Polizeieinsatz in Osnabrück mit Folgen VfL-Besucher beklagen Schikanen und Willkür der Polizei

Von Harald Pistorius

Blick aus der Sportsbar Stanleybet während des Polizeieinsatzes am vergangenen Freitag. Foto: Andreas GüttlerBlick aus der Sportsbar Stanleybet während des Polizeieinsatzes am vergangenen Freitag. Foto: Andreas Güttler

Osnabrück. Der Polizeieinsatz nach dem Drittliga-Match des VfL Osnabrück gegen den Halleschen FC hat ein Nachspiel. Mehrere Augenzeugen beklagen sich über Freiheitsberaubung, fühlen sich kriminalisiert und sprechen von Schikane oder Willkür. Besonderes Gewicht bekommen die Aussagen eines ehemaligen Polizeibeamten, der nun rechtliche Schritte gegen die Einsatzleitung vorbereitet.

„Ich bin dafür, rigoros gegen Chaoten vorzugehen und weiß genau, was Polizisten sich bei solchen Einsätzen gefallen lassen müssen. Aber das rechtfertigt einen solchen überzogenen Einsatz nicht“, sagt Andreas Güttler. Dem 48-Jährigen sind im Gespräch sowohl die Entrüstung als auch die Entschlossenheit anzumerken: „Das war ein unverhältnismäßiger Einsatz, den ich nicht auf mir sitzen lassen werde. Ich werde rechtlich gegen die Einsatzleitung vorgehen und habe die Namen vieler Betroffener eingesammelt, die das ebenfalls nicht auf sich beruhen lassen wollen.“

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Güttler ist nicht nur ein ehemaliger Fußballer des TuS Bersenbrück und reiseerfahrener Fußballfan, sondern hat auch als Polizist Einblick in die Szene gehabt. Von 1986 bis 1992 war er bei der Bereitschaftspolizei und hat etliche Einsätze bei Fußballspielen hinter sich gebracht. Heute ist er als Verwaltungsbeamter allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters in der Gemeinde Essen/Oldenburg.

Augenzeugen melden sich in der Redaktion

Seine Vorwürfe und Beschwerden decken sich mit denen anderer Augenzeugen, die sich an die NOZ-Sportredaktion gewandt haben, um sich schriftlich und mündlich zu äußern. Auf der Basis dieser Darstellungen ergibt sich folgendes Bild von den Ereignissen.

Fast 150 Gäste drängten sich gegen 22 Uhr in dem weitläufigen und verwinkelten Lokal „Stanleybet Sportsbar“, das nach der Schließung der populären Traditionskneipe „Hüggelmeyer“ und des berüchtigten Szenelokals „Arena-Treff“ die einzige Gaststätte in unmittelbarer Nähe zur Osnatel Arena ist. Etwa zu diesem Zeitpunkt riegelte die Polizei die Kneipe ab und verbot jedem Gast, der gehen wollte, es zu verlassen.

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Die Begründung der Einsatzleitung: 30 bis 50 Chaoten hatten einen massiven Angriff auf die Polizisten an der Absperrung zur Oststraße gestartet, um zu den gewalttätigen Gleichgesinnten aus Halle zu gelangen, und waren danach in die „Stanleybet Sportsbar“ geflohen. Um die Tatverdächtigen ausfindig zu machen, habe man von allen Gästen die Identität feststellen müssen.

„Unbescholtene Bürger wie Straftäter behandelt“

„In der Kneipe waren über 70 Prozent ganz normale Fans, Frauen und Männer mittleren Alters, die man wie Straftäter behandelt hat“, sagt Güttler. Lars Hellmers beschreibt die Situation so: „Niemand hat vernünftig mit uns gesprochen, wir haben keine klaren Auskünfte auf unsere Fragen bekommen. Unbescholtene Bürger sind wie Straftäter behandelt worden.“

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Keiner der Zeugen bestreitet, dass möglicherweise einzelne potenzielle Tatverdächtige in dem Lokal waren. „Aber es hat keine Situation gegeben, in der plötzlich 30 oder 40 Leute in das Lokal gerannt sind“, sagt Hellmers, der betont: „Ich bedauere, was vorher passiert ist und hoffe, dass die Täter, die die Polizisten angegriffen haben, zur Rechenschaft gezogen werden. Aber dass unbescholtene und erkennbar unbeteiligte Fußballzuschauer eingekesselt und wie Gewaltverbrecher behandelt werden, ist nicht akzeptabel und erschüttert das Vertrauen in den Rechtsstaat“.

