Interview mit Joe Enochs VfL-Trainer Enochs ist vom Osnabrücker Weg überzeugt

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Osnabrück. Seit dem 24. August 2015 ist Joe Enochs Cheftrainer des VfL Osnabrück. Eine Woche vor seinem 44. Geburtstag übernahm der amerikanische Rekordspieler der Lila-Weißen die Aufgabe, die er sich nach den Lehrjahren als Amateurtrainer, als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums und dem Erwerb des höchsten Trainer-Diploms, der Fußballlehrer-Lizenz, mehr denn je zutraut. Wir nutzten das punktspielfreie Wochenende zu einem ausführlichen Interview, das wir in zwei Teilen veröffentlichen.

Sie sind seit acht Spielen Cheftrainer des VfL – wie fühlt sich der Job an, den Sie ja unbedingt wollten?

Ich war nicht ungeduldig und sehr zufrieden mit der Aufgabe im Nachwuchsleistungszentrum. Aber es stimmt, ich habe auf meine Chance gewartet. Und es ist genau das, was ich wollte: Die Arbeit mit der Mannschaft, die Arbeit im Trainerteam – das ist die volle Dosis Fußball. Das liebe ich. (Weiterlesen: So verabschiedete sich Joe Enochs als Spieler)

Sie haben das System umgestellt, vom 3-2-3-1 auf ein 4-4-2. Und sie haben versucht, die Spielweise zu ändern: Mehr Kombinationen, mehr Flügelspiel, mehr Torszenen. Haben Sie erreicht, was Sie wollten?

Im Großen und Ganzen ja. Wir sind auf jeden Fall torgefährlicher geworden, auch, weil wir jetzt mit zwei Spitzen spielen. Außerdem haben wir intensiv an der defensiven Stabilität bei Standards gearbeitet – mit Erfolg, glaube ich. Die Mannschaft wollte das 4-4-2, ich bin auch davon überzeugt. Die spielfreie Zeit nutzen wir gerade, um Variationen einzustudieren, damit wir auf besondere Spielsituationen reagieren können. Dazu fehlte bisher die Zeit wegen der englischen Wochen. Aber wir sind auf dem richtigen Weg: Wir wollen flach durchs Zentrum spielen, mehr über die Flügel kommen und mehr Torgefahr verbreiten. (Weiterlesen: Das sagen ehemalige Mitspieler über Joe)

Mit der Defensive können Sie nur bedingt zufrieden sein.

Ja und Nein. Wir haben individuelle Fehler gemacht wie in Großaspach. Aber wenn wir diese Fehler nicht machen, dann erspielt sich auch ein guter Gegner nicht so viele Chancen. Das 1:1 gegen den VfB war zwar extrem ärgerlich, aber viele Tormöglichkeiten haben wir nicht zugelassen.

Sind Sie denn mit der Punktebilanz zufrieden? Nach dem Zwischenhoch mit drei Siegen gab es in fünf Spielen keinen weiteren Sieg. Befürchten Sie, dass der Bonus, den Sie als Rekordspieler und VfL-Ikone haben, verfliegt?

Ich bin nicht blauäugig und weiß, dass es um Ergebnisse geht. Wenn die nicht stimmen, dreht sich die Stimmung. Aber ich sage ganz klar: Wir haben in acht Spielen viel erreicht. Es gibt nur zwei Spiele, die mich immer noch sehr ärgern, weil sie dazu beigetragen haben, dass die Stimmung etwas getrübt ist: Die hohe 0:3-Niederlage in Magdeburg und das 1:1 am letzten Samstag gegen den VfB. In beiden Spielen hätten wir mehr holen müssen. (Weiterlesen: Unser Kommentar zur Verpflichtung von Joe Enochs als Cheftrainer)

Sie kennen das Selbstverständnis von weiten Teilen des Publikums, die einen Platz in der Spitzengruppe erwarten. Ist das in dieser Saison noch möglich?

Moment! Ich habe das Amt nach vier Spielen, aus denen der VfL mit einem Tor zwei Punkte geholt hatte und Vorletzter war, vor einem Auswärtsspiel übernommen – auswärts hatte der VfL seit fast einem Jahr nicht gewonnen. Und jetzt soll ich was über die Spitzengruppe sagen? Da fehlen uns ein paar Punkte, die wir erst mal aufholen müssen, bevor wir über so etwas reden. Auch in meiner Amtszeit haben wir schon Punkte liegen lassen – gewinnen wir gegen Stuttgart und holen einen Punkt in Magdeburg, dann sage ich: Okay, lass uns mal sehen, ob wir oben noch mal angreifen können. Ich bin zufrieden, wenn wir im Schnitt die 1,5 Punkte pro Spiel holen, die wir bisher in acht Spielen eingefahren haben; an diesem Ziel lasse ich mich messen. Das andere Ziel ist klar: Wir wollen in den DFB-Pokal.

Sie haben die Mannschaft nicht zusammengestellt, aber Sie kennen sie gut. Wie beurteilen Sie das Team als Gesamtheit und Gemeinschaft?

Alle sind willig, sie arbeiten hart. Wir haben keine großen Baustellen, keine schweren Konflikte – die Jungs sind wirklich in Ordnung, die Mannschaft ist intakt. Und ich glaube, sie hat die Hemmungen, die sie in den ersten Wochen hatte, inzwischen abgeschüttelt. (Weiterlesen: Joes Wurzeln in Kalifornien)

Manchmal hat man den Eindruck, dass es auf dem Feld eher brave Typen sind. Fehlt vielleicht einer aus der Kategorie Krieger – so eine Art Vidal für die 3. Liga?

