Langfristige Perspektive gesucht VfL-Neuzugang Willers: Schön, wieder unter Walpurgis zu spielen

Von Johannes Kapitza


Osnabrück. Auf den letzten Drücker wechselte er den Verein: Tobias Willers kam am Montag, dem letzten Tag der jüngsten Transferperiode, von Zweitligist RB Leipzig zum Fußball-Drittligisten VfL Osnabrück. Über seine Beweggründe für den Wechsel, seine Ziele in Osnabrück und sein Verhältnis zu Trainer Maik Walpurgis spricht er im Interview.

Herr Willers, herzlich willkommen in Osnabrück – die Stadt ist Ihnen ja nicht fremd. Sie haben von 2009 bis 2011 und in der Saison 2012/13 in Lotte gespielt, da fiel die Eingewöhnung wahrscheinlich nicht so schwer?

Meine Freundin wohnt mit ihren Eltern in Ibbenbüren, da wohne ich auch im Moment. Während ich in Leipzig gespielt habe, war ich auch regelmäßig in Ibbenbüren beziehungsweise in Osnabrück als nächstgrößerer Stadt. Als Fußballer habe ich mich hier in der Region immer wohl gefühlt. An der Bremer Brücke habe ich einige Spiele gesehen, das war eine geile Stimmung. Das waren die wichtigsten Gründe, warum ich hergekommen bin.

Zwischendurch waren Sie in Leipzig, haben mit RB den Sprung in die 2. Bundesliga geschafft und gesagt: „Ich bin mit dem Ziel hergekommen, aufzusteigen. Jetzt will ich auch etwas davon haben. Die zweite Liga ist Neuland für mich. Ich traue mir das aber zu.“ Jetzt sind Sie zurück in die 3. Liga gegangen – ein Sinneswandel?

Ich hatte natürlich davon geträumt, für Leipzig auch in der 2. Bundesliga zu spielen, aber in Leipzig ist finanziell alles nach oben offen: Durch die Verpflichtung von Marvin Compper war es für mich relativ schwierig, auf Spielzeit zu kommen. Für mich hat sich die Frage gestellt: Ziehst du es bis Winter durch, und wenn du Pech hast, sitzt du nur auf der Bank? Ich wollte nicht länger auf der Bank sitzen, sondern wieder spielen und Spaß haben. Ich habe mich gefreut, als Maik Walpurgis mich angerufen und sich sehr um mich bemüht hat. Nach den zwei Siegen ist die Euphorie hier spürbar. Gegen Erfurt muss es ein gutes Spiel gewesen sein. Ich habe Bock, mich in die Mannschaft einzuleben und Erfolg zu haben.

Der Ruf aus Osnabrück kam gerade recht, weil es in der Rückrunde der letzten Saison nicht mehr so rund lief bei RB. In dieser Saison haben Sie dreimal auf der Bank gesessen und einmal nicht im Kader gestanden.

Letztes Jahr gegen Erfurt habe ich Rot gesehen. Vorher war ich unumstrittener Stammspieler und nach der Roten Karte sollte ich wieder reinkommen. Aber, für uns glücklich, für mich persönlich nicht: Wir haben fünf Spiele in Folge gewonnen und dabei kein Gegentor bekommen. Die Mannschaft, die Erfolg hatte, hat dann weiterspielen dürfen. „Never change a winning team“ – als Trainer hätte ich es auch nicht anders gemacht. Ich bin trotzdem Teil der Mannschaft gewesen und wir haben unser Ziel, den Aufstieg, erreicht.

Welche Gesamtbilanz ziehen Sie nach der Saison in Leipzig?

Für mich war es eine super Erfahrung. Leipzig ist eine Riesenstadt, in der ich mich sehr wohl gefühlt habe. Der Verein ist top-professionell geführt und bietet Möglichkeiten wie Bayern München oder Borussia Dortmund. Ich hoffe, ich habe mich da weiterentwickelt und bin als Person gereift. Ich nehme eigentlich nur Positives mit.

Sie haben dieser Tage gesagt: „Am Sonntagmorgen hätte ich nicht mehr gedacht, dass ich noch wechseln würde“ – dann ging es doch ganz schnell…

Dann ging alles sehr schnell. Maik Walpurgis hat sich während der gesamten Transferperiode unregelmäßig bei mir gemeldet, gefragt, wie es aussieht, und Interesse geäußert, dass der VfL mich will. Im Kopf war ich schon so weit, dass ich es bis zum Winter in Leipzig durchziehen wollte. Wenn ich fünf oder zehn Spiele mache, ist es super, habe ich gedacht. Wenn ich kein Spiel gemacht hätte, hätte ich im Winter noch mal gucken müssen, was ich mache. Meine Freundin hat gemeint: Willst du echt in Leipzig bleiben? Komm doch zurück. Dann kamen noch mal Anrufe von Maik Walpurgis und Ovid Hajou, dass sie mich wollen und dass in Osnabrück vieles möglich ist. Ich hab mir gesagt: Dann hab wieder Spaß, spiel wieder Fußball und geh zu dem Trainer, mit dem du persönlich die größten Erfolge gefeiert hast.

Das Herz habe den Ausschlag gegeben, war Ihre Aussage. Damit war dann in erster Linie die familiäre Situation gemeint?

Ja, aber auch, dass ich wieder Lust auf Fußball hatte. In der 3. Liga spielst du gegen Dresden, Bielefeld und Münster – solche Spiele und jedes Heimspiel sind Highlights. Das waren die größten Gründe, wieder herzukommen.

Sind Sie komplett beim VfL angekommen oder wollten Sie schon mal aus Gewohnheit zum Training nach Lotte abbiegen?

Ich hatte in Lotte eine schöne Zeit und kenne dort noch viele Leute von damals. Aber falsch gefahren bin ich nicht. Ich bin schon zu 100 Prozent beim VfL angekommen.

Leipzig gilt in der Branche als zahlungsstark, der VfL muss immer aufs Geld gucken. Sind die Einschnitte für Sie schmerzlich oder hat das für Sie keine Rolle gespielt?

Ich bin jetzt 27. Irgendwann, spätestens mit 35, 36 ist Schluss mit Fußball. Ich habe mit dem Wechsel auf sehr viel Geld verzichtet, aber für mich war es wichtiger, dass ich eine langfristige Option habe. Die hat mir der VfL geboten. Deswegen bin ich glücklich, dass ich diese neue Aufgabe habe, die ich jetzt angehe.

Die Würzburger Kickers sollen auch an Ihnen interessiert gewesen sein – ein ambitionierter Viertligist, der finanziell vielleicht mehr hätte bieten können.

Es stimmt, dass es noch andere Angebote gab, die auch finanziell attraktiver waren. Ob Würzburg auch dabei war, dazu möchte ich nichts sagen. Aber von dem Projekt in Würzburg habe ich schon viel gehört und ich kenne auch den Trainer Bernd Hollerbach. Im Endeffekt habe ich mich aber für Osnabrück entschieden und möchte hier einiges erreichen.

Von 2008 bis 2013 war Maik Walpurgis Trainer in Lotte, mit ihm haben Sie eng zusammengearbeitet. Er hatte gewichtigen Anteil an Ihrem Wechsel.

Ich weiß, was mich unter Maik Walpurgis erwartet. Er ist ein Trainer, der einem nichts schenkt im Training. Jede Trainingswoche ist brutal anstrengend. Aber wenn man am Wochenende Siege einfährt, weiß man auch, wofür man unter der Woche gearbeitet hat. Dann ist einem auch egal, wenn man am Tag zweimal drei Stunden trainiert. Wichtig ist, am Wochenende fit zu sein und die Punkte einzufahren. Ich glaube, Maik Walpurgis ist ein super Trainer, der auch gut hier in die Region und nach Osnabrück passt. Er hat mich in Lotte damals mit 25 zum Kapitän gemacht, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Da bin ich als Person extrem gereift, habe viel gelernt, was ich in meiner Laufbahn noch gebrauchen kann und werde. Es ist schön, wieder unter ihm zu spielen.

Was schätzen Sie an ihm besonders?

Er ist brutal akribisch. Bei Standardsituationen muss jeder Laufweg passen. Jeder Ball muss genau dahin kommen, wo es geplant wird – sonst rastet er schnell aus. Aber dadurch schießt man zehn oder 15 Tore mehr in der Saison, es lohnt sich also. Wenn man das so intensiv trainiert, fragt man sich manchmal, warum man das eigentlich macht. Aber wenn man dann mal in einer Mannschaft spielt, in der diese Automatismen nicht vorhanden sind, dann merkt man schnell, was einem fehlt. Das ist ein Riesenvorteil, wenn man unter Maik Walpurgis spielt: Er arbeitet akribisch und die Mannschaften sind immer fit.

Was glauben Sie: Was schätzt er an Ihnen?

Er weiß, dass ich einen guten Spielaufbau habe, dass ich ein guter Typ bin und dass ich mich schnell integrieren werde in der Truppe. Ich bin jemand, der seine Mitspieler mitreißen kann. Ich glaube, das gehört zu seinem Verständnis von Fußball. Da liegen wir auf einer Wellenlänge.

Nicht nur den Trainer kennen Sie. Mit Michael Hohnstedt, Sofien Chahed und Kevin Freiberger treffen Sie drei frühere Mitspieler aus Lotte – noch ein Faktor, der die Wiedereingewöhnung erleichtert.

