Traditionsstandort Gellertstraße Stadion in Chemnitz präsentiert sich zum VfL-Spiel in neuem Glanz

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Osnabrück. Gefrustete Startorhüter, verhauene Linienrichter und lila-weiße Dramen. Bereits über 80 Jahre wird an der Gellertstraße in Chemnitz dem Fußball nachgejagt. Der VfL ist seit dem Ende der 1990er-Jahre Stammgast und wird an diesem Samstag (14 Uhr) vom Chemnitzer FC in einem runderneuerten Stadion empfangen.

Seit den 1930er-Jahren wird an der Gellertstraße, gelegen im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg zwischen Hauptbahnhof und Zeisigwald, Fußball gespielt. Im Jahr 1933 wurde die zunächst „Stadion an der Planitzstraße“ genannte Spielstätte eröffnet. Spektakulär gestalteten sich bereits die ersten Spiele des damaligen Hausherren, dem „Polizeisportverein Chemnitz“, der zur Stadioneröffnung die SpVgg Fürth vor 25000 Zuschauern mit 5:1 besiegte. Wenige Wochen später reiste sogar der FC Madrid, heute Real Madrid, mit Startorwart Ricardo Zamora an und das Stadion erlebte seinen ersten kleinen Skandal. Nachdem Keeper Zamora bereits in der 1. Halbzeit zweimal den Ball aus dem Netz holen musste, soll er zur Pause gefrustet in der Kabine geblieben sein. Der Überlieferung nach soll dies das sächsische Publikum so in Rage versetzt haben, dass der Schiedsrichter die zweite Halbzeit unterbrechen musste und das Spiel erst fortgesetzt wurde, nachdem Zamora wieder im Tor stand. Genützt hat es den Spaniern wenig. Das Spiel gewann der PSV Chemnitz mit 5:2 und Zamora war vermutlich endgültig bedient.

Kuriose Namen der Fischerwiese

Nach dem 2. Weltkrieg bezog die SG Chemnitz Nord das Stadion. Aus ihr wurde nach vielen Namenswechseln am 15. Januar 1966 der FC Karl-Marx-Stadt und 1990 schließlich der Chemnitzer FC. Das Stadion selbst wurde in der DDR in „Dr.-Kurt-Fischer-Stadion“ umbenannt und trug erst seit 1990 den heute bekannten Namen „Stadion an der Gellertstraße“. Die Anhänger des FC Karl-Marx-Stadt interessierte dies sowieso nur wenig. Sie sprachen von der „Fischerwiese“, wenn sie ihr geliebtes Fußballstadion meinten.

Hier startete der FC Karl-Marx-Stadt 1966/67 auch in seine einzige Meistersaison, welche wegen des hohen Zuschauerinteresses aber im größeren Sportforum beendet wurde. An der Gellertstraße konnte der Frust des sächsischen Anhangs auch schon einmal gefährliche Formen annehmen. Wie 1970, als die Anhänger nach einem Platzverweis gegen ihre Himmelblauen im FDGB-Pokalspiel gegen Vorwärts Berlin den Platz stürmten und den Linienrichter mit seiner eigenen Fahne verdroschen. Das viel größere und weitläufige Sportforum Chemnitz blieb hingegen ein eher unbeliebtes Ausweichziel etwa für Europapokalspiele oder die Zweitligajahre zwischen 1991 und 1996. Auch das erste Gastspiel des VfL Osnabrück beim Chemnitzer FC fand im Sportforum statt. Zu Beginn der Mammutsaison 1992/1993 gewann der VfL dort vor 4500 Zuschauern mit 2:0, stieg am Ende aber trotzdem ab. Die Tore erzielten Paolo da Palma und Torjäger Gerrit Meinke. Drei Jahre später stieg auch der CFC in die Drittklassigkeit ab und spielte fortan wieder im „Stadion an der Gellertstraße.“

