zuletzt aktualisiert vor

Warum der Ärger der Fans so massiv ist Glaubwürdigkeit fehlt: „Wir verstehen unseren VfL nicht mehr“

Meine Nachrichten

Um das Thema VfL Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Wut. Ärger. Frust. Enttäuschung. Mitleid. Seit der VfL Osnabrück am Samstag gegen Fortuna Köln für die schlechteste Saisonleistung mit einer hochverdienten 1:2-Niederlage bestraft wurde, bricht es aus vielen Freunden, Fans und Anhängern nur so heraus. Warum eigentlich?

Die Frage ist berechtigt, denn die Saison war kein Desaster, keine durchgängige Enttäuschung. Sie war auch kein überdurchschnittlicher Erfolg, aber fest steht: Der VfL Osnabrück hat mit einem durchschnittlichen Etat über drei Viertel der Saison in der Spitzengruppe einer extrem ausgeglichenen Liga mitgemischt. Die in weiten Teilen neu formierte Mannschaft wird wahrscheinlich im oberen Drittel abschließen, qualifizierte sich für den DFB-Pokal, gewann beide Derbys gegen Münster und holte gegen den Ortsrivalen Lotte vier Punkte. Die Transferbilanz ist positiv, eigene Talente wurden an das Profiteam herangeführt.

Warum also die extremen Ausschläge auf der Gefühlsskala bei vielen VfL-Freunden? Wie weit verbreitet Ärger und Enttäuschung sind, lässt sich zwar nicht eindeutig feststellen, aber es gibt klare Signale dafür, dass es sich um eine Tendenz, einen Trend handelt.

Die Reaktionen am Samstag im Stadion waren eindeutig: Pfiffe, Spottgesänge, am Ende sogar vereinzelte „Enochs-raus“-Rufe. Und auch die Zuschauerzahl sprach Bände: Nur 7700 kamen, und die machten ihrem Unmut so sehr Luft, dass sich Fortuna-Trainer Uwe Koschinat wunderte: „So kenne ich das Osnabrücker Publikum nicht.“

Unmut im Netz

In den Internet-Foren im Treffpunkt, bei Facebook und auf noz.de häuften sich die Unmutsäußerungen. Selbst, wenn man alle abzieht, die eher der Kategorie notorische Nörgler und VfL-Hasser zuzuordnen sind, bleiben genug, denen man ungeachtet ihrer inhaltlichen Kritik anmerkt, dass ihnen ihr Verein viel bedeutet. Dass sie sich sorgen, dass sie sich Veränderungen wünschen. Dass ihnen der VfL noch lange nicht gleichgültig ist.

Das gilt auch für die Absender zahlreicher Mails, die direkt an die NOZ-Sportredaktion gerichtet wurden. Und für die, die uns Reporter auf dem Weg vom Stadion ansprachen und ihre Meinung, ihren Unmut einfach mal loswerden wollten. Einer sagte kopfschüttelnd: „Wir verstehen unseren VfL nicht mehr.“

Die Reaktionen mögen unangenehm sein, aber es ist – wenn auch mit negativem Vorzeichen – ein Beweis dafür, dass der VfL immer noch über das größte Kapital verfügt, das ein Fußballverein haben kann: Fans. Zuschauer. Freunde. Interesse. Anteilnahme.

Zurück zur Eingangsfrage: Warum sind die Reaktionen so heftig? Warum drohen die Ersten mit Aufkündigung von Crowdfunding, mit Dauerkarten-Abstinenz, mit dauerhaftem Liebesentzug?

Es ist wie im letzten Jahr: Tausende hatten am Samstag ein Déjà-vu, denn wieder verspielte der VfL gegen Fortuna Köln mit einer blutleeren, erbärmlichen Vorstellung die Chance, die die Magdeburger (nur 1:1 gegen FSV Frankfurt) eröffneten – so ähnlich wie am letzten Spieltag der vergangenen Saison.

Das war keine normale Niederlage, sondern ein Offenbarungseid. Zwei Tage vorher hat der Trainer plötzlich die Chance auf die Relegation beschworen (warum eigentlich nicht eher, beispielsweise nach dem 2:1 in Regensburg?). Wenn Joe Enochs damit der Mannschaft einen Schub geben wollte, dann hat er das Gegenteil erreicht. Das gibt er auch zu, das ehrt ihn.

Thema Sportdirektor

Auch deshalb sind die Zuschauer so enttäuscht und sauer wie vor einem Jahr, wahrscheinlich sogar noch mehr: Eine veranlagte Mannschaft zeigt gute Ansätze und kommt dann nicht über den Punkt, wird mit Rückschlägen nicht fertig und bricht dann ein. Fortuna Köln war der Tiefpunkt, aber auch in etlichen Spielen zuvor fehlte es vor allem an Galligkeit, an Mut, an Entschlossenheit.

Woran liegt das? Wie geht man damit um? Wie reagiert man auf den Frust des Publikums? Was muss sich ändern, was kann man ändern? Wer hat welche Fehler gemacht?

Diese Fragen müsste eigentlich ein Sportchef, ein Sportdirektor stellen und die Debatte moderieren. Auch nach außen. Ein Mann mit Fußballwissen, der konzeptionell denkt, plant und handelt – über die Profimannschaft und über die Saison hinaus. Ein Mann, der den kritischen Diskurs mit dem Cheftrainer sucht und ihn bei Bedarf auch in der Öffenltichkeit schützt und unterstützt. Ein Mann, der für das sportliche Gewissen des Clubs steht.

Diesen Sportdirektor gibt es beim VfL nicht, man hält ihn nach inoffizieller Lesart für nicht finanzierbar und in der 3. Liga für überflüssig. So kommt es, dass Lothar Gans – inzwischen als Leiter Profifußball zuständig für die erste Mannschaft – weiter im Amt ist, von dem er sich eigentlich schon mehrfach in den letzten Jahren verabschieden sollte. Sein Vertrag läuft am Saisonende aus, doch es zeichnet sich ab, dass „der ewige Lothar“ bleibt.

Eine klare Positionierung des VfL dazu steht aus. Vielleicht wartet man auf einen günstigen Zeitpunkt, um die Fortsetzung der Zusammenarbeit zu verkünden. Es wäre offener und ehrlicher gewesen, es geradeheraus zu sagen und zu begründen sowie sich dann der Kritik zu stellen. Denn die wird kommen, weil es dem VfL durchaus auch an einem frischen Input von außen mangelt.

Das ist nur ein Beispiel dafür, dass das Gespür des VfL für die Bedürfnisse seiner tatsächlichen und potenziellen Zuschauer schwer getrübt ist. Die Verkündung der Vertragsverlängerung mit Joe Enochs missriet: Wie sich herausstellte, war die Fortsetzung der Zusammenarbeit längst beschlossen, doch erst nach dem Erreichen des DFB-Pokals wurde der Vollzug gemeldet. Das wirkte geplant und inszeniert, aber nicht echt.

Schlecht inszeniert

Die Entscheidung, mit Enochs weiterzumachen, ist vertretbar und für viele Anhänger akzeptabel, aber man muss auch die Kritik daran akzeptieren. Ärger und Wut entstanden bei vielen allerdings erst, weil sie das Gefühl hatten, einer unglaubwürdigen Inszenierung beizuwohnen. Und beim VfL gab es offenbar niemanden, der es für möglich hielt, dass die Frist von drei Jahren in der Öffentlichkeit auf Unverständnis stoßen würde.

Doch genau das war zu erwarten, weil die Erinnerung an den missglückten Schulterschluss mit Maik Walpurgis frisch ist. Und weil man Kontinuität nicht erzwingen kann, sondern sich erarbeiten muss.

Die U21 abzumelden ist ebenfalls nachvollziehbar, wenngleich nicht alternativlos. Aber die Entscheidung als eine Art strategische Leistung zu verkaufen, obwohl jeder weiß, dass sie den eingeschränkten Möglichkeiten von Finanzen und Infrastruktur entspricht und damit eher der Not gehorcht als der Tugend, sorgt für den unangenehmen Beigeschmack.

Wie übrigens auch eine Pressemitteilung, in der sich kein Wort des Bedauerns und der Anerkennung für die Talente findet, die nun von einem Tag auf den anderen ihre sportliche Perspektive verlieren.

Es gibt noch mehr Beispiele, und auch sie zeigen, dass der VfL an Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und Authentizität verloren hat. Das liegt auch daran, dass die Verantwortlichen sich scheuen, Fehler zuzugeben, Misserfolge zu benennen und Wahrheiten auszusprechen, auch wenn sie unangenehm sind.

Glaubwürdigkeit leidet

Deshalb darf man sich nicht wundern, wenn die Verzögerung bei der Nennung von Details zum Lizenzierungsverfahren sofort Zweifel an der Existenzfähigkeit laut werden lässt. Oder wenn Infos zu Investoren ausbleiben. Oder ein Dienstleister wie Infront nach über einem Jahr immer noch unter dem öffentlichen Radar fliegt.

Der VfL fürchtet den kritischen Dialog und ist mehr denn je bestrebt, in demonstrativer Geschlossenheit zu sprechen und zu handeln. Warum kann ein Konflikt nicht auch mal öffentlich durchklingen? Warum ist es schwierig zuzugeben, dass die erste Halbzeit in Lotte blutleer und passiv war? Warum bekannte man sich nicht zur Aufstiegschance, als es noch eine gab? Warum spricht man in einem Dreijahresplan von der 2. Bundesliga als Ziel?

Warum sagt man nicht einfach die Wahrheit? Der VfL ist weiter denn je davon entfernt, ein etablierter Zweitligist zu sein, weil die Kluft dorthin immer größer wird. Der VfL ist mit seinen derzeitigen Möglichkeiten ein Drittligist, der bei optimaler sportlicher Arbeit und einer Portion Spiel- und Saisonglück vielleicht irgendwann mal in die 2. Bundesliga vorrücken kann, ähnlich wie Darmstadt 98 2015. Aber die Mittel, eine Mannschaft zusammenzustellen, die auf dieses Ziel programmierbar ist, und sich dann in der 2. Bundesliga zu etablieren, hat der Verein, hat die Region derzeit nicht.

Fans nicht fürchten

Sich damit abzufinden und – ohne den Traum ganz aufzugeben – die Verhältnisse offen zu erläutern, ohne Angst vor Liebesentzug, Zuschauerrückgang und Sponsorenschwund, wäre ein ehrlicher Weg. Es gibt viele Fans, die über den Osnabrücker Tellerrand hinausschauen und die Veränderungen im modernen Fußball erkennen. Das, was den VfL auszeichnen sollte und ihm einen Stellenwert bei den Fußballfreunden gibt, hängt nicht an der 2. Bundesliga.

Der VfL muss seine Fans und Freunde nicht fürchten, auch wenn sie gerade fluchen, sich abwenden oder spotten. Er muss sie ehrlich und fair informieren, sie glaubwürdig ernst nehmen. Und das aus voller Überzeugung und nicht, weil es zu einem Marketingplan gehört. Erst wenn es gelingt, das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen, kann man über Fananleihe und Crowdfunding reden.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN