Grandioses 3:1 gegen Bundesligisten VfL Osnabrück: Pokal-Triumph gegen HSV in Unterzahl

Von Harald Pistorius


Osnabrück. Das war kein Sieg, das war ein Triumph. Mit einer kämpferisch und spielerisch grandiosen Leistung feierte der VfL Osnabrück ein sensationelles 3:1 gegen den Hamburger SV. Die ausverkaufte Bremer Brücke wurde zum Tollhaus, zumal die Mannschaft von Joe Enochs nach einem Platzverweis über 70 Minuten in Unterzahl gegen den Bundesligisten war.

Nach vier sieglosen Spielen in der 3. Liga mit der Rekordzahl von zwölf Gegentoren zeigten die Osnabrücker wie aus dem Nichts, was in ihnen steckt: Von der ersten Minute an konzentriert und entschlossen demontierte der VfL den stolzen HSV mit einer eindrucksvollen Vorstellung.

Kapitän Halil Savran, Marc Heider und der ehemalige Hamburger Ahmet Arslan erzielten drei wunderschön herausgespielte Tore zu einer unglaublichen 3:0-Führung; der HSV benötigte einen glücklichen Elfmeter, um eine Viertelstunde vor Schluss auf 1:3 heranzukommen.

Es war der zehnte Erfolg der VfL-Pokalgeschichte gegen einen Bundesligisten; ziemlich genau vor acht Jahren war der HSV schon einmal an der Bremer Brücke auf Grund gelaufen. Für den VfL bedeutet dieser Sieg ein weiteres Heimspiel gegen einen Klub der Bundesliga oder 2. Bundesliga und eine erhebliche Zusatzeinnahme. Vor allem aber kann dieses Spiel der Wendepunkt der Saison ein, denn aus diesem Auftritt sollten Mannschaft, Trainer und Publikum Selbstvertrauen und Mut schöpfen.

VfL-Trainer Joe Enochs überraschte mit einer neuformierten Defensiv – und einer Systemvariante: Er bot eine Dreierkette auf mit Neuzugang Susac im Zentrum, Appiah auf rechts und Engel auf links. Sangaré besetzte den rechten, Heider den linken Flügel; im Zentrum sollte Groß absichern hinter oder neben Arslan und Danneberg. Als Spitzen liefen Savran und Alvarez auf. Der HSV begann mit Hahn als einzigem Zugang (also ohne den gerade verpflichteten van Drongelen) und mit Wood als einzige Spitze.

Der VfL begann sehr konzentriert, hielt den eher betulich kombinierenden HSV unter Kontrolle und setzte mit einem prima Konter über Alvarez und Sangare, der von Hahn auf Kosten einer gelben Karte für den Neu-Hamburger gestoppt wurde, ein erstes Signal (5.).

Nach knapp zwanzig Minuten bekam das Spiel neue Vorzeichen: Der Außenseiter war plötzlich in Unterzahl. Durch einen Ballverlust, an dem Groß und Heider beteiligt waren, wurde Appiah kurz vor dem Strafraum zu einer riskanten Grätsche gegen Wood gezwungen. Kurz vor der Linie erwischte Appiah zwar weder Ball noch direkt den HSV-Stürmer, doch der nutzte den Körperkontakt zu einem Sturz.

Schiedrichter Aytekin pfiff, eine vertretbare Entscheidung und war in korrekter Regelauslegung gezwungen, die Notbremse – Wood hätte freie Bahn aufs Tor gehabt – des Osnabrückers mit der Roten Karte zu bestrafen.

Nach kurzer Beratung mit seinem Trainerteam entschied Enochs: Alvarez raus, Zorba rein, Umstellung auf eine Viererkette mit Sangare, Susac, Zorba und Engel; Heider rückte auf rechts, Arslan auf links und Savran war von nun an die einzige Sturmspitze.

Aber was für eine! Als der VfL die Drangperiode des HSV, der zum nächsten Schlag ausholte, dank der Rettungstaten von Gersbeck bei einem Kopfball von Papadopoulos (32.) außerhalb des Strafraums gegen Hunt (35.) überstanden hatte, fiel wie aus dem Nichts das Tor für den dezimierten Außenseiter.

Über die rechte Seite spielte sich Sangare nach einer Vorlage von Heider grandios gegen Papadopoulos durch, legte von der Grundlinie nach innen, wo Savran im Stil eines Torjägers genau richtig stand und aus kurzer Distanz hoch ins Tor traf – in der 39. Minute war der Torschrei von der Bremer Brücke in der halben Stadt zu hören.

Nach der Pause waren zwei Dinge verblüffend: Wie einfallslos und ohne jede Tempoverschärfung der HSV trotz des Rückstands agierte – feldüberlegen, aber ohne jede Chance gegen eine starke Osnabrücker Abwehr. Und es war überraschend, dass der VfL nicht nur mit Leidenschaft, sondern klug und selbstbewusst verteidigte – mit wenigen Fouls, auf Balleroberung bedacht und mit dem Blick für Konterchancen.

Eine davon bescherte 14000 VfL-Fans die nächstes Gelegenheit zum ekstatischen Ausbruch: Nach einem Pass von Arslan setzte sich Engel auf der linken Seite geradezu brillant durch und legte mit guter Übersicht nach innen – genau in den Lauf und auf den Fuß des heranpreschenden Heider. 2:0! Für den VfL! Gegen den HSV! In Unterzahl!

Auf den Rängen tobten die Fans vor Freude, mancher fiel dem wildfremden Nachbarn in die Arme. Und das Sensations-Schauspiel ging weiter: Sangare flankt von rechts, der ehemalige HSVer Arslan verlängert elegant ins lange Eck – 3:0. Das Wort „Sensation“ reichte nicht mehr aus.

Doch um eine Portion Dramatik kommt ein Pokal-Klassiker Marke Osnabrück nicht aus. Engels unglückliches Handspiel – der Osnabrücker wurde bei einer Grätsche von Müller angeschossen, der Arm war nicht angelegt. Aytekin gab den regelkonformen Strafstoß, Wood verwandelte – eine Viertelstunde vor Schluss war der HSV wieder im Spiel und witterte die Chance auf den Anschluss.

Doch die Schlussphase inklusive einer Nachspielzeit von drei Minuten wurde nicht annähernd so aufreibend wie befürchtet. Der HSV drückte und drängte, aber eine klare Torchance erspielte sich die Mannschaft von Trainer Markus Gisdol nicht mehr. Die besseren Möglichkeiten hatten die Osnabrücker bei einigen gut angelegten Kontern.

Das war‘s! Oder besser: Der Schlusspfiff war der Beginn einer stürmischen Jubelparty Marke Osnabrück.


DFB-Pokal, 1. Runde: VfL Osnabrück – Hamburger SV 3:1 (1:0)

VfL Osnabrück: 21 Gersbeck – 4 Appiah, 17 Susac, 5 Engel – 10 Groß, 14 Arslan – 30 Sangaré, 13 Danneberg, 20 Heider (85. 18 Kristo) – 11 Álvarez (22. 3 Zorba), 9 Savran (69. 15 Reimerink).

In Reserve: 1 Paterok (Tor), 7 Renneke, 19 Steffen Tigges, 29 Krasniqi.

Es fehlten: Dercho (knöcherne Absplitterung am Sprunggelenk), Schulz (Sehnenriss im Oberschenkel), Bickel (Kreuzbandriss), Krasniqi, Klaas, Ruschmeier, Leon Tigges , Breulmann, Möller (alle nicht im Kader).

Hamburger SV: 1 Mathenia – 24 Sakai, 9 Papadopoulos, 5 Mavraj, 6 Douglas Santos (65. 15 Waldschmidt) – 28 Jung (46. 8 Holtby), 12 Walace – 27 Müller, 14 Hunt (81. 19 Schipplock), 11 Hahn – 7 Wood

Bank HSV: 13 Pollersbeck, 2 Diekmeier, 4 van Drongelen, 18 Jatta.

Tore: 1:0 Savran (39., Rechtsschuss, nach Vorarbeit von Sangaré), 2:0 Heider (62., Linksschuss nach Vorarbeit von Engel), 3:0 Arslan (72., nach Pass von Sangaré), 3:1 Wood (75., Handelfmeter).

Rot: 19. Appiah (VfL, Notbremse).

Gelb: 7. Savran, 53. Sangaré/5. Hahn, 26. Papadopoulos, 39. Jung.

Schiedsrichter: Deniz Aytekin (Oberasbach).

Zuschauer: 15 700 (ausverkauft) – davon rund 1500 Fans aus Hamburg.

Nächste Spiele: Samstag (19. August, 14 Uhr) beim Chemnitzer FC; Samstag (26. August, 14 Uhr) gegen Sportfreunde Lotte.

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