„Schmetterlinge im Bauch“ VfL Osnabrück: Ein leidenschaftlicher Heimatabend

Von Marius Stegemann

Stellten sich beim Heimatabend den Fragen des Publikums: VfL-Geschäftsführer Jürgen Wehlend und Trainer Joe Enochs. Foto: imago/osnapixStellten sich beim Heimatabend den Fragen des Publikums: VfL-Geschäftsführer Jürgen Wehlend und Trainer Joe Enochs. Foto: imago/osnapix

Osnabrück. Offen und beeindruckend leidenschaftlich zeigten sich die Verantwortlichen und Spieler des VfL Osnabrück beim VfL-Heimatabend in der Lagerhalle.

Neben der sportlichen Lage standen im dreieinhalbstündigen Programm die wirtschaftliche Situation und das Image des VfL im Vordergrund der Diskussion.

Gastgeber Kalla Wefel und NDR-Moderator Burkhard Tillner führten durch den unterhaltsamen, stellenweise durchaus lebhaften Abend in gewohnt lockerer Atmosphäre. Zunächst stellte sich der frisch gewählte Vize-Präsident Sascha Heise den etwa 200 Zuhörern vor und zeigte sich nach seinem ersten Einblick in die Vereinsakten zufrieden: „Der Verein wird professionell geführt.“ Richtig selbst eingreifen will der Wunschkandidat von Vize-Präsident Uwe Brunn aber erst zum neuen Jahr, nach weiterer und intensiverer Einarbeitung in die Materie. Präsident Hermann Queckenstedt warb danach in einem Appell an das Publikum um Geschlossenheit beim VfL und stellte die hohe Bedeutung des sportlichen Erfolgs der Profimannschaft für das Gesamtgefüge des Klubs – also auch für die wirtschaftlichen Komponente – heraus.

Reizthema RB Leipzig

Reizthema der Veranstaltung war ganz klar RB Leipzig: immer, wenn jener Verein Thema war, entspannten sich zwischen den Podiumsteilnehmern und auch dem Publikum lebhafte und nicht immer komplett sachliche Debatten – auch, als Trainer Joe Enochs gegen Ende sagte, dass es notwendig sei, von den Leipzigern hinsichtlich ihrer innovativen und erfolgreichen Jugendarbeit zu lernen. Zuerst aber entwickelte sich eine Diskussion rund um das DFB-Pokalspiel in Osnabrück – und um das Verhalten beider Vereine als Reaktion auf den Spielabbruch. Die Leipziger waren damals medienwirksam vorgeprescht, indem sie ein Wiederholungsspiel in Aussicht gestellt hatten. Nach dem Pokalausschluss des VfL durch den DFB hatten sie auf einen Teil der Pokaleinnahmen verzichtet. VfL-Präsident Queckenstedt akzeptierte nun im Nachhinein die Ansicht, dass die Reaktionszeit des VfL bezüglich der Kommunikation mit der Öffentlichkeit in jenen Tagen zu lang war, erklärte aber, dass man sich eher auf das laufende Verfahren beim DFB konzentriert habe: „RB Leipzig war nie ein Akteur in diesem Verhandlungsprozess.“ Dass man die 20000 Euro Pokaleinnahmen, auf die RB Leipzig verzichtet hatte, nicht für einen guten Zweck wie etwa Flüchtlinge spendete, wie Wefel forderte, begründete VfL-Geschäftsführer Jürgen Wehlend mit den großen finanziellen Verpflichtungen des Vereins, etwa in der Nachlizensierung: „Wir brauchen das Geld.“

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Die wirtschaftliche Lage bleibe weiter brisant, erklärte Wehlend: Im Hinblick auf die Sanktionen nach dem Pokalspiel und fehlende Einnahmen aus dem Marketing und Ticketing in Höhe von 365000 Euro sagte der Geschäftsführer: „Die Tat eines Einzeltäters kann einem Verein das Leben kosten.“ Der Geschäftsführer warb dafür, den eingeschlagenen Sanierungskurs mit allen Gläubigern fortzuführen. Zudem will der Verein eine neue Strategie zur Erhöhung der Einnahmen entwickeln. Dabei stehe der VfL im Austausch mit anderen Vereinen wie Arminia Bielefeld, Werder Bremen oder dem HSV, zudem will sich Wehlend auch dazu mit dem Präsidium im Januar zu einer zweitägigen Klausur zurückziehen.

Im Etat für die laufende Saison ist laut Wehlend – ohne Veränderungen im vorhandenen Kader – kein Spielraum für eine Neuverpflichtung im Winter. Für Trainer Joe Enochs ist das kein Problem. „Selbst wenn wir einen Spieler holen könnten, würde ich „Nein“ sagen. Wen soll ich denn dafür rausnehmen?“, fragte der 44-Jährige ins Publikum – und bekam keinen Vorschlag. Enochs, der im zweiten Teil des Abends zusammen mit Co-Trainer Wolfgang Schütte Rede und Antwort stand, warb eindringlich für seinen Kurs, auch talentierten Nachwuchsspielern wie Steffen Tigges (hier im Interview) Einsatzzeiten zu verschaffen. „Wir müssen den Osnabrücker Weg gehen und uns immer weiter verbessern“, ließ der Trainer durchblicken, dass er von seinen Profis immer verlangt, Konzentration und Einsatz im täglichen Training hochzuhalten.

VfL-Verteidiger Alexander Dercho lobte genauso wie Massimo Ornatelli den Teamgeist der Mannschaft und die konzentrierte Arbeit aller Akteure im Training. Auf seine zwischenzeitliche Auszeit unter Trainer Walpurgis wollte Ornatelli nicht konkreter eingehen, verriet aber, dass es seither von den Fans „mehr positive als negative“ Reaktionen gab und das die starken, stimmungsvollen 71 Minuten im Pokalspiel gegen Leipzig sein bisheriges Highlight in Osnabrück war. Für das sprachliche Highlight sorgte allerdings sein Nebenmann, der die momentane Euphorie beim VfL infolge des Trainerwechsels mit einer neuen Liebesbeziehung verglich. „Da hat man Schmetterlinge im Bauch“, versicherte Dercho. (Weiterlesen: VfL – ehrliche Arbeit, guter Fußball)


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