Auch viele andere Spieler kannte ich schon über Dritte: Alexander Dercho hat mit Spielern wie Marco Neppe und Claus Costa zusammengespielt, die ich wiederum gut kenne. Nico Feldhahn kenne ich über Roman Prokoph. Insofern ist es relativ einfach für mich, hier reinzurutschen. Mit Micha Hohnstedt hatte ich auch während meiner Zeit in Leipzig viel Kontakt – die Freundschaft war schon zu Lotter Zeiten ziemlich gut – und ich freue mich auch, mit Kevin und Sofi zwei weitere Weggefährten wiederzusehen, mit denen ich auch schon Erfolge hatte.

Beim Kampf um die elf Plätze in der Startelf wird es hingegen nicht immer freundschaftlich zugehen. Mit David Pisot, Davide Grassi, Christian Groß und Ihnen gibt es vier Kandidaten für die zwei Posten in der Innenverteidigung.

Es ist klar, dass man sich jede Woche neu beweisen muss. Alle drei anderen haben auch das Niveau, von Anfang an zu spielen. Ich hoffe, ich kann den Trainer überzeugen, und er lässt mich spielen. Dann muss ich natürlich die Leistung immer wieder bestätigen, aber das ist mein Ziel. Deswegen bin ich hier.

Der Anspruch heißt: Stammplatz.

Absolut. Ich glaube, ich muss mich nicht verstecken und bin selbstbewusst genug zu sagen, dass ich spielen möchte. Letztlich muss der Trainer entscheiden. Ich habe ihn so kennengelernt, dass er Leistung immer fair bewertet.

Maik Walpurgis hat sich schon in die Karten schauen lassen: In Duisburg sollen Maximilian Wagener und Sie im Kader stehen. Reicht es für mehr?

Duisburg ist ein geiler Verein, das Spiel kommt im Fernsehen. Da möchte ich spielen, da möchte jeder spielen. Wenn ich die Chance bekomme, spiele ich natürlich gerne. Ich habe dann eine Woche mittrainiert. Da passt noch nicht alles zu 100 Prozent, aber die Automatismen sind da.

Ein Dreijahresvertrag in Osnabrück ist eine langfristige Perspektive. Sie haben schon angedeutet: „Der Aufstieg ist natürlich ein Traum.“ Wie realistisch ist es, dass Sie sich diesen Traum in Osnabrück erfüllen?

Dadurch, dass der Etat vor der Saison gekürzt wurde, kann ich jetzt nicht sagen: Ich bin hier, um aufzusteigen. Aber ich nehme gerne das Beispiel Darmstadt: In der Vorsaison waren sie sportlich abgestiegen, hatten auch nicht viel Geld, aber haben dann den Aufstieg in die 2. Liga geschafft. Ich traue uns nach den Eindrücken der ersten Trainingswoche schon zu, dass wir Erfolg haben können. Ob es für ganz oben reicht, weiß man nicht. Ich bin hier, um erfolgreich zu sein. Es ist mein persönliches Ziel aufzusteigen, aber ich würde das niemals als Pflicht ansehen. Man weiß ja nie, was in drei Jahren passiert.

Der Trainer hat einen Vertrag bis zum Saisonende. Mit einer Mannschaft, die er zusammenstellt und die Perspektive hat, dürften auch für ihn die Argumente steigen, beim VfL zu bleiben?

Ich glaube, wenn Maik Walpurgis die Chance sieht, erfolgreich mit einer Mannschaft zu arbeiten, und die Perspektive da ist, dann wird es zwischen Verein und Trainer kein Problem sein, sich längerfristig zu binden. Die Vereinsführung hat Vertrauen in Maik Walpurgis. Er ist ein super Trainer, er hat Erfolg gehabt, auch in der letzten Saison. Beim VfL haben jetzt einige Spieler längerfristige Verträge. Der Trainer sieht, dass er mit den Spielern längerfristig zusammenarbeiten und Erfolg haben kann. Ich glaube, das ist auch für den VfL ein gutes Zeichen, dass es eine längere Zusammenarbeit geben wird.

Und dann kommt Tobias Willers hinzu, der in Lotte zweimal den Aufstieg in die 3. Liga verpasst hat, in Leipzig aber den Aufstieg geschafft hat – ein gutes Zeichen für den VfL, dass Sie Aufstieg inzwischen können?

Ich hoffe, ja. Ich weiß jetzt, wie man aufsteigt, und hoffe, dass ich der Mannschaft das weitergeben kann (lacht). Wobei der VfL seit 2000 ja auch mehrfach aufgestiegen ist und weiß, wie es geht. In Lotte waren wir auch erfolgreich, sind Meister geworden, aber hatten in der Relegation Lospech mit Leipzig als Gegner, wobei ich die Relegation bis heute noch nicht nachvollziehen kann. Danach ist die Mannschaft auseinandergebrochen. Beim VfL sieht man jetzt, wie viel hier in Bewegung ist. Alle Jungs wollen Erfolg haben. In welchem Tabellenplatz sich das dann niederschlägt, werden wir sehen.


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