Kurz vor Saisonschluss keine Klarheit Aalen: Insolvenzplan akzeptiert – und der Punktabzug?

Von Susanne Fetter, Jacob Alschner und Benjamin Kraus

VfR Aalen: die Zukunft als Profifußball-Standort scheint gesichert. Der Punktabzug sollte aber bleiben. Foto: imago/HartenfelserVfR Aalen: die Zukunft als Profifußball-Standort scheint gesichert. Der Punktabzug sollte aber bleiben. Foto: imago/Hartenfelser

Osnabrück/Aalen. Erleichterung beim VfR Aalen: Die Gläubigerversammlung stimmte am Freitag dem Insolvenzplan des verschuldeten Drittligisten mit großer Mehrheit zu. Die Zukunft der Aalener scheint damit gesichert – was aber ist mit dem Punktabzug wegen der Insolvenz in der laufenden Saison?

„Ich bin sehr froh und dankbar, dass wir heute von den Gläubigern die Zustimmung zum Insolvenzplan erhalten haben. Damit ist der Verein dem gemeinsamen Ziel, schuldenfrei neu starten zu können, ein großes Stück näher gekommen“, sagte der Insolvenzverwalter des Vereins, Holger Leichtle, am Freitag auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz. Die Gläubiger erhalten laut diesem Plan 1,6 Prozent ihrer Einlagen zurück und verzichten dafür auf alle ausstehenden Forderungen, wie der Kicker berichtet.

„Wichtig war, dass einerseits der Verein effektiv entschuldet wird und dass andererseits diese Sanierung noch während der aktuell laufenden Spielzeit gelingt, um die Lizenzerteilung für die kommende Saison zu sichern und das sehr erfolgreich spielende Team des VfR zusammenzuhalten“, erklärte der insolvenzrechtliche Berater Georg Streit laut „Südwest Presse“. Binnen zwei Wochen können noch Rechtsmittel gegen den Insolvenzplan eingelegt werden. Sollte dies nicht geschehen, kann das Verfahren aufgehoben werden – und wäre somit noch vor Ende der Drittligasaison beendet.

Die Insolvenzerklärung: Dem VfR waren infolge der Insolvenzerklärung Anfang des Jahres neun Punkte in der laufenden Drittliga-Saison abgezogen worden. Der Verein hatte damals eingeräumt, mit rund 3,6 Millionen Euro überschuldet zu sein und zusätzlich eine Steuernachforderung über 500000 Euro begleichen zu müssen – aus dem abgeprüften Zeitraum zwischen 2008 und 2012.

Der Abzug von neun Punkten ist laut DFB-Statuten klar geregelt – allerdings gibt es einen Fall, indem dieser Punktabzug nicht zum Tragen kommt: Wenn nämlich „gegen den Hauptsponsor oder einen anderen vergleichbaren Finanzgeber des Vereins schon zuvor ein Insolvenzverfahren eröffnet“ wurde. Genau auf diesen Passus berufen sich die Aalener bei ihrem Versuch, den Neun-Punkte-Abzug abzuwenden. Sollte das gelingen, verbliebe Aalen auf dem Relegationsplatz – drei Punkte vor Osnabrück – und hätte wieder sehr gute Karten im Aufstiegskampf.

Der aktuelle Stand des Rechtsstreits: Nachdem das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes eine Beschwerde der Aalener gegen das DFB-Urteil abgelehnt hatte, war der Verein am Donnerstag beim DFB-Bundesgericht auch mit einer Verwaltungsbeschwerde gegen den Präsidiumsbeschluss gescheitert. Nun will der VfR in der kommenden Woche das Ständige Schiedsgericht des Verbands anrufen.

Der Hintergrund: Das holländische Unternehmen Imtech N.V. – früher über seine deutsche Tochter auch Namensgeber des Volksparkstadions in Hamburg – hatte den VfR Aalen zwischen Sommer 2008 und Sommer 2013 mit insgesamt etwa 10 Millionen Euro unterstützt und damit den Durchmarsch des Klubs von der vierten in die 2. Bundesliga erheblich gefördert. Wegen erster finanzieller Engpässe beschloss Imtech N.V., den am 30. Juni 2013 auslaufenden Vertrag mit dem VfR Aalen nicht zu verlängern und sich aus dem Sponsoring des Vereins zurückzuziehen.

