Fußballer-Leben aus verrückten Zeiten Wenn VfL-Legende Erwin „Ata“ Türk erzählt…

Von Harald Pistorius


Leer. An diesem Mittwoch feiert Erwin „Ata“ Türk in seiner Heimatstadt Bielefeld seinen 80. Geburtstag. Anlässlich dieses großen Tages erzählt er aus seinem bewegten Fußballerleben.

Das rechte Bein ist steif, der Rücken schmerzt – doch Erwin Türk lässt sich von den Spätfolgen einer langen Fußballerkarriere nicht die Lebensfreude trüben. „Jeden Morgen marschiere ich fünf Kilometer, danach steht Gymnastik an“, sagt er lachend. An diesem Mittwoch feiert der Mann, den alle nur als „Ata“ kennen, in seiner Heimatstadt Bielefeld seinen 80. Geburtstag.

Dort bekam der kleine Erwin vom Kaufmann um die Ecke den Spitznamen, abgeleitet vom Übervater der türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk. Und dort, beim TuS Ost, rollte der Ball in Türks Leben.

Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören, wenn er daraus erzählt. Türk erinnert sich an kleinste Details, hat Ergebnisse und Aufstellungen im Kopf. Man fragt sich, warum ein Mann mit einem derart elefantenhaften Gedächtnis überhaupt solch ein akribisches Privatarchiv benötigt. Seinen ersten Trainervertrag zaubert er daraus ebenso hervor wie jahrzehntealte Briefe, Dokumente und Notizen.

„Weißt du, warum der VfL 1963 nicht in die Bundesliga gekommen ist?“, fragt er, „weil unser bester Stürmer, Putten Priesmeyer, damals Knall auf Fall aufgehört hat – keiner weiß warum. Mit Geld hatte es nichts zu tun, denn ich bin mit 10000 Mark, die ich mir in bar von Präsident Friedel Schwarze geholt hatte, zu Putten nach Lotte gefahren, um ihn zu überreden. Aber er wollte nicht…“

Das ist nur eine von Hunderten von Anekdoten, die „Ata“ parat hat. Von dem schwarzen VW-Käfer, mit dem ihn der VfB Bielefeld zum Bleiben bewegte. Vom Handschlag mit dem Präsidenten des 1. FC Kaiserslautern, wo Türk Nachfolger von Erich Ribbeck werden sollte. Max Merkel wollte ihn als Spieler zu Borussia Dortmund holen, Dettmar Cramer hatte ihn als Manager beim FC Bayern auf dem Zettel – „alles belegbar“.

Beim VfL Osnabrück war er von 1957 bis 1964 ein gefürchteter Abwehrspieler und als Ziehsohn seines Entdeckers und Förderers Hellmut Meidt dessen verlängerter Arm. Nach einer Knie-Operation war Schluss, der Einstieg in die Trainerlaufbahn gelang beim Heimatverein VfB Bielefeld, 1968 holte ihn der FC St. Pauli, 1971 kehrte er – auf Vermittlung von NDR-Reporter Günter Grotemeier – als Trainer zum VfL zurück. Zweimal führte Türk den VfL in die Aufstiegsrunde zur Bundesliga, wie zuvor und danach mit dem FC St. Pauli und Borussia Neunkirchen. Eine erneute Knie-Operation unterbrach seine Laufbahn, beim letzten Comeback-Versuch in Bad Kreuznach verhalf ihm der Zufall zum neuen Berufsleben: Elmar Pieroth, Präsident des Clubs und Chef des großen Weinhandelsunternehmens, bot Türk eine Stelle an. Er nutzte sie, stieg zum Verkaufsleiter auf und war bis 2004 als Repräsentant für Norddeutschland im Unternehmen tätig. So kam er ins ostfriesische Leer, wo er mit seiner Ehefrau Wilma den Ruhestand genießt.

Und leidenschaftlich über Fußball spricht. Der Sieg im Nordpokal-Finale gegen den HSV 1958, der Sieg im Freundschaftsspiel bei Cardiff City 1960 und das 2:2 gegen die spanische Nationalmannschaft 1962 sind ihm genauso präsent wie die erste Knie-Operation: „Den Meniskus, den man mir damals entfernt hat, habe ich mitgenommen. Der steht heute noch in einem Glas mit Spiritus in meinem Badezimmer.“ Typisch „Ata“. Glückwunsch!