Bittere Niederlage 1999

1999 führte die Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga den VfL Osnabrück erneut nach Chemnitz, nun an die Gellertstraße. Hierhin begleitete den VfL am 6. Juni in einem nur spärlich gefüllten Sonderzug ein aufrechtes Häuflein Anhänger. Viele weitere hatten sich von der Entfernung und den Ausschreitungen im Anschluss an den 1:0 Hinspielerfolg des VfL abschrecken lassen. Die mitgereisten Lila-Weißen erlebten wie der CFC – mit dem heutigen Chemnitzer Trainer Sven Köhler als Spieler auf dem Feld – dem VfL Osnabrück die bis heute schmerzhafteste Niederlage an der Gellertstraße zufügte. Die VfL-Mannschaft um Torhüter Uwe Brunn sowie Joe Enochs und Wolfgang Schütte auf dem Feld unterlang den Gastgebern vor 12500 Fans mit 2:0 und verpasste den Wiederaufstieg. Besonders schmerzhaft wog für den VfL der Verlust von Trainer Gerd-Volker Schock, der aus gesundheitlichen Gründen an diesem Tag zum letzten Mal auf der VfL-Bank saß.

Seither konnte der VfL die Bilanz in Chemnitz ausgeglichen gestalten. Fünf Siege, ein Remis und fünf Niederlagen zeugen davon, dass das „Stadion an der Gellertstraße“ für den VfL häufig ein gutes Pflaster war. Zuletzt zog der VfL in Chemnitz allerdings jeweils den Kürzeren. In der Spielzeit 2014/15 verlor der VfL unter Trainer Maik Walpurgis mit 0:2. Am vorletzten Spieltag der abgelaufenen Saison unterlag man, trotz des zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleichs nach einem Kopfballtreffer durch Tobias Willers, mit 1:2 . Der VfL musste deshalb die Hoffnungen auf den dritten Platz begraben und der CFC-Anhang konnte in seinem neugestalteten Wohnzimmer einen gelungenen Saisonabschluss feiern.

Austauschbare Architektur

Seit Januar 2014 war das Stadion von der Stadt Chemnitz bei laufendem Spielbetrieb abgerissen und neugebaut worden. Im Sommer 2016 wurde das etwa 27 Millionen Euro teure Stadion des CFC fertiggestellt und trägt seither den Namen eines Chemnitzer Software-Unternehmens. Der CFC zahlt abhängig von der Liga eine jährliche Pacht an die Stadt.

Ein reines Fußballstadion mit 16 Logen für bis zu 150 Besucher und einer Gesamtkapazität von 15000 Zuschauern – darunter 9000 Sitzplätze und 6000 Stehplätze – nennen die Himmelblauen seither ihre Heimat. Die Sicht ist von fast allen Plätzen gut und die stimmgewaltigen Fans der Himmelblauen verfügen nun auch über eine überdachte Stehplatztribüne mit guter Akustik und empfangen die Gäste nun als himmelblaue Wand. Insgesamt bietet das fast komplett in der Vereinsfarbe gehaltene und von einem Ibbenbürener Architekturbüro entworfene Stadion wenig Charakteristisches – es ist vergleichbar mit vielen in den letzten Jahren im gleichen Stil neu gebauten Stadien. Die Front der Haupttribüne soll einem Fan-Schal nachempfunden sein. Allerdings benötigt der Betrachter dann doch etwas mehr Fantasie, um das blaue Band, welches die Fassade umgibt, als eben solchen zu interpretieren.

Stadtteil-Aufwertung?

Der Neubau von Stadion und Stadionumfeld ist auch Teil einer städtebaulichen Maßnahme zur Aufwertung des gesamten Stadionumfeldes im Stadtteil Sonnenberg, in dessen angrenzenden Wohngebieten mehrere leer stehende und verfallene Wohnhäuser mit eingestürzten Dächern zu finden sind. Aus dieser Sicht stellt das Stadion durchaus einen Lichtblick dar – und das nicht nur bei Flutlichtspielen. Vielleicht bleibt auch noch etwas Geld für die Sanierung eines alten Gründerzeithauses über, das direkt hinter dem Gästeblock vor sich hin verfällt.


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