Verträge für Krasniqi und Lehmann? VfL-Trainer Joe Enochs: Meine Bilanz, meine Pläne

VfL-Osnabrück-Trainer Joe Enochs im Interview. Foto: Helmut KemmeVfL-Osnabrück-Trainer Joe Enochs im Interview. Foto: Helmut Kemme

Osnabrück. Knapp zwei Wochen hat sich Joe Enochs zurückgehalten, um Abstand zu gewinnen. Jetzt zieht der Trainer des VfL Osnabrück seine Bilanz der Saison 2015/16 und gibt Einblick in seine Pläne für das Spieljahr 2016/17.

Enochs: Die Saison war nicht so schlecht, wie es sich am Ende angefühlt hat

Joe, Sie haben sich geärgert, weil wir im Kommentar nach dem letzten Spiel geschrieben haben: Nein, das war keine gute Saison. Hat sich der Ärger gelegt?

Ja, schon, aber ich möchte gern erklären, was mir daran nicht gefallen hat. Ich war – und bin es noch immer – enttäuscht davon, wie wir gerade im letzten Spiel diese große Chance auf den DFB-Pokal verpasst haben. Ich kann verstehen, dass die Leute sauer sind. Aber ich bin Trainer und muss die ganze Saison sehen und die Entwicklung der Mannschaft. Deshalb lasse ich mir die guten Erkenntnisse der Saison nicht ausreden, auch wenn es am Ende nicht gereicht hat. Vielleicht kann man es so zusammenfassen: Die Saison war sicher nicht so schlecht, wie es sich am Ende angefühlt hat.

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Wie beurteilen Sie selbst die Saison? Was hat der VfL erreicht, wo hat sich etwas verbessert, woran hat es gefehlt?

Als wir Ende August antraten, war der VfL Vorletzter, hatte mit einem Tor aus vier Spielen zwei Punkte geholt und stand vor einem schweren Auswärtsspiel in Cottbus. Das erste Ziel war damals: So schnell wie möglich da unten rauskommen, um nicht dauerhaft in den Abstiegssog zu geraten. Zweites Ziel: die Qualifikation für den DFB-Pokal schaffen. Drittens: die eigenen Talente heranführen, die Profis besser verzahnen mit dem Nachwuchsleistungszentrum. Viertens: durch Spielweise und Auftreten Vertrauen beim Publikum zurückerobern. Fünftes Ziel: unser soziales Engagement verstärken. Ich glaube, dass wir alle Ziele ganz oder überwiegend erreicht haben – leider aber nicht die Pokal-Qualifikation. Und ich weiß, wie sehr das das Osnabrücker Publikum schmerzt. Mich übrigens mindestens genauso. Egestorf war ein schwarzer Tag, da müssen wir überhaupt nicht drumherumreden. Aber vergessen sollte man auch nicht, dass der VfL bis zum vorletzten Spieltag um Platz 3 mitgespielt hat. Das hatten Vereine wie Energie Cottbus, Stuttgarter Kickers oder Wehen Wiesbaden als Saisonziel…

Enochs: Ich glaube, mit Alvarez hätten wir es gepackt

Wie erklären Sie das Nachlassen in der Liga? Am 27. Spieltag war der VfL Dritter mit fünf Punkten vor dem Vierten und neun Punkten Vorsprung vor Würzburg. Dann gelangen nur zwei Siege in den letzten elf Spielen.

Ich glaube, wir hätten es mit Alvarez in Chemnitz und gegen Köln geschafft; er war nun mal unser herausragender Offensivspieler und in guter Form. Außerdem haben wir auch in den letzten Wochen die Mechanismen des Fußballs gespürt. Es war die Phase, in der einige Spieler sich auch mit ihrer Zukunft beschäftigt haben und dabei vielleicht ein paar Prozent an Aufmerksamkeit eingebüßt haben.

