Nach drei Jahren: Gegen Lotte dabei VfL-Fan aus Australien nutzt Dauerkarte zum ersten Mal


Osnabrück. Cuong Tu lebt heute in Australien. Als kleiner Junge wohnte er mit seiner Familie fast fünf Jahre lang in Osnabrück und wurde Fan des VfL Osnabrück. Vor drei Jahren hat er sich eine Dauerkarte für den VfL gekauft, obwohl er auf der anderen Seite der Erde lebt. Ein Heimspiel der Lila-Weißen hat er seitdem noch nicht besucht. Das soll sich am Samstag gegen die Sportfreunde Lotte aber ändern.

Es war im Sommer 1980. Tu lebte mit seinem Vater und seiner Mutter seit einem Jahr im Osnabrücker Stadtteil Schinkel. 1978 waren seine Eltern mit ihm Hals über Kopf aus Vietnam vor den Kommunisten als „Boatpeople“ nach Deutschland geflüchtet und 1979 nach Osnabrück gekommen. Sein Zuhause war seitdem in der Tiefstraße, einen Steinwurf entfernt von der Bremer Brücke. Von dem Ort, an dem der VfL Osnabrück seine Heimspiele bis heute austrägt. In besagtem Sommer wurden alle Vietnam-Flüchtlinge aus Osnabrück zu einem Heimspiel des VfL eingeladen. Darunter war auch Tu. „Kurz vor dem Anstoß standen wir auf dem Spielfeld. Die Zuschauer applaudierten und jubelten uns zu“, sagt er. „Seitdem bin ich großer VfL-Fan.“

„Etwas zurückgeben“

Vor drei Jahren hat er sich dann dazu entschieden, eine lebenslang gültige Dauerkarte zu kaufen. Damals wollte der VfL Osnabrückmit dem limitierten Verkauf einer „Retterkarte“ einen großen Teil der Liquiditätsreserve aufbringen, die der DFB dem Verein im Lizenzierungsverfahren für die 3. Liga abverlangt hatte. Zunächst klingt es ein bisschen verrückt, dass sich ein in Australier lebender Mann eine Dauerkarte für den VfL kauft. Immerhin würde die Anreise zu jedem Heimspiel etwa 16.000 Kilometer betragen. Aber Tu hat sich dabei etwas gedacht. Der Empfang damals sei für ihn als Siebenjähriger eine unglaublich tolle Geste, ein Moment der Herzlichkeit und des Willkommens gewesen. Das werde er nie vergessen. „Die Menschen in Osnabrück haben uns Vietnam-Flüchtlinge damals sehr herzlich aufgenommen. Ich werde den Menschen und der Stadt dafür immer sehr dankbar sein“, sagt der 43-Jährige. „Für mich war es dann selbstverständlich, dem VfL in einer schwierigen Phase etwas zurückgeben zu können“, sagt er.

Freunde fürs Leben

Dass Tu mit seiner Dauerkarte zum ersten Mal ein Heimspiel des VfL Osnabrück ausgerechnet das Derby gegen Lotte in der osnatel-Arena sehen wird, ist purer Zufall. „Er ist beruflich bedingt in Deutschland“, sagt Marco Hörmeyer über den Wirtschaftsjuristen. Ihn verbindet mit Tu eine jahrelange Freundschaft. Ab 1979 waren beide in die Heiligenwegschule in Schinkel eingeschult worden. Nach vier Jahren Grundschule wechselten die Freunde in die fünfte Klasse der Gesamtschule Schinkel. „Aber ich glaube, Cuong war nicht einmal ein ganzes Schuljahr dort“, sagt Hörmeyer.

1984 wanderten die Eltern mit Tu ins australische Sydney aus. „Cuongs ältester Bruder hatte sich dort schon eine berufliche Existenz aufgebaut“, sagt Hörmeyer. Als die Familie Ende der Siebziger aus Vietnam geflüchtet war, seien die Brüder von Tu nicht auf demselben Boot wie seine Eltern und er selbst gewesen. „Das haben sie für den Fall gemacht, dass etwas passiert“, erklärt Hörmeyer die zwischenzeitliche Trennung der Familie, die in Australien eine neue Heimat gefunden hat.

Zweite Heimat Osnabrück

Die zweite Heimat ist für Tu die Stadt Osnabrück. „Ich durfte eine unglaublich schöne Kindheit in Osnabrück verbringen und habe dort enge Freunde, die ich aus der Grundschule kenne“, sagt der 43-jährige VfL-Fan. Dass es nun zum ersten Mal mit der Dauerkarte mit dem Besuch eines VfL-Spiels klappt, gefällt ihm umso mehr. „Ich freue mich sehr auf meine kleine Live-Premiere nach so vielen Jahren.“ Er sei als Kind fast bei jedem Heimspiel an der Bremer Brücke gewesen. Der Vater eines Schulfreundes habe damals eine Jahreskarte gehabt und ihn immer mitgenommen. „Das waren noch die Zeiten, als Rolf Meyer im Tor stand und Erwin Kostede die Dinger vorne reingemacht hat“, erinnert sich Tu.

Sitzen wird Tu beim Spiel neben seinen beiden Schulfreunden und Mannschaftskollegen Kai Hägner und Hörmeyer. „Wir haben zusammen von der F- bis zur D-Jugend bei Blau-Weiß Schinkel gespielt“, sagt Hörmeyer. Hägner und er seien Feldspieler gewesen, Tu habe im Tor gespielt. „Cuong war damals schon ein sehr guter Torwart. Später hat er in Australien auch in Auswahlmannschaften gespielt“, weiß Hörmeyer. Sowieso habe er eine große Fußball-Affinität und verfolge von Australien aus genau, was der VfL macht, wenn er spielt „Der Liveticker ist für ihn Pflicht. Als Osnabrück in der vergangenen Saison im Halbfinale des Niedersachsenpokals ausgeschieden ist, hat mir sofort eine E-Mail geschrieben. Er war entsetzt“, sagt Hörmeyer.

Tipp auf Sieg

Für das Spiel am Samstag gegen Lotte ist Tu aber guter Dinge. Er tippt ein 2:1 für den VfL. „Wriedt und Kristo werden die Tore machen“, ist er sich sicher. Hörmeyer erwartet mehr Tore und legt sich auf einen 3:2-Heimsieg fest. Am Freitag landet Tu in Deutschland, Hörmeyer holt ihn vom Flughafen ab – und dann geht´s am Samstag an den Ort, an dem Tu vor 36 Jahren als kleiner Junge so herzlich empfangen worden war.


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