennoch ist Vornberger, der Bargeld als antiquiert ansieht, die Grundidee sympathisch. „Sie ist der völlige Gegenentwurf zum hierarchisch organisierten Bankwesen, das wir seit Jahrhunderten kennen.“ Statt Filialen, Zentralbanken und einem insgesamt zentralisierten System, das entscheidet, welche Papiere ausgegeben werden und zu welchen Konditionen, sei Bitcoin im Grundsatz dezentral organisiert. „Es ist kein Zufall, dass die Idee 2009, nach dem Finanzcrash, vorgestellt wurde.“

„Privates Geld verhindert Blasen eher als staatliches Papiergeld“

Auch Commerzbank-Volkswirt Krämer ist privates Geld sympathisch. „Es dürfte neue gefährliche Blasen an den Finanz- und Häusermärkten eher verhindern als staatliches Papiergeld, unter dessen Regime es in den letzten dreißig Jahren zu so vielen Blasen und Krisen gekommen ist.“ Dennoch: Der einzelne Geldnutzer achte vor allem darauf, ob die Kaufkraft des Geldes stabil genug ist. „Bisher besteht daran in den westlichen Industrieländern kaum Zweifel.“ Und wenn alle mit staatlichem Geld zahlen, würden die ersten Abweichler kaum andere finden, die privates Geld akzeptieren. „Das stellt für die Bürger eine große Hürde dar, selbst bei höheren Inflationen auf privates Geld auszuweichen.“

Akzeptanz fehlt

Auch Vornberger sagt: Das originellste System funktioniert nicht, wenn es von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Und hier liegt für den Informatiker, der in der Diskussion um Bitcoin zwischen der neuen Technologie und der Kryptowährung selbst unterscheidet, die Krux. „Das System ist komplex und der Gesellschaft nicht geheuer. Also lässt man die Finger davon.“ Für Vornberger schade, denn von Bargeld hält er nichts. „Ich würde alles bargeldlos machen.“ Auch wenn es dafür natürlich nicht zwangsläufig eine Kryptowährung brauche.

Keine Zukunft als Zahlungsmittel?

Dass sich Bitcoin als Zahlungsmittel durchsetzt, glaubt der Osnabrücker nicht mehr. „Davon bin ich heute anders als früher nicht mehr überzeugt. Die Entwicklergruppe hat es nicht geschafft, das Protokoll der wachsenden Zahl an Transaktionen anzupassen.“ Hat die Kryptowährung ihren Zenit überschritten? „Solche Trends lassen sich nicht vorhersagen, denn die Kursschwankungen haben nichts mit der Technologie dahinter zu tun, sondern sie sind Psychologie. Ich würde auch meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass es den Euro in fünf Jahren noch geben wird. Es gibt keine ewigen Weisheiten.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN