Hälfte der Mehrarbeit wird nicht vergütet So viele Überstunden machen die Deutschen

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Die Zahl der geleisteten Überstunden bleibt hoch. Foto: dpaDie Zahl der geleisteten Überstunden bleibt hoch. Foto: dpa

Osnabrück. Die Zahl der geleisteten Überstunden bleibt hoch. Laut jüngstem Mikrozensus haben Beschäftigte in Deutschland im Jahr 2016 insgesamt 828,7 Millionen Stunden zu viel in der Firma verbracht – allein in Norddeutschland 135,5 Millionen Stunden.

Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor, die unserer Redaktion vorliegt. Und die Tendenz zeigt deutlich: Jeweils die Hälfte der Überstunden oder mehr blieben unbezahlt. Und: Die Bundesregierung geht davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen noch viel höher liegen. Der Grund liege darin, dass die Beantwortung der Fragen im Mikrozensus freiwillig sei. Daher werde von einer Untererfassung ausgegangen.

Vor allem in Industrie und im Baugewerbe

Und so schätzt unter anderem die Statistik des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Zahl der Überstunden in Deutschland für 2016 rund doppelt so hoch: auf 1,7 Milliarden – 941 Millionen von ihnen ohne finanzielle Entschädigung. Mit Blick auf die einzelnen Branchen fallen laut IAB-Einschätzung insbesondere in der Industrie und im Baugewerbe Überstunden an. Finanziell ausgeglichen werden sie im Dienstleistungsbereich am seltensten.

Im Vier-Jahresvergleich des Mikrozensus zeigt sich: Sowohl in Niedersachsen als auch in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern ist die absolute Zahl der Überstunden jedoch zurückgegangen: in Niedersachsen um rund 20 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern um 18,2 und in Schleswig-Holstein um 15,9 Prozent. Damit lagen die absoluten Zahlen bei 66,4, 30,1 beziehungsweise 16,7 Millionen Stunden. Einzig Hamburg verzeichnet ein Plus von 13,2 Prozent. Dort leisteten die Beschäftigten insgesamt rund 22,6 Millionen Stunden mehr als nötig, 14,4 Millionen unbezahlt. Ähnlich hoch ist die Quote der unbezahlten Mehrarbeit in den übrigen Bundesländern.

„Arbeit gerechter verteilen“

„Überstunden schaden uns allen. Die einen arbeiten bis zum Umfallen, die anderen haben keine oder zu wenig Arbeit“, sagte Jutta Krellmann, Expertin für Arbeit und Mitbestimmung für Die Linke im Bundestag. „Wir müssen uns nicht nur Reichtum, sondern auch Arbeit gerechter verteilen.“ Denn würden die Beschäftigten keine Überstunden mehr leisten, entstünden neue Stellen, argumentierte die Abgeordnete. Die meisten von ihnen – 40532 – kämen in Niedersachsen neu hinzu. In Mecklenburg-Vorpommern entspricht die 2016 geleistete Mehrarbeit 10166 Vollzeitstellen, in Schleswig-Holstein waren es 18400, in Hamburg 13767.

„Überstunden auch in Verbindung mit Arbeitszeitkonten belasten die Beschäftigten, erhöhen die Unfallrisiken und verhindern Neueinstellungen“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach gegenüber unserer Redaktion. Die Reduzierung von Überstunden habe deswegen für die Gewerkschaften und die Betriebsräte hohe Priorität. „Es ist ein Skandal, dass fast eine Milliarde Arbeitsstunden nicht bezahlt werden. Das zeigt, wie die Beschäftigten unter Druck stehen. Wir fordern deswegen, dass die gesamte Arbeitszeit besser erfasst wird und damit auch Überstunden bezahlt werden.“ Denn der Rückgang der Zahlen ist für die Gewerkschaft nur die halbe Wahrheit. „Der größere Teil der Überstunden wird inzwischen über Arbeitszeitkonten geregelt“, so Buntenbach.

Andere Formen der Flexibilisierung

Derzeit nehmen dort das Volumen zu. Und einen weiteren Grund für den Rückgang sieht der DGB-Vorstand: Unternehmen würden andere Formen der Flexibilisierung nutzen, darunter Leiharbeit, Werkverträge oder die Vergabe von Aufträgen an Dritte. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände betont gegenüber unserer Redaktion den Rückgang der Überstunden in den vergangenen Jahren: sowohl insgesamt als auf pro Arbeitnehmer. Und die Arbeitsmarktprognose des IAB gehe auch von einem weiteren Rückgang in den nächsten Jahren aus. „Die deutsche Wirtschaft und mit ihr die Beschäftigung wird nur weiter wachsen, wenn die Politik auf Flexibilität setzt. Das bedeutet zum Beispiel den Erhalt von Befristungen und eine Reform des Arbeitszeitgesetzes: Unternehmen und Beschäftigte müssen die Möglichkeit haben, Arbeitszeiten gemäß den EU-Regelungen flexibler innerhalb eines Wochenrahmens zu vereinbaren – ohne die Arbeitszeit insgesamt auszudehnen.“

Arbeitgeberverband sieht keinen Handlungsbedarf

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände betont gegenüber unserer Redaktion den Rückgang der Überstunden in den vergangenen Jahren: sowohl insgesamt als auf pro Arbeitnehmer. Und die Arbeitsmarktprognose des IAB gehe auch von einem weiteren Rückgang in den nächsten Jahren aus. „Die deutsche Wirtschaft und mit ihr die Beschäftigung wird nur weiter wachsen, wenn die Politik auf Flexibilität setzt. Das bedeutet zum Beispiel den Erhalt von Befristungen und eine Reform des Arbeitszeitgesetzes: Unternehmen und Beschäftigte müssen die Möglichkeit haben, Arbeitszeiten gemäß den EU-Regelungen flexibler innerhalb eines Wochenrahmens zu vereinbaren – ohne die Arbeitszeit insgesamt auszudehnen.“


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