Landwirt berichtet von Umstellung Wenn Bio Bauern glücklich macht: Öko-Milch ist krisenfest

Von Dirk Fisser

Eine Milchkuh auf einer Weide in Niedersachsen: Öko-Milchviehhalter setzen auf eine nachhaltigere Produktion. Im Moment zahlt sich das beim Milchpreis aus. Foto: dpaEine Milchkuh auf einer Weide in Niedersachsen: Öko-Milchviehhalter setzen auf eine nachhaltigere Produktion. Im Moment zahlt sich das beim Milchpreis aus. Foto: dpa

Osnabrück. Es geht schon wieder bergab mit den Erzeugerpreisen. Zu viel Milch auf dem Markt, sagen Beobachter. Und weil die Menge nun einmal den Preis bestimmt, fürchten die Bauern sich vor der nächsten großen Krise. Landwirt Guido Holtheide sagt, er sei froh diesem Hamsterrad entflohen zu sein. Die Familie hat den Betrieb in Grafeld im Landkreis Osnabrück auf Öko-Produktion umgestellt. Die Nische erweist sich seit Jahren als krisenfest.

Mehr als eine Milliarde Liter - diese Menge ökologisch erzeugter Milch werden Bauern 2018 bei Molkereien anliefern, schätzen Marktexperten. Doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren und ein neuer Rekord. Was zunächst viel klingt, ist letztlich doch nur ein Liter pro Einwohner und Monat. Auch der neue Produktionsrekord wird nicht genügen, um die Nachfrage zu decken. Importe aus Österreich oder Dänemark schließen die Lücke.

49 Cent pro Liter

Die etwa 100 Milchkühe von Guido Holtheide werden in diesem Jahr ihren Beitrag zum neuen Rekord leisten. Seit November liefert der Betrieb ganz offiziell Öko-Milch. 49 Cent bekommt Holtheide derzeit pro Liter. Deutlich mehr als seine konventionell produzierenden Kollegen. Auf 36 Cent sackte der Milchpreis im Januar ein – und soll laut Prognosen weiter sinken.

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Obwohl immer mehr Öko-Milch fließt und gerade nach der letzten Preiskrise im Jahr 2015 viele Betriebe die Produktion umgestellt haben, bleibt dieser Preis stabil. Agrarwissenschaftler Ralf Loges von der Carl-Albrechts-Universität in Kiel weiß warum: „Entgegen der ersten Befürchtungen kam es trotz der Umstellungswelle zu keiner Überproduktion bei deutscher Öko-Milch, denn Molkereien hatten zum Teil nur eine begrenzte Anzahl von Neulieferanten zugelassen.“

Lange Suche nach Molkerei

Das bekamen auch die Holtheides zu spüren. Gemeinsam mit sechs weiteren Milchviehbetrieben aus der Region haben sie die Umstellung gewagt. Keine Molkerei in der näheren und weiteren Umgebung wollte ihre Milch haben. Jetzt liefern sie an die „Berliner Milcheinfuhr Gesellschaft“, die das weiße Gut in der Gläsernen Molkerei in Mecklenburg-Vorpommern verarbeiten lässt. Die Milch wird quer durch Deutschland gefahren, bevor sie als ökologisch erzeugte Trinkmilch oder Joghurt im Supermarktregal landet. (Weiterlesen: Zahl der Biohöfe in Niedersachsen steigt spürbar)

„Zehn Cent mehr müssen sein“

Für Holtheides ist das erst einmal zweitrangig. Wichtig ist für sie der Preis, und der stimmt. Wissenschaftler Loges aus Kiel sagt: „Zehn Cent Preisunterschied müssen sein, sonst rechnet es sich nicht.“ Die etwa zweijährige Umstellungsphase sei ein Risiko für die Betriebe: Sie müssen schon ökologisch wirtschaften – also beispielsweise das Futter nachhaltig anbauen und weitgehend auf Pestizide verzichten -, dürfen ihre Milch aber nicht als öko verkaufen. Auf etwa 1000 Euro pro Kuh beziffert Landwirt Holtheide die Kosten der Umstellung. „Und da sind notwendige Neu- oder Umbauten der Ställe noch nicht mit drin.“

Ob es ihm jetzt besser geht? „Ja“, sagt Holtheide, ohne zu zögern. Wirtschaftlich aber auch menschlich. „Immer weiter wachsen. Aus diesem Hamsterrad wollte ich einfach raus.“ Auch die Überlegung, den Hof aufzugeben, stand im Raum, gerade weil er sich in Grafeld angesichts angrenzender Naturschutzgebiete nicht mehr weiter ausbreiten konnte. Hunderte

Milchviehhalter entscheiden sich Jahr für Jahr für eine Aufgabe. Seit 2000 hat sich die Zahl der Betriebe mit Milchkühen halbiert. (Weiterlesen: Seit 2015 haben zehn Prozent der Milchbauern aufgegeben)

Verschiedene Öko-Siegel

Was lag also für Holtheides näher? Dann aber begann die 18-jährige Tochter eine landwirtschaftliche Ausbildung.

Eine Alternative, eine Perspektive für den Hof musste her. Holtheide wurde beim Öko-Verband „Biokreis“ fündig. Nach eigenen Angaben der Viertgrößte seiner Art hinter Bioland, Naturland und Demeter in Deutschland. Alle haben ihre eigenen Produktionsvorgaben, mal mehr, mal weniger streng. Aber immer über den Mindestanforderungen der EU-Öko-Verordnung. Jörn Bender von Biokreis beriet bei der komplexen Umstellung. „Der Bauer muss die Entscheidung auf seinem Betrieb leben“, sagt er, sonst gelinge es nicht. Er weiß: „Viele fangen erst an zu überlegen, wenn es ihrem Hof nicht gut geht“. Dann sei es zu spät, schiebt Holtheide ein. Bei ihm hat es funktioniert, er ist raus aus dem Hamsterrad, wie er es sagt. Und er hat seinen Beruf neu schätzen gelernt: „Ich bin mehr Landwirt als jemals zuvor.“

Die Nische Bio liegt im Trend. Sowohl bei Produzenten als auch bei Konsumenten. Auf der Leitmesse „Biofach“ in Nürnberg präsentieren fast 200 Aussteller ab Mittwoch Produkte aus ökologisch erzeugter Milch. Über 4000 Öko-Milchbetriebe in Deutschland liefern nach Angaben des Bauernverbandes mittlerweile den Rohstoff. Tendenz steigend. Ganz im Gegensatz zum Preis für konventionelle Milch. (Weiterlesen: Das Milchdrama: Viele Betriebe weichen, wenige wachsen)


Hauptsache Bio? Was welches Gütesiegel bedeutet

  • EU-Bio-Logo: Das grüne Logo mit zwölf weißen Sternen, die ein Blatt formen, soll dem Verbraucher zeigen: Hier steckt ein zertifiziertes Bioprodukt drin. Alle verpackten Bio-Lebensmittel aus der Europäischen Union (EU) müssen mit dem Logo gekennzeichnet sein. Das zweite politische Gütesiegel ist das deutsche Bio-Siegel - ein grün umrandetes Sechseck. Dessen Abdruck ist freiwillig. Beide Zeichen sollen dem Käufer eine erste Orientierung bieten, die Produkte müssen vergleichbare Anforderungen erfüllen. Diese gehen manchen aber nicht weit genug. Auf „Ökolandbau.de“ heißt es, die EU-Vorschriften seien die Basis, die eingehalten werden muss, um ein Produkt überhaupt mit „bio“ kennzeichnen zu dürfen. Die Ansprüche der Anbauverbände gehen in der Regel darüber hinaus.

  • Demeter: Anders als von der EU Öko Verordnung vorgeschrieben, darf der Betrieb nicht nur teilweise auf bio umstellen - er muss es komplett machen. Auf Demeter-Höfen muss es auch Tiere geben. Für deren Haltung gelten verschiedene Regeln, beispielsweise dürfen Rinder nicht enthornt werden. Auch bei Saatgut, Verarbeitung und Düngemitteln gelten strengere Regeln.

  • Biokreis: Biokreis-Produkte müssen von Betrieben stammen, die komplett ökologisch wirtschaften. Der Zukauf von Dünger und Futter ist begrenzt, die Tiere auf Biokreis-Höfen müssen zu mindestens 50 Prozent Grünfutter bekommen. Der Verband will außerdem Landwirte, Verarbeiter und Händler zusammenbringen und so für kurze Transportwege und persönliche Beziehungen sorgen.

  • Naturland: Auch bei Naturland ist es nicht erlaubt, einen Betrieb nur teilweise auf Bio umzustellen. Außerdem muss beispielsweise 50 Prozent des Futters vom eigenen Hof stammen. In der Produktion spielen auch soziale Verantwortung und weltweit faire Landwirtschaft eine Rolle.

  • Bioland: Auch hier gehen die Anforderungen über die EU-Richtlinien hinaus: Produkte, die das dunkelgrüne Bioland-Logo tragen, müssen aus einem komplett biologisch bewirtschafteten Betrieb stammen. Beispielsweise die Zahl der Tiere pro Hektar oder die Menge des eingesetzten Stickstoffdüngers sind begrenzt. Bioland-Produkte dürfen nur 24 Zusatzstoffe enthalten - bei EU-Bio-Lebensmitteln sind es 47. (dpa)