1200 Euro pro Jahr und Kind Verbände: Baukindergeld würde das Bauen teurer machen

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Union und SPD hatten das Baukindergeld in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart. Foto: Armin WeigelUnion und SPD hatten das Baukindergeld in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart. Foto: Armin Weigel

dpa/mgl Berlin. Mit 1200 Euro pro Jahr und Kind soll der Staat helfen, Häuser und Wohnungen abzuzahlen. So planen es Union und SPD. Doch der Geldsegen stößt nicht unbedingt auf Gegenliebe.

Für Mieter in deutschen Städten dürften die Wohnkosten nach einer Branchenstudie in den nächsten Jahren nicht mehr so stark steigen wie zuletzt. Mit den hohen Mietzuwächsen 2017 dürfte der seit acht Jahren andauernde Immobilienboom seinen Höhepunkt überschritten haben, heißt es in einem Gutachten des Zentralen Immobilienausschusses (ZIA). „Die Party ist noch nicht vorbei, es kehrt aber Stabilität ein“, sagte Verbandspräsident Andreas Mattner.

„Die Nachfrage nach Wohnungen wächst derzeit deutlich langsamer als noch vor Kurzem“, heißt es im Gutachten. Es zögen weniger Asylbewerber und EU-Bürger nach Deutschland, gleichzeitig würden mehr Wohnungen gebaut. Der Mieterbund widersprach: „Die Mietpreisspirale dreht sich weiter und immer schneller“, sagte Bundesdirektor Lukas Siebenkotten. Er sieht keine Anzeichen dafür, dass sich die Lage beruhigt.

Die Deutsche Bundesbank hatte erst am Dienstag vorgerechnet, dass zwar die Wohnkosten deutschlandweit 2017 nicht mehr so stark stiegen wie zuvor, dass sich aber in den Städten die Preise unvermindert erhöhten – mit einem Plus bei Kaltmieten in Neuverträgen von sieben bis neun Prozent in einem Jahr.

Ähnlich war es bei Eigentumswohnungen: Nach dem Gutachten mussten Wohnungskäufer im Bestand im Schnitt 2120 Euro je Quadratmeter ausgeben – 7,9 Prozent mehr als im Vorjahr.

Union und SPD haben daher in ihrem Koalitionsvertrag ein Baukindergeld vereinbart. Wer ein Haus oder eine Wohnung baut oder kauft, soll zehn Jahre lang je Kind und Jahr einen Zuschuss von 1200 Euro erhalten. Das gilt für Haushalte mit einem zu versteuernden Einkommen bis 75000 Euro zuzüglich einem Freibetrag von 15000 Euro je Kind.

Mieter- und Eigentümervertreter halten dieses Mittel aber für ähnlich unwirksam wie die 2005 abgeschaffte Eigenheimzulage. Die Beihilfe werde vermutlich von den Bauunternehmen abgeschöpft, indem sie die Preise entsprechend erhöhen, hieß es vom Verband Haus und Grund und vom Mieterbund.

IW-Experte: Linke Tasche, rechte Tasche

Auch das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) kritisierte die von Union und SPD geplante Einführung eines Baukindergelds. „Auf den ersten Blick ist das Baukindergeld eine gute Maßnahme, um das selbst genutzte Wohneigentum zu fördern“, sagte IW-Immobilienexperte Björn Seipelt im Gespräch mit unserer Redaktion. „Allerdings wird dieser Schritt durch die Bundesländer konterkariert, die in den vergangenen Jahren die Grunderwerbsteuer erhöht haben. Die Politik verfährt hier nach dem Motto ‚Linke Tasche, rechte Tasche‘.“ Besser sei es, die Grunderwerbsteuer auf breiter Front zu senken oder Erstkäufer davon zu befreien.

Außerdem erwartet auch Seipelt, dass die Bauwirtschaft das Baukindergeld einpreist. Dem widersprach die Baubranche. „Die Entwicklung der Immobilienpreise folgt der Nachfrage auf den Märkten, nicht aber den Baupreisen“, teilte der Zentralverband Deutsches Baugewerbe mit. Der Bundesverband Deutscher Fertigbau sieht im Baukindergeld eine große Chance für Familien speziell mit mittleren Einkommen. „Schließlich ist ein Eigenheim auch eine wichtige Stütze für die sichere Altersvorsorge.“

Der Immobilienausschuss erwartet dagegen steigende Preise durch die Beihilfe und beschreibt eine weitere Gefahr: Ärmere Haushalte, die sich eine Wohnung jetzt nur wegen niedriger Zinsen und des Baukindergeldes leisten könnten, gerieten in Schwierigkeiten, wenn die Zinsen wieder steigen.

Der „Mietpreiszyklus“ nähere sich seinem Ende, heißt es derweil im ZIA-Gutachten. In Städten könnten die Preise für Wohnungen in den nächsten vier Jahren kräftig sinken, in Berlin, München und möglicherweise Stuttgart um bis zu 30 Prozent. Dazu trage auch bei, dass diese Städte für junge Zuzügler zu teuer geworden seien. „Berlin ist vielleicht noch sexy, aber nicht mehr arm. Die jungen Schwärmer meiden diese zu teuer gewordenen Städte und ziehen lieber in andere.“ Im Osten profitierten nun vor allem Leipzig, Cottbus und Rostock. In Westdeutschland sei es weniger eindeutig, viele zögen jetzt in Städte wie Passau, Bamberg, Fürth und Ingolstadt.

Aus Sicht des Mieterbunds bleiben Wohnungen dagegen knapp. „Statt der benötigten 400000 neuen Wohnungen pro Jahr sind 2016 nur 278000 und 2017 etwa 300000 Wohnungen fertiggestellt worden“, erklärte Siebenkotten. Notwendig seien deshalb mehr Sozialwohnungen und eine schärfere Mietpreisbremse.

Unterdessen droht aus Branchensicht der nächste Engpass auf dem Büromarkt der Ballungsräume. Berlin, München und Stuttgart seien praktisch voll vermietet, Köln und Hamburg nahezu, wie Mattner sagte. „Wir bekommen langsam ein neues Problem. Denn Menschen müssen arbeiten und brauchen dafür die Arbeitsplätze.“ Die Büromieten seien 2017 zum siebten Mal in Folge gestiegen. Die Nachfrage wachse, weil viele Unternehmen weiter einstellen. Zugleich seien Büros international ein beliebtes Investment.


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