Leipzigs Trainer im Interview Rangnick: Walpurgis und Willers haben mir imponiert

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Leipzigs Cheftrainer Ralf Rangnick. Foto: dpaLeipzigs Cheftrainer Ralf Rangnick. Foto: dpa

Osnabrück. Er ist Sportdirektor und Trainer in Doppelfunktion bei RB Leipzig und hat schon mit der TSG Hoffenheim den langen Durchmarsch aus dem Amateurlager in die Bundesliga geschafft. Vor dem Auftritt mit Rasenballsport Leipzig im DFB-Pokal beim VfL Osnabrück spricht Ralf Rangnick im Interview über den ersten Kontakt mit Dietrich Mateschitz, das Potenzial der Stadt Leipzig und seine Beziehung zu VfL-Trainer Maik Walpurgis.

Herr Rangnick, welche Erkenntnisse bezüglich Ihrer Mannschaft nehmen Sie nach dem rasanten 2:2 gegen Fürth mit in die DFB-Pokalpartie beim VfL Osnabrück?

Die einzig wirklich positive Erkenntnis war, dass wir zweimal einen Rückstand egalisieren konnten – diese Situation hatten wir zuvor nicht, weil wir im ersten Spiel und auch in der Vorbereitung nie im Rückstand lagen. Nicht gefallen hat mir aber, wie wir insgesamt gespielt haben. Wir haben zu viele Konter, zu viele klare Torchancen zugelassen. Da müssen wir in den nächsten Wochen den Hebel ansetzen.

Fürths Trainer Stefan Ruthenbeck hatte vorher nach eigener Aussage den Plan ausgegeben, das vertikale Spiel Ihrer Mannschaft durch das Zentrum zu stoppen. Muss gegen Osnabrück der Weg Ihrer Mannschaft mehr über die Außenbahnen führen?

Die Art und Weise, wie wir nach vorne gespielt haben, hat weniger mit dem zu tun, was mich gegen Fürth gestört hat. Mir hat das Spiel gegen den Ball nicht gefallen. Das hat was mit Kompaktheit zu tun und mit Mentalität.

Wie gehen Sie also die Partie gegen Osnabrück an?

Wir haben die Videoaufzeichnungen der ersten beiden Ligaspiele des Gegners studiert. Wir wissen, dass sie mit einer Dreier- beziehungsweise Fünferabwehrkette agieren, was sie von unseren meisten Gegnern unterscheidet – wobei unser nächster Liga-Gegner Braunschweig ähnlich agiert. Dazu ist uns auch bewusst, was uns bezüglich der Stimmung auf den Rängen in Osnabrück erwartet, gerade in einem Pokalspiel. Das kenne ich ja schon aus meinen Partien mit Hoffenheim an der Bremer Brücke.

Ihnen wird ein guter Draht zu VfL-Trainer Maik Walpurgis nachgesagt. Ist diese Verbindung damals am Rande der Drittliga-Aufstiegsspiele zwischen Leipzig und den Sportfreunden Lotte geknüpft worden, die Walpurgis damals coachte?

So ist es, vorher kannten wir uns ja nicht. Mir hat in diesen zwei Spielen imponiert, was er aus diesem kleinen Verein herausgeholt hat. Sie haben uns bis aufs Letzte gefordert – am Ende hatten wir einfach auch das nötige Glück. Seither haben wir immer mal wieder telefoniert und uns ausgetauscht.

Sie sollen ein Anhänger der von ihm vertretenen Spielidee sein, die auf Pressing und Gegenpressing ausgerichtet ist…

…weil wir selbst so spielen. Seit ich Trainer bin, spielen meine Mannschaften so. Natürlich ist das auch ein Grund dafür, dass wir uns regelmäßig austauschen.

Sie sind seit dieser Saison wieder Trainer – und haben zudem gleichzeitig das Amt des Sportdirektors inne. Zuletzt hatten Sie das im Jahr 2011 auf Schalke gemacht, wo sie letztlich wegen eines Burnout-Syndroms damit aufhören mussten.

Dass mein gesundheitlicher Zustand damals nicht zum Besten bestellt war, hatte vor allem mit der Zeit davor zu tun. Körper und Seele waren energetisch an einem Nullpunkt angekommen. Ich hatte körperlichen Raubbau betrieben, mich zudem schlecht ernährt. Daher habe ich mein Leben in diesen Punkten in den letzten vier Jahren komplett verändert, sodass es mir heute sehr gut geht. Ich habe gelernt, gewisse Dinge zu delegieren, etwa an an meine Assistenz-Trainer Zsolt Löw und Achim Beierlorzer. Das sind sehr gute Leute, sodass ich mit gutem Gewissen dazwischen auch einmal abschalten kann, weil ich die Dinge in guten Händen weiß.

Beierlorzer war zuvor Cheftrainer und ist nun wieder in die zweite Reihe zurückgekehrt – kein alltäglicher Schritt im Fußball-Business…

…wobei zuvor ja auch nicht geplant war, dass er bei uns Cheftrainer wird. Er ist damals als U17-Trainer zu uns gekommen und hat dann die Zweitligamannschaft übernommen. Ich habe ihn gefragt, ob er sich das in der jetzigen Konstellation vorstellen kann – und er hat gesagt, dass er das für eine sehr gute Idee hält. Unsere beiden Assistenz-Trainer sind gleichberechtigt, arbeiten in erster Linie im taktischen Bereich und bringen sich beide aktiv ein.

Hat es Sie nicht auch gereizt, selbst wieder an der Linie zu stehen?

Keineswegs ist es so, dass ich irgendeinem Reiz erlegen bin. Anfang Juni zeichnete sich aber ab, dass sich die Verpflichtung des letzten Kandidaten, den wir für diese Aufgabe haben wollten, nicht realisieren lässt. Also haben wir überlegt, was jetzt die beste Lösung ist. Wir haben uns dann auch deshalb so aufgestellt, weil wir sicherstellen wollten, dass wir neue Spieler dazubekommen, die wir sonst vielleicht nicht bekommen hätten. Ich kann aber sagen, dass unsere Transfers für diesen Sommer abgeschlossen sind, sodass ich mich jetzt voll und ganz auf das Cheftrainer-Amt konzentrieren kann.

Wie haben Sie eigentlich Red-Bull-Eigner Dietrich Mateschitz kennengelernt?

Vor drei Jahren, als seine Assistentin mich anrief und zwei Fragen stellte: Ob ich mir vorstellen kann, Trainer bei RB Salzburg zu werden und ob man sich treffen könne. Die erste Frage habe ich verneint, die zweite bejaht. Dann haben wir uns mehrmals getroffen – und so ist die einmalige Konstellation entstanden, dass ich Sportdirektor der zwei Vereine RB Salzburg und RB Leipzig geworden bin, um dort Synergien zu entwickeln und auszunutzen. Unser Verhältnis ist sehr vertrauensvoll, wir treffen uns alle paar Wochen zum Austausch.

Mateschitz ist 71 Jahre alt. Ihm wird der Satz zugeschrieben, dass er nicht erst 80 sein will, bevor er mit Leipzig Deutscher Meister wird…

…wobei er das nie selbst öffentlich gesagt hat – ich habe einmal in einem Interview erwähnt, dass er das gesagt hätte, woraufhin er mich auch gleich zwei Tage später darauf angesprochen hat. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir so schnell wie es geht in die 1. Bundesliga wollen. Wir haben zwei Aufstiege in den letzten beiden Jahren geschafft, jetzt gilt es, den nächsten Schritt zu tun. Wobei sich die Dinge entwickeln müssen, was langfristige Arbeit erfordert. Nicht nur im Umfeld, sondern auch auf dem Platz, damit sich unsere Spieler irgendwann blind verstehen.

Sie haben bereits bei 1899 Hoffenheim einen Durchmarsch in die Bundesliga realisiert – bei einem Verein, wo sie Strukturen ebenfalls selbst gestalten konnten, weil sie zuvor nicht existierten. Zuvor hatten Sie bei großen Traditionsvereinen gearbeitet: Hier gab es eingefahrene Prozesse und viele Personen, die mitreden wollten. Können Sie in einem Verein wie RB Leipzig Ihre Stärken besser einbringen?

Das kann man durchaus so sehen, wobei ich schon Wert darauf lege, dass wir auch hier bei uns alle Dinge im Team entscheiden. Wenn wir aber von einer Sache überzeugt sind, dass sie richtig, wichtig und notwendig ist – dann können wir hier schnell entscheiden. Natürlich ist das einfacher, als wenn Sie zuerst noch wochenlang mit verschiedenen Gremien diskutieren müssen. Wobei man ja sagen muss, dass sich die sportlich erfolgreichen Traditionsvereine, als eines von mehreren Beispielen etwa Borussia Dortmund, ebenfalls so aufgestellt haben, dass es wenige, aber gute Entscheidungsträger gibt.

Was sind für Sie die Grundvoraussetzungen für sportlichen Erfolg?

Ich nenne sie immer die drei Ks: Ein Konzept, also einen klaren Plan, Kompetenz bei den Entscheidern und Kapital. Ein paar Euro brauchen Sie natürlich heutzutage, um im Profifußball-Geschäft erfolgreich zu sein.