Dies brachte auch den Verein erstmals in eine finanzielle Schieflage – schon in der Saison 2014/15 (2. Bundesliga) wurden dem VfR Aalen zwei Punkte abgezogen, da wiederholt Lizenzierungsauflagen zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit nicht eingehalten wurden. Eine Beschwerde des Klubs lehnte das Ständige Schiedsgericht des DFB schon damals ab. Der VfR stieg am Saisonende mit fünf Punkten Rückstand zum rettenden Ufer ab und spielt seither in der 3. Liga.

Ende des Jahres 2016 erreichte den VfR Aalen die Forderung zu einer regulären Steuernachzahlung in Höhe von etwa 500000 Euro mit Bezug auf die Periode 2008-2012 – also jene Zeit in die auch das Sponsoring der Firma Imtech fiel (2008-13). Dabei soll es auch um die nicht erfolgte steuerliche Berücksichtigung von VIP- und Freikarten für Sponsoren gegangen sein, wie am Rande einer Pressekonferenz des Vereins deutlich wurde.

Der VfR meldete Anfang 2017 Planinsolvenz an – und kassierte den Punktabzug. Seither argumentiert der VfR im Rechtsstreit mit dem Verband, die Firma Imtech, Hauptsponsor in jenem Zeitraum, auf den sich die Steuernachzahlungs-Forderung bezieht, habe bereits im August 2015 Insolvenz angemeldet – also vor dem VfR.

Bewertung der Argumente: Die Tatsache, dass Imtech vor dem VfR Insolvenz angemeldet hat, entspricht zwar den Tatsachen – dies sollte aber kaum Einfluss auf die Beurteilung des Vereins haben. Nicht nur ist unklar, inwiefern die 500000 Euro angesichts eines Schuldenstandes von 3,6 Millionen hauptmaßgeblich für die Insolvenz waren. Zudem wirkt der argumentative Bezug über die Steuernachzahlung auf die Imtech-Insolvenz doch ein wenig konstruiert.

Und letztlich ist es so, dass oben genannte Passage eigentlich nur dann greifen soll, wenn das Unternehmen zum Zeitpunkt der Insolvenzanmeldung noch Sponsor eines Vereins ist. Und das ist im vorliegenden Fall nicht der Fall gewesen. Insofern sollte es wohl beim Punktabzug für den VfR bleiben.

Was sagt der DFB zum weiteren Verlauf des Verfahrens?„Es liegt noch keine Schiedsklage des VfR Aalen vor. Deshalb kann es auch noch keinen Termin für eine etwaige Verhandlung vor dem Ständigen Schiedsgericht geben“, teilte der Deutsche Fußball Bund Ende dieser Woche auf Anfrage der NOZ Medien zum Fall Aalen mit. Auf die Frage, wie der DFB denn verfahre, wenn sich der Rechtsstreit des VfR bis über das Saisonende hinaus hinziehe und sich angesichts einer Endplatzierung der Aalener unter den Top-Drei der Tabelle die Frage nach Direktaufsteigern und Relegationsteilnehmern stelle, antwortete die Pressestelle des Verbandes wie folgt: „Mit dem DFB-Bundesgericht hat das höchste verbandsinterne Rechtsorgan des DFB den Punktabzug bestätigt. Der Punktabzug dürfte dementsprechend bis auf Weiteres in der Tabelle der 3. Liga und daran anknüpfenden Entscheidungen Berücksichtigung finden.“

Heißt also: Der Abzug von neun Punkten bleibt, außer das Ständige Schiedsgericht wird angerufen – und trifft tatsächlich eine andere Entscheidung. „Der DFB wäre im Falle eines etwaigen Verfahrens vor dem Ständigen Schiedsgericht als Partei genauso an den Schiedsspruch gebunden wie der VfR Aalen“, teilte der Verband abschließend mit.

Rein theoretisch denkbar wäre allerdings noch, dass der VfR Aalen nach dem Ständigen Schiedsgericht außerhalb der DFB-Strukturen den internationalen Sportgerichtshof CAS anruft. Das wäre dann im deutschen Fußball allerdings tatsächlich ein Präzedenzfall.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN