VW in der Kritik Skandal oder normal? Was steckt hinter den Schadstofftests?

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Nicht einatmen! Mit Mundschutz und einer plakativen Aufschrift demonstrieren diese Frauen gegen Dieselabgase.Foto: dpaNicht einatmen! Mit Mundschutz und einer plakativen Aufschrift demonstrieren diese Frauen gegen Dieselabgase.Foto: dpa

Berlin. Eine Forschungsvereinigung deutscher Autobauer hat eine Studie an der Universität Aachen finanziell gefördert, die die Wirkung von Stickstoffdioxid (NO2) auf den menschlichen Körper untersucht. Doch was genau steckt hinter der Untersuchung in Aachen? Und sind solche Tests an Menschen üblich? Einige Antworten.

Von Burkhard Ewert, Valentin Frimmer und Yuriko Wahl-Immel

Was genau wurde gemacht? Es ging darum, die gesundheitlichen Auswirkungen verschiedener NO2-Konzentrationen auf die Gesundheit zu testen. Dafür verbrachten 25 Probanden, laut den Forschern in erster Linie Studenten, jeweils drei Stunden in einem rund 40 Quadratmeter großen Versuchsraum, in den das Gas eingeleitet wurde. Institutsleiter Thomas Kraus erklärte, die Konzentrationen seien vergleichbar mit der in der Umwelt vorhandenen gewesen. Die Probanden hatten der Teilnahme zugestimmt.

Was kam heraus? Die Forscher nahmen unter anderem die Lungenfunktion und Blutwerte der Probanden unter die Lupe. Dabei stellten sie fest, dass die Daten keine „beträchtlichen akuten Negativwirkungen“ bei den Probanden nahelegten.

Sind solche Studien ethisch vertretbar? Bei geplanten Studien mit Menschen am Aachener Universitätsklinikum muss grundsätzlich die Ethikkommission zustimmen. Die Zustimmung sei nachvollziehbar, wie ein Sprecher des Uni-Klinikums meinte: Wenn Probanden einem Stoff unterhalb des Grenzwertes ausgesetzt würden, sei das per Definition nicht problematisch. Das seien Werte, wie sie ein Lkw-Fahrer oder ein Busfahrer jeden Tag erlebe. In einem modellhaften Versuch sei es durchaus statthaft, Menschen einmal einem solchen Einfluss auszusetzen.

Ging es bei der Untersuchung um Autoabgase? Nein. Der Fokus lag nicht auf Autoabgasen. Die Tests seien zudem im Jahr 2013 – und damit vor Bekanntwerden des VW-Dieselskandals – gemacht worden, sagte Institutsleiter Kraus.

Wie gängig sind solche Untersuchungen? Eigentlich, sagten Wissenschaftler gestern unserer Redaktion, müsste man Schadstoff-Untersuchungen wie die jetzt bekannt gewordene sogar häufiger machen. Angesichts der allgemeinen Unklarheit und der zahlreichen, häufig politisch getriebenen Auseinandersetzungen über die Höhe von Grenzwerten sowie der international oft verschiedenen Schwellenwerte sei die Forschung gefragt, heißt es bei ihnen – ohne dass sich ein Gesprächspartner angesichts der aktuellen Debatte namentlich würde zitieren lassen wollen.

Ihr Hinweis gilt allerdings dem Umstand, dass die Versuchspersonen im konkreten Fall ja einer Konzentration unterhalb des Grenzwertes ausgesetzt worden seien, um festzustellen, ob der Wert für Stickoxid in Innenräumen nicht womöglich zu niedrig angesetzt worden sei. Eine solche empirische Messung sei nötig und sinnvoll gewesen, weil die Deutsche Forschungsgemeinschaft darauf hingewiesen habe, dass anders als bei einigen anderen Grenzwerten die Datenlage für Stickoxid unzureichend sei. Auf Basis dieser Einschätzung erfolgte der Aachener Versuch, und zwar im Kontext der Belastung in Innenräumen von Arbeitsplätzen, nicht etwa auf Veranlassung der Automobilhersteller mit Blick auf Abgase in der Außenluft.

Vergleichbar sei etwa die Messung von Gewebereaktionen auf Handystrahlen, wobei stets die Maßgabe gelte, dass zwar Reaktionen des Körpers gemessen werden sollen, gesundheitliche Schäden damit aber nach menschlichem Ermessen nicht zu erwarten sind, was bei manchen Arzneimittelstudien schon einmal anders gelagert sein kann.

Gibt es einen Zusammenhang der Aachener Versuche mit den Affentests? Institutsleiter Kraus erklärte, es gebe keinen Zusammenhang zu den Abgas-Versuchen mit Affen in den USA, außer dass die von den Konzernen VW, Daimler und BMW gegründete Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) beide Vorhaben förderte.

In Aachen sei dies transparent ausgewiesen worden, ferner seien die Forscher aber „in keinster Weise“ beeinflusst worden, womit die Kriterien für gängige Drittmittelforschung vollständig eingehalten worden seien. 

(Mit dpa)


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