Können Sie eigentlich den Vorwurf, Rasenballsport sei nur ein Plastikklub, noch hören?

Die Frage ist eher, ob hören auch heißt, dass man zuhören und sich darauf einlassen muss. Unsere Aufgabe ist es nicht, Sympathiepunkte bei Leuten zu sammeln, die uns grundsätzlich ablehnen. Wir wollen unseren Job so gut wie möglich machen, uns entwickeln, mit nachhaltiger Konsequenz unsere Möglichkeiten ausschöpfen und dabei mit unserer Spielweise und unseren Persönlichkeiten begeistern. In Hoffenheim haben wir diesen Weg konsequent verfolgt – und plötzlich hatten wir ganz Deutschland auf unserer Seite, als wir als Aufsteiger und Tabellenführer auswärts beim FC Bayern angetreten sind.

Der Unterstützerkreis von RB Leipzig wächst offenbar – am vergangenen Montag gegen Fürth kamen über 20000 Fans... …es waren sogar fast 28000, das ist sehr erfreulich und macht uns natürlich Spaß. In der Stadt und der Umgebung gibt es einen Hunger nach Bundesligafußball – viele warten nur darauf, dass bei uns die nächsten Schritte eingeleitet werden.

Sehen Sie es auch hier als Vorteil, dass ihre Fanszene sich gerade erst entwickelt und es zum Beispiel keine alteingesessenen Ultras mit besonderen Privilegien gibt?

Sicher ist das ein Vorteil: Es ist kein Zufall, dass wir einen im Vergleich sehr hohen Zuspruch bei Familien, Frauen, Studenten und Akademikern haben. Wobei das nicht wertend sein soll – denn wir freuen uns natürlich über jeden Zuspruch. Momentan haben wir eine friedliche und freundliche Stimmung bei uns im Stadion – aber wie alle Vereine müssen auch wir langfristig darauf achten, dass keine Gruppierungen Einfluss erhalten, die den Fußball als Plattform für ihre eigenen Zwecke missbrauchen.

Hat der Standort Leipzig das Potenzial, mit den Bayern zu konkurrieren und Deutscher Meister zu werden?

Ich will so antworten: Dietrich Mateschitz hat sich damals Leipzig nicht ohne Grund ausgeguckt. Er war zwei Tage selbst in der Stadt, hat, wie er selbst sagt, ein Probesitzen an vier, fünf Orten in Leipzig gemacht, um ein Gefühl für die Bevölkerung und die Mentalität zu bekommen, bevor er mit einem guten Bauchgefühl seine Entscheidung für Leipzig getroffen hat. Und für mich kann ich sagen: Ohne Leipzig hätte ich mein Engagement bei Red Bull nie angetreten. Aber die Frage die sich aktuell stellt, ist nicht die, ob wir das Potenzial haben, in die Bundesliga aufzusteigen – sondern ob wir in Osnabrück bestehen können. Darüber sollten wir sprechen. Für alle anderen Dinge müssen wir noch viel Arbeit erledigen.

Dann lassen Sie uns über das Spiel sprechen: Was muss ihre Mannschaft tun, um an der Bremer Brücke zu bestehen?

Wir müssen von der ersten Minute an die Partie so angehen wie ein Ligaspiel und alles auf den Platz bringen. 80 oder 90 Prozent werden nicht reichen – man darf nicht vergessen, dass der Unterschied nur eine Spielklasse beträgt.

Können Sie mit Ihrer Erfahrung im Profifußball einem Verein wie dem VfL Osnabrück einen Rat geben? Wie bewerten sie die Arbeit dort?

Das fällt mir schwer, weil ich außer Maik Walpurgis und Abwehrspieler Tobias Willers im Verein und in der Führung kaum jemanden kenne. Wenn man von den genannten drei Ks ausgeht, stellt sich die Frage der finanziellen Möglichkeiten, über die der VfL als Drittligist verfügt. Ich glaube aber, dass Walpurgis ein absoluter Fachmann ist, der gute Personalentscheidungen trifft und einen klaren Plan verfolgt mit seiner Autorität und seiner Kompetenz. Willers habe ich als herausragenden Typen kennengelernt, der mir in den Spielen gegen Lotte imponiert hat und dann in seinem Jahr bei uns einen großen Anteil hatte am Aufstieg in die 2. Bundesliga. Seine Stärke ist, eine Mannschaft auf dem Feld zu führen – deshalb war für ihn der Wechsel nach Osnabrück, wo er unumstrittener Stammspieler ist, genau die richtige Entscheidung. (Weiterlesen: Was VfL-Spieler Willers vor der Partie gegen seinen Ex-Verein sagt)


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