Debatte nach Spielabbruch VfL Osnabrück: Tristesse nach mitreißendem Theater

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Osnabrück. Es fühlte sich an wie der beste Pokalabend seit der legendären Saison 2009/2010 an der Bremer Brücke – doch dann stürzte die Tat eines Chaoten, der von der Ostkurve aus mit einem Feuerzeug Schiedsrichter Martin Petersen am Kopf traf, den VfL Osnabrück in tiefe Tristesse. Erklärungsansätze nach dem Spielabbruch gegen RB Leipzig.

Von Benjamin Kraus, Johannes Zenker und Susanne Fetter

Der Adrenalinspiegel der VfL-Profis war vom Anpfiff weg so hoch wie noch nie unter Trainer Maik Walpurgis: Sofort überrannten sie überraschte Leipziger. Zum Jubel nach dem 1:0 durch Halil Savran nach 26 Sekunden hätten Boulevardmedien bei weniger weitreichenden Folgen flapsig und affirmativ geschrieben, dass die VfL-Fans vor Freude die Bude eingerissen haben. Fakt ist: Im Innenraum waren zu diesem Zeitpunkt noch Fans beim Abbau der beeindruckenden Choreografie tätig, im Verbund mit dem ekstatischen Jubel der Fans in der Ostkurve ging die Aufhängung des Sicherheitsnetzes in die Knie.

„Danach haben unsere Sicherheitsleute die Lage objektiv eingeschätzt. Die Fangruppen haben uns zudem signalisiert, Sorge zu tragen, dass nichts passiert“, beschrieb Jürgen Wehlend die Maßnahmen, die neben der Sicherung der eingeknickten Stützen des Netzes durch die Feuerwehr in der Pause ergriffen worden sind. Der VfL- Geschäftsführer sagte aber auch: „Auf der Ost stehen 4500 Zuschauer. Das ist nicht eine einzige, sondern eine sehr heterogene Gruppe.“

Nicht nur diese, sondern auch die restlichen Fans in der Osnatel-Arena genossen in der Folge einen Pokalfight, wie man ihn als Fan dieses Sports einfach lieben muss. Ein unterklassiges Team, das entschlossen, mit Lauf- und Körpereinsatz zu Werke geht – eine Art und Weise, die viele vom Team des stets nüchtern und sachlich wirkenden Trainer Maik Walpurgis zuletzt stets eingefordert haben. Ein Favorit, der seine Klasse ins Feld führen will. Harte Zweikämpfe und Rudelbildungen mit umfallenden Spielern, die wissen, dass Profifußball Züge einer Theateraufführung entwickelt hat, deren Bühne der Rasen ist. Ein Regisseur als Schiedsrichter, der stets kühlen Kopf bewahrt – trotz des Publikums, das mitgeht und seine Favoriten zum Erfolg brüllen will.

„Man kann der unterklassigen Mannschaft keinen Vorwurf machen, dass sie sich engagiert und kämpft für ihr großes Spiel. Wir sollten jetzt nicht anfangen, darüber zu debattieren, dass eine Mannschaft alles abruft, was sie hat“, entgegnete Wehlend Vorwürfen, die nach dem Abbruch überstürzt abgereiste Leipziger am Tag danach aus 400 Kilometer Entfernung äußerten. RB-Kapitän Dominik Kaiser sprach von einer „ruppigen Atmosphäre“ und sagte, sein Team sei wiederholt von Bierbechern beworfen und bespuckt worden. Trainer Ralf Rangnick sagte: „Mit Frau, Kind und Familie hätte ich in dem Stadion nicht gewusst, wo ich hätte sitzen oder stehen können, um mich halbwegs sicher zu fühlen.“

Dieser Ansage trat Wehlend entgegen. „Herr Rangnick hat ja bereits 2013 beim Relegationsspiel in Lotte betont, dass RB Leipzig für familienfreundlichen Fußball steht. Aber auch der VfL ist ein familienfreundlicher Verein. Die Wahrnehmung im Innenraum ist stets eine ganz andere als auf den Tribünen.“ Von Zuständen, wie sie Rangnick beschreibt, war die Atmosphäre am Montag in der Osnatel-Arena in der Tat weit entfernt. Richtig ist aber auch, dass das Feuerzeug, das letztlich zum Spielabbruch führte, nicht der einzige Gegenstand war, der während der Partie von der Tribüne in den Innenraum geworfen wurde.

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In die Schusslinie der RB-Kritik geriet auch Michael Hohnstedt. Nach der starken Grätsche von Mitspieler Davide Grassi zur Ecke in der 70. Minute war der sich hinter dem Tor warm laufende Auswechselspieler einige Schritte auf das Feld gelaufen und hatte ein paar Worte zu RB-Stürmer Davie Selke gesagt – aus seiner Körpersprache lässt sich schließen, dass diese nicht freundlich gewesen sind. Aus diesem Grund war wohl auch Schiedsrichter Petersen vor die Ostkurve gelaufen – eine Verwarnung gegen Hohnstedt wäre regeltechnisch möglich und angebracht gewesen. Doch dazu kam es nicht mehr , das Feuerzeug flog bereits heran.

„Er hat sich nichts vorzuwerfen, was über das Maß hinausgegangen ist“, verteidigte Wehlend den Spieler, der als ehrlicher, leidenschaftlicher Kämpfer bekannt ist und von Grassis Grätsche zu dieser Aktion animiert wurde, gegen Vorwürfe, er habe werfende Chaoten auf der Tribüne so zur Tat animiert. Hohnstedt selbst durfte dazu nichts sagen: Für alle VfL-Spieler galt eine Nachrichtensperre. Der Verein will sich auf einer Pressekonferenz am Mittwoch zu den Geschehnissen äußern.

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