Einsatz dauerte bis nach drei Uhr

Erst weit nach drei Uhr war die Feststellung der Personalien abgeschlossen; dazu wurde jeder Besucher von drei Seiten fotografiert, sein Ausweis kontrolliert und ein Formular ausgefüllt. Der Darstellung der Polizei, dass Gäste das Lokal frühzeitig verlassen konnten, wenn sie sich der Kontrolle unterzogen, widersprechen etliche der Betroffenen.

„Da haben Leute reihenweise mit ihren Ausweisen gewedelt, weil sie raus wollten, aber das ist nicht akzetiert worden“, sagt Andreas Peters aus Tecklenburg. Mal habe es geheißen, es fehlten die notwendigen Formulare oder die benötigten Einsatzkräfte. Tatsächlich forderte die Einsatzleitung Polizisten aus Hannover an, weil die eigenen Kräfte bei einer ähnlichen Kontrolle der HFC-Fans am Gästeblock gebunden waren.

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Polizisten nannten nicht den Namen des Einsatzleiters, es gab keine Auskunft über den Grund des massiven Vorgehens, Beamte verrieten auf Nachfrage weder ihren Namen noch ihre Einsatznummer – das sind die Vorwürfe, die nicht nur Ulrich Kleyboldt erhebt. Der Jurist aus Osnabrück betont die Notwendigkeit des Einsatzes, „um die Straftaten, die auch gegenüber Polizisten begangen wurden, aufklären zu können.“

„Man verliert Vertrauen in Rechtsstaat und Polizei“

Doch der Familienvater, der seit 25 Jahren regelmäßig Fußballstadien besucht, beklagt das Vorgehen der Polizei als unverhältnismäßig und als Schock für die vielen Unbeteiligten und Unbescholtenen: „Da verliert man nicht nur die Lust am Fußball, sondern vor allem auch das Vertrauen in den Rechtsstaat und die Polizei.“

Tecklenburger stellt Strafanzeige

Der Tecklenburger Peters, VfL-Stammbesucher seit Kindertagen, konnte das Lokal erst nach zwei Uhr verlassen und musste statt mit dem Zug mit dem Taxi nach Hause fahren. Seine Darstellung: „Wir wurden unfreundlich und ruppig behandelt, wir bekamen kaum Informationen, was passiert war und wie es weitergehen sollte. Das Vorgehen der Einsatzkräfte war überzogen und unangemessen. Ich wurde gegen meinen Willen fünf Stunden lang festgehalten und habe daher Strafanzeige wegen Freiheitsberaubung gestellt.“

„Die Polizei hätte differenzieren müssen“

Volker Blüml stört vor allem, dass er – wie über einhundert Unbeteiligte auch – erkennungsdienstlich „als Tatverdächtiger“ geführt wird: „Man fühlt sich als Opfer und wird als Täter behandelt. Ich hätte erwartet, dass die Polizei auch aufgrund der Kenntnisse der szenekundigen Beamten besser differenziert zwischen ganz normalen Fußballfans und der gewaltbereiten Klientel. So wurden alle über einen Kamm geschoren, und das stößt natürlich übel auf.“

Kein Eintrag in die ZIS-Datei?

Eine Sorge der unbescholtenen und unschuldigen Betroffenen ist offenbar unbegründet. Allein die Tatsache, dass es im Zusammenhang mit einem Fußballspiel die Identität bei einer Personenkontrolle festgestellt worden ist, führt nicht zu einer Eintragung in der Datei Gewalttäter Sport der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS). Das bestätigte Pressesprecher Jan Schabacker und erläuterte: „Dazu muss es einen konkreten Anfangsverdacht oder einen Tatvorwurf geben.“

Weitere Information: Hier geht´s zur Internet-Seite der ZIS

Doch erledigt sind damit weder der Polizeieinsatz noch seine Folgen.


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