Warum hat er noch nicht aufgegeben? Wie Paul Thomik um sein VfL-Comeback kämpft

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Osnabrück. Sieben Ärzte. Vier Diagnosen. Sechs Therapien – oder waren es sieben? Spritzen, Medikamente, Untersuchungen und eine Operation. Hoffnung und Enttäuschung, Versuch und Irrtum. Und vor allem: über acht Monate ohne Fußball. Man kann zwei Stunden sprechen mit dem Osnabrücker Fußballprofi Paul Thomik, am Ende läuft alles auf diese eine Frage hinaus: Warum hast du nicht längst aufgegeben?

Thomik versteht die Frage nicht. Aufgeben, solange es noch eine Chance gibt? Kommt nicht infrage, sagt er, seine Augen funkeln, die Stimme hebt sich, der Zeigefinger tippt im Takt der Worte auf den Tisch. „Für eine solche Schlagzeile ist die Zeit noch lange nicht reif. Es wird verdammt schwer, mich endgültig vom Platz zu holen. Ich werde alles tun, um noch einmal als Profi zu spielen.“

Sagt der Kapitän des VfL Osnabrück, der Ende Juli 2013 beim Freundschaftsspiel gegen Werder Bremen eine Verletzung in der Leiste erlitt. Er war dennoch dabei, als es in die neue Saison ging, er wurde als Leitfigur in einer eilig zusammengestellten, kritisch beäugten Mannschaft gebraucht. Beim 3:0 in Chemnitz erzielte er das zweite Tor mit einem verwegenen Handelfmeter, beim 1:0 gegen Borussia Dortmund wurde er beifallumrauscht ausgewechselt.

Das war’s. Seitdem hat Thomik keine Minute mehr auf dem Platz gestanden. Er wurde zum Dauerpatienten. Bis heute ist nicht vollends klar, welche Verletzung ihn aus der Bahn geworfen hat: Sehnenanriss am Schambein? Weiche Leiste? Entzündung nach Fehlbelastung wegen eines Hohlrückens?

Bei etlichen Ärzten ist er gewesen. Erst bei VfL-Doc Peter Ettinger, dann bei Schäferhof in Köln, bei Krüger in Berlin, bei Braun in Dortmund und bei Brexendorf in Hannover. Allesamt Fußballerärzte der Spitzenklasse, einige Kapazitäten im schwierigen Bereich Leiste/Schambein. Wenige Verletzungen fürchten Fußballer mehr, denn sie sind schwer zu diagnostizieren, lassen