DFB-Pokalspiel gegen RB Leipzig Spielabbruch VfL Osnabrück: die Debatten im Überblick

Hat die Tatwaffe gesichert: Marcos Alvarez beim Verlassen des Platzes mit Co-Trainer Ovid Hajou, im Hintergrund der fassungslose Trainer Maik Walpurgis. Foto: Helmut KemmeHat die Tatwaffe gesichert: Marcos Alvarez beim Verlassen des Platzes mit Co-Trainer Ovid Hajou, im Hintergrund der fassungslose Trainer Maik Walpurgis. Foto: Helmut Kemme

Osnabrück. Am Dienstag hatte RB Leipzig zuerst auf den Spielabbruch im DFB-Pokal beim VfL Osnabrück öffentlich reagiert. Am Mittwoch versuchte der Fußball- Drittligist nachzuziehen. Die wichtigsten Debatten vor der Entscheidung über die Spielwertung, die noch in dieser Woche erfolgen soll.

Die klare Botschaft: „Es kotzt mich an: Wir versuchen hier beim VfL alle zusammen seit Jahren alles, um gute Arbeit zu machen. Wir haben seit über drei Jahren keine Pyrotechnik mehr im Heimbereich und eine friedliche, absolut familienfreundliche Stimmung im Stadion. Und dann machen uns diese irren Taten Einzelner das alles kaputt“, sagte VfL-Geschäftsführer Jürgen Wehlend angesichts des frustrierenden Abbruchs gegen Leipzig. Der Verein und auch Stadt und Region Osnabrück werde durch solche Chaoten in ein Licht gerückt, das nicht den Tatsachen entspreche – dazu würden einige Boulevardmedien sowie Polemik von Dritter Seite dieses schiefe Bild weiter ausmalen. (Hier geht es zum Liveticker aus der VfL-PK zum Nachlesen)

Die konkrete Kritik bezog sich auf die Aussage von Ralf Rangnick zur Atmosphäre im Stadion. Der RB-Coach und Sportdirektor hatte am Dienstag gesagt: „Ich hätte mit Frau und Kind und Familie in dem Stadion gar nicht gewusst, wo ich hätte sitzen oder stehen können, um mich halbwegs sicher zu fühlen.“ Dies wollte Wehlend „nicht so stehen lassen, weil ich das für nicht gerechtfertigt halte.“ Wehlend erklärte, dass alle Zuschauer bis zur 70. Minute ein zwar emotionales, aber auf den Tribünen absolut friedliches Pokalspiel erlebt hätten. „Ich habe bisher niemanden getroffen, der diese Aussage von Rangnick bestätigen kann - und ich habe mit vielen Besuchern gesprochen“, sagte Wehlend. Es seien 12300 Fans im Stadion gewesen, mehr als zuletzt im DFB-Pokal 2013/2014 gegen Aue (3:0) und Union Berlin (0:1) - und die allermeisten von ihnen hätten sich friedlich verhalten. Auch bezüglich der 300 angereisten Gästefans hätte es überhaupt keine Probleme gegeben. Die Atmosphäre im Stadion an der Bremer Brücke sei einzigartig, aber sicher nicht feindlich. Wehlend sagte, es sei schade, dass solche Aussagen öffentlichkeitswirksam getätigt würden. Beim VfL habe man die Energie lieber in die Aufklärung des Falles gesteckt. VfL-Präsident Hermann Queckenstedt ergänzte, nicht nur die seit Langem existierende VfL-Kindertribüne stehe für Familienfreundlichkeit. „Alle, die in diesem Punkt Bedenken haben, lade ich ein, mich dazu anzusprechen.“

Die unstrittige Tatsache: „Es haben im Stadion keine Gegenstände zu fliegen, das ist komplett inakzeptabel“, so Queckenstedt. Wehlend ergänzte, dass mehrere Gegenstände auf das Feld geworfen wurden. Weil ein Feuerzeug Martin Petersen traf, hatte der Schiedsrichter die Partie nach 70 Minuten abgebrochen. Der VfL hatte 1:0 geführt. (Weiterlesen: Kommentar: Aufräumen mit falschen Legenden)

Das Fangnetz vor der Ostkurve sei eingestürzt, weil in jener ersten Minute noch Fans mit dem Abbau der Choreografie beschäftigt waren und durch den Torjubel ins Fangnetz fielen. „Das hat die Statik von zwei Trägern beeinträchtigt“, sagte Wehlend, der angesichts dessen, was folgte, von einer „Verkettung unglücklicher Umstände“ sprach. Das Fangnetz sei vor der Saison wie alle technischen Systeme von Baubehörden geprüft und für technisch in Ordnung befunden worden. „Bis zum Heimspiel gegen Rostock müssen wir das reparieren“, sagte Wehlend. Wie teuer das werde, sei noch nicht absehbar und hänge davon ab, inwiefern das Fundament der Träger angegriffen sei. Fachleute sollen nun die Reparatur in Angriff nehmen.

Die Sache mit Michael Hohnstedt: Der VfL-Ersatzspieler, der sich hinter dem Tor aufwärmte, hatte unmittelbar vor dem Spielabbruch RB-Spieler Davie Selke mit drastischer Körperhaltung ein paar deutliche Worte zugeworfen . „Ihn nun als Auslöser für den Feuerzeugwurf verantwortlich zu machen, ist aber nicht fair und nicht sportlich“, sagte Wehlend. Hohnstedt habe vor allem auf die faire Grätsche seines Mitspielers Davide Grassi zuvor emotional reagiert und sei so in den verbalen Clinch mit Selke geraten. Im Gegensatz zu jenen, die Gegenstände in den Innenraum warfen, hat Hohnstedt in der Tat keine Gewalt ausgeübt. (Weiterlesen: VfL Osnabrück: tristesse nach mitreißendem Theater)

Der Ermittlungsstand: Bei der Polizei Osnabrück sind inzwischen Hinweise aus der Bevölkerung zu möglichen Tätern eingegangen. „Ob diese hilfreich sind, können wir noch nicht einschätzen“, sagte eine Polizei-Sprecherin. Weiteren Aufschluss könnte eventuell Bewegtbildmaterial geben. Die Aufnahmen stammen von den TV-Anstalten, die mit ihren Kameras vor Ort waren, aus den Kameras der Polizei und des Sicherheitsdienstes sowie von Privatpersonen, sagte Wehlend.

Der Appell: Der VfL und die Polizei riefen erneut alle dazu auf, bei der Identifizierung des Werfers zu helfen. „Jeder für sich sollte zudem überlegen, wie er Gewalttaten im Stadion künftig verhindern kann“, appellierte Queckenstedt zusätzlich an alle VfL-Fans.

Weiterlesen: VfL-Gegner Aalen in der Findungsphase.

Die Konsequenzen für die Kurve will der Verein im Dialog mit der organisierten Fanszene erarbeiten. „Sie werden deutlich sein, wobei wir eine Pauschal-Kriminalisierung ablehnen“, so Queckenstedt. Wehlend brachte wegen des Fangzaun-Sturzes ein Choreo-Verbot ins Spiel, sagte aber auch, dass absolute Prioriät habe, Maßnahmen zu entwickeln, die jene Unart ausrotte, mit Gegenständen auf aktive Sportler zu werfen.

Die zu erwartende Strafe könnte der DFB-Kontrollausschuss auch losgelöst von der Bewährung des VfL aussprechen, die nach Randalen bei der Drittliga-Partie in Münster verhängt wurde. Demnach müsste Osnabrück bei einem schwerwiegenden Wiederholungsfall zusätzlich zur Sanktionierung der neuen Verfehlung ein Meisterschafts-Heimspiel vor einer leeren Ostkurve austragen. Denkbar ist auch, dass diese Bewährung für die Liga bestehen bleibt und der DFB eine Strafe ausspricht, die nur für den DFB-Pokal gilt: etwa eine Geldstrafe oder gar ein Ausschluss auf Zeit.

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