Krieger höre ich nicht so gern, aber es geht ein bisschen in die Richtung. Auf jeden Fall gibt es Mannschaften in der 3. Liga, die solche Typen haben. Dresden beispielsweise hat die – die mag keiner, aber sie können den Unterschied machen. Einige bei uns haben diese Mentalität in Ansätzen, auch daran müssen wir arbeiten.

Auf welchen Positionen sehen Sie Ihr Team nicht ausreichend besetzt?

Eigentlich nirgendwo, aber im Moment ist es natürlich im Zentrum nach dem Weggang von Nico Feldhahn und den Langzeit-Ausfällen von Simon Tüting und Tom Merkens nicht optimal. Aber die Mannschaft kompensiert das gut, mit Tony Syhre oder zuletzt Marcel Kandziora.

Denken Sie an Neuverpflichtungen im Winter?

Im Moment noch nicht. Für uns war wichtig, dass wir Spieler, die völlig weg waren vom Fenster, wieder an den Kader herangeführt haben. Stephan Thee, Francky Sembolo und Kim Falkenberg sind wieder Alternativen, die sich auch im Training ganz anders präsentieren. Wir müssen alles tun, um ihre Fähigkeiten freizulegen, denn ein Drittligist wie der VfL kann es sich – auch wirtschaftlich - nicht leisten, Spieler einfach so auszusortieren. (Weiterlesen: Enochs spricht über den Fußballlehrer-Lehrgang)

Spielabbruch, Zuschauerausschluss, Ärger nach dem Derby – rund um den VfL ist es ziemlich unruhig gewesen. Das sind Einzelfälle, die keine gemeinsame Ursache haben, aber das hat viel Ablenkungspotenzial. Ist das für Sie ein Problem?

Für mich gilt der einfache Grundsatz: First things first – Wichtiges nach oben. Und das ist der Fußball, darauf müssen wir uns als Gemeinschaft und jeder einzelne sich konzentrieren, auch und gerade auf dem Platz. Wir wollen nicht mit dem Schiedsrichter diskutieren, wir dürfen keine Rudelbildung starten, und wir brauchen keine theatralischen Stürze. Wir müssen uns auf uns und unser Spiel konzentrieren und uns durch nichts ablenken – dazu können auch nett gemeinte Botschaften auf Trikots gehören, und natürlich hat ein Spieler, der nicht im Kader ist, auf dem Platz nichts zu suchen. Das haben wir intern ganz klar angesprochen. Die Spieler lassen sich das auch sagen, und manches ist auch schon besser geworden.

Der „Osnabrücker Weg“ ist das Schlagwort für eine engere Verzahnung mit dem Nachwuchsleistungszentrum. Was tun Sie dafür, dass es mehr ist als ein Marketing-Motto?

Es ist unsere einzige Chance, um im Profifußball zu bestehen. Und das geht nur, wenn alle Verantwortlichen davon überzeugt sind und danach handeln. Jeden Montag sitzen wir zusammen: Das Trainerteam der Profis und die Trainer aus dem Nachwuchsleistungszentrum. Wir sprechen über die jungen Spieler, bauen sie – falls möglich – ins Training ein. Wir haben alle im Blick und wir nehmen sie ernst. Letzte Woche haben Finn-Tarik Bode und Kamer Krasniqi bei uns trainiert, diese Woche Sebastian Klaas, nächste Woche Steffen Tigges, beide übrigens jüngerer A-Junioren-Jahrgang. Alles abgestimmt und nicht, weil wir kurzfristig jemanden brauchen, um den Trainingskader der Profis aufzufüllen. (Weiterlesen: Enochs als Interimstrainer 2010/11)

Schließt ein solcher Weg den Aufstieg in einer harten Profiliga aus?

Warum? In dieser Saison ist es schwierig, über Aufstieg zu sprechen. Wir wollen eine stabile Achse von Persönlichkeiten im Zentrum etablieren. Wenn dann alles passt und der Teamgeist intakt ist, dann kann drumherum sehr gut junge Spieler entwickeln.

Wie weit sind die Youngster im Profiteam?

Auf einem guten Weg, wir sind von ihnen überzeugt. Von Lars Bleker, der sich auf Anhieb auf der rechten Seite der Viererkette behauptet hat. Auch von Tony Syhre, der seine Sache sehr gut macht. Pascal Richter wird seine Chance bekommen. Sie haben alle Potenzial und werden sich verbessern – das ist ein Grund, warum ich optimistisch bin für den weiteren Saisonverlauf.

So wie Deniz Taskesen, der gegen den VfB sein Debüt gab.

Eine Woche vorher war er noch enttäuscht, weil er nicht im Kader war, hat sich dann aber – wir vorher auch Pascal Richter – in der U21 gut präsentiert. Jetzt ist er in schwieriges Spiel gekommen, das auf der Kippe stand und in dem der Gegner zu dem Zeitpunkt Vorteile hatte. Wir brauchten jemand, der im Zentrum hilft, dass wir stabiler werden und wieder die Spielkontrolle übernehmen. Das ganze Trainerteam hat hinter der Einwechslung gestanden. Und Deniz hat es gut gemacht, auch wenn nicht jede Aktion gelungen ist. Es geht meistens nur in kleinen Schritten – deshalb habe ich Deniz auch gesagt: Das war ein guter Anfang – aber es war eben nur der Anfang. (Weiterlesen: Nachwuchsarbeit im Sinn von Enochs und seinem Team)


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