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Ich finde, dass vor allem in der Defensive ein Schuss Souveränität und Abgeklärtheit verloren gegangen ist. So klar und sicher wie beim 2:0 in Wiesbaden ist die Mannschaft in der Defensive danach nicht mehr aufgetreten.

Ich sehe das so ähnlich. Vielleicht hat es auch daran gelegen, dass wir in der Zeit die Schwerpunkte im Training etwas verschoben haben in Richtung spielerische Verbesserung und offensive Aktionen. Kann sein, dass wir dabei etwas eingebüßt haben von unserer Fokussierung auf das, was uns stark gemacht und so weit nach oben gebracht hat: unser Spiel gegen den Ball, das nur funktioniert, wenn alle zu hundert Prozent mitmachen. Die beste Phase hatten wir, als wir sehr oft zu null gespielt haben. Das ist uns in den letzten Wochen nicht gelungen.

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Enochs: Jeder muss mental und physisch bereit sein für 38 Spiele

Was muss, was soll sich verbessern?

Die zentrale Erkenntnis gerade der letzten Wochen ist: Wir wollen Spieler, die mental und physisch in der Lage sind, 38-mal in der Saison ganz nahe an ihr Leistungsoptimum zu kommen. Diese Robustheit, diese Verlässlichkeit brauchen wir in einer Liga, die meiner Meinung nach die höchste Leistungsdichte im deutschen Profifußball hat. So eng liegen die Mannschaften in der 2. Bundesliga nicht zusammen, erst recht nicht in der Bundesliga.

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Das Gerüst der Mannschaft steht, bis auf den Torwart bleibt die Defensivabteilung zusammen. Wo und mit wem können Sie neue Impulse setzen?

Unsere Defensive ist eine der besten in der 3. Liga, das zeigen nicht nur die nackten Zahlen. Wir haben erfahrene Spieler wie Alex Dercho, Dave Pisot und Tobi Willers, auf die Verlass ist. Wir haben Christian Groß und Tony Syhre, die sich toll entwickelt haben und die nicht am Ende ihres Weges sind. Das gilt auch für Kim Falkenberg, den wir nach langer Pause wieder herangeführt haben und der ganz sicher noch zulegen wird. Und so bedauerlich es ist, dass uns Marvin Schwäbe verlässt: Auf der Position werden wir keine Sorgen bekommen – dafür steht Rolf Meyer mit seiner Erfahrung und seinen Verbindungen. Durchaus möglich, dass Frank Lehmann als Nummer 1 bei uns bleibt.

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Mit Kwasi Okyere Wriedt und Bashkim Renneke haben Sie zwei junge Offensivspieler verpflichtet, dazu mit Marc Heider einen gestandenen Angreifer. Sind die Planstellen in der Offensive damit besetzt?

Nein, da haben wir noch ein paar junge Talente auf dem Zettel, um die wir in diesen Tagen kämpfen.

Enochs: Spieler sollen aus Überzeugung zu uns kommen, nicht wegen des Geldes

Wie schwer ist es, Spieler für den VfL zu begeistern?

Wenn es um sportliche Dinge oder die Arbeitsbedingungen geht, gar nicht so sehr. Aber wir müssen damit leben, dass wir, wenn es ums Geld geht, nicht immer die besten Argumente haben. Umso mehr müssen wir uns anstrengen, mit anderen Dingen zu punkten. Ich werde mich darüber nicht beklagen, sondern alles tun, um Spieler nach Osnabrück zu holen, die mehr als nur einen Fußball-Job wollen. Deshalb freut es uns, dass es sich bei Wriedt und Renneke ausgezahlt hat, dass wir früh an diesen Spielern dran waren und ihnen Möglichkeiten aufgezeigt haben. Auch Bastian Schulz kommt zu uns, weil er sieht, dass er hier etwas mit aufbauen kann. Solche Spieler wollen und brauchen wir: die aus Überzeugung zum VfL kommen und nicht wegen des Geldes.

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Das gilt auch für Spieler aus dem eigenen Nachwuchs. In der abgelaufenen Saison rückten mehr Talente als zuvor an die Profimannschaft heran. Wer hat hier die besten Perspektiven, wer kommt in der neuen Saison dazu?

Wir haben gesehen, dass es sich lohnt, mit diesen Spielern so zu arbeiten, wie wir es getan haben. Nicht alle werden es schaffen, aber jeder, von dem wir glauben, dass er das Zeug hat, bekommt eine Chance und viel Unterstützung. Das hat sich ausgezahlt bei Steffen Tigges, über dessen erstes Tor sich die ganze Mannschaft gefreut hat. Der Junge ist auch in der nächsten Saison noch A-Junior! Kamer Krasniqi hat einen großen Schritt gemacht, er wird einen Profivertrag bekommen. Deniz Taskesen hat gute Ansätze gezeigt, aber vielleicht ist es für ihn jetzt, wenn er nicht mehr U-23-Spieler ist, besser, noch mal einen Schritt zurückzugehen in die Regionalliga. In der neuen Saison werden wir intensiv mit den nächsten Talenten arbeiten, wie Leon Tigges, Zidane Atalan, Tugay Gündogan oder Sebastian Klaas. Sie werden so oft wie möglich mit uns trainieren, wir werden sie fördern. Sie alle müssen aber wissen, dass das nur der erste Schritt ist. Sie müssen hart an sich arbeiten und sollten sich ein Beispiel daran nehmen, wenn gestandene Profis wie Groß, Savran, Pisot, Falkenberg und Co. nach dem Training noch eine Extraschicht mit Flanken und Torschuss dranhängen.

Enochs: Wir müssen uns auf Fußball konzentrieren, nicht auf Mätzchen

Noch einmal zurück zur alten Saison. Ein paar Wochen nach Ihrem Dienstantritt haben Sie – sicher auch wegen der Vorkommnisse beim Hinspiel gegen Münster – Ihre Spieler aufgefordert, sich auf den Fußball zu konzentrieren. First things first, war Ihr Motto, also keine Rudelbildung, keine Diskussionen mit Schiedsrichter oder Gegner, keine Schwalben. Sie selbst haben das vorgelebt, selbst als der Kieler Trainer Neitzel Sie beschimpfte. Hat Ihre Mannschaft die Lektion gelernt?

Mein Eindruck ist, dass die Spieler es begriffen haben, auch wenn es noch Verbesserungspotenzial gibt. Ich bin davon überzeugt, dass es uns auf dem Platz hilft, wenn wir uns nur auf den Fußball konzentrieren. Vor allem trägt es aber dazu bei, dass wir ein Bild abgeben, mit dem sich nicht nur unsere Fans anfreunden können. Ich will jedes Spiel gewinnen, aber ich will – um ein aktuelles Beispiel zu nennen – dafür nicht diese Methoden anwenden wie Eintracht Frankfurt im Relegations-Rückspiel in Nürnberg mit diesem unerträglichen Zeitspiel. Vorher war ich für Eintracht, aber danach habe ich mir gewünscht, dass Nürnberg noch zwei Tore schießt.

1,5 Punkte pro Spiel holte der VfL in den ersten acht Partien unter Ihrer Regie. „Daran lasse ich mich messen“, haben Sie damals im Interview gesagt. Wissen Sie, bei welchem Schnitt Sie jetzt liegen?

Ich glaube, die 1,5 haben wir geschafft, oder?

Enochs: Geschlossenheit und Zusammenhalt sind unsere Trümpfe

1,588, um genau zu sein.

Aber ich weiß, dass ich damals auch gesagt habe: Unser zweites Ziel ist der DFB-Pokal. Und das haben wir nicht geschafft. Aber daran arbeiten wir, wir wollen es besser machen. Jeder Einzelne, aber vor allem wir als Team mit Geschlossenheit und Zusammenhalt. Und da schließe ich unser Publikum ein. Das sind unsere Trümpfe.


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