Aus dem Abseits helfen Fußballer des VfL Osnabrück verkaufen Straßenzeitung „Abseits“

Angetreten zum Interview und zum Verkauf der Straßenzeitung: VfL-Trainer Joe Enochs und die Spieler Lars Bleker und Kamer Krasniqi. Foto: Helmut KemmeAngetreten zum Interview und zum Verkauf der Straßenzeitung: VfL-Trainer Joe Enochs und die Spieler Lars Bleker und Kamer Krasniqi. Foto: Helmut Kemme

Osnabrück. Nicht angefeuert oder bejubelt werden, nicht im Zentrum des Interesses stehen, sondern am Rand der Fußgängerzone, quasi am Rand der Gesellschaft als Verkäufer der Straßenzeitung „Abseits“: ein spannender Perspektivwechsel für zwei Fußballprofis des VfL Osnabrück.

„Das ist total ungewohnt, wenn man überhaupt nicht beachtet wird und die Leute über einen hinwegsehen“, sagt Kamer Krasniqi. Der VfL-Jungprofi gehört vielleicht noch nicht zu den Gesichtern, die wirklich jeder Osnabrücker sofort auf der Straße erkennen würde.

Trotzdem empfindet es der 20-Jährige wie wohl fast jeder Bewohner dieser Stadt als normal, dass ihm die Leute aufgeschlossen und mit offenem Blick begegnen. Jetzt aber steht er in seinem grünen Mantel und mit der Straßenzeitung „Abseits“ in der Hand am Rand der Fußgängerzone mit den schillernden Schaufenstern der Boutiquen im Rücken. Der Albaner versucht, durch Blickkontakt die Aufmerksamkeit der vorbei hastenden Passanten zu erregen. „Eine Frau hat mich gerade mit so einem ‚Du-tust-mir-leid-Blick‘ angeschaut – und ist dann doch weitergegangen“, berichtet Krasniqi.

Zu erfahren, wie es ist, wenn einen die Menschen nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft wahrnehmen, sondern als jemanden, der vielleicht auf der Straße leben muss oder zumindest auf Almosen angewiesen ist: Es ist dieser Wechsel der Perspektive, den der VfL-Youngster als „gute und interessante Erfahrung“ bezeichnet. Sein Trainer dürfte angesichts dieser Erkenntnis zufrieden sein. „Wir alle müssen uns immer wieder vor Augen führen, wie gut es uns geht“, sagt Joe Enochs.

Der VfL-Coach hat sofort zugestimmt, als er die Anfrage erhielt, die Institution Tageswohnung in der Bramscher Straße zu unterstützen. Insgesamt 643 Menschen – die meisten von ihnen Obdachlose – haben im vergangenen Jahr dort das Angebot des Tagesaufenthaltes wahrgenommen, etwa Wäsche gewaschen, Wertsachen deponiert und für einen geringen Preis unter 1,50 Euro warme Mahlzeiten erhalten. Oder für je 80 Cent Ausgaben der Straßenzeitung der Sozialen Dienste erworben, die sie an belebten Plätzen in der Stadt für 1,60 Euro weiterverkaufen. „80 Cent plus Trinkgeld verbleiben beim Verkäufer“, hatte Thomas Kater, Chefredakteur von „Abseits“, seinen Zuhörern vom VfL in der Tageswohnung erklärt. Zuvor hatte er Enochs für die neue Ausgabe interviewt, die ab dem 1. April zu haben ist.

„Für unsere Verkäufer bietet das Verkaufen einen geregelten Tagesablauf und die Chance auf Kommunikation und Kontakte“ erklärte Ulrich Sandhaus, der auch bei „Abseits“ mitarbeitet, später in der Stadt Lars Bleker und ergänzte, dass sich viele so eine Stammkundschaft aufbauen würden, wodurch einige sogar an weitere Gelegenheitsjobs oder Wohnungen kämen. „Und über was berichtet ihr so?“ fragte der VfL- Rechtsverteidiger zurück. Die Antwort: Soziale Einrichtungen, dazu Lebensgeschichten der Mitarbeiter der sozialen Dienste und ihrer Besucher sowie bekannter Persönlichkeiten.

Dann erklärte Sandhaus Bleker die Regeln für Verkäufer der Straßenzeitung: „Kein Alkohol beim Verkaufen und keine aggressive Ansprache oder gar Anfassen der Passanten. So etwas passiert in anderen Städten, wollen wir hier aber bewusst nicht, da das negative Image auf alle Verkäufer zurückfallen würde“, erklärt Sandhaus. Verstöße gegen die Regeln würde es so gut wie nie geben, da die soziale Kontrolle bei den Verkäufern funktioniere.

Und dann stand auch Bleker, rote Jacke, in die Stirn gezogene und verkehrt herum aufgezogene Kappy, mit ein paar Zeitungen in der Hand im Nieselregen der Fußgängerzone. „Die Leute gucken einen schon anders an“, registrierte auch der 21-Jährige. Weniger, weil sie den VfL-Profi erkannt haben. Sondern eher, weil sie verstohlen den jungen Mann mit der abseitigen Straßenzeitung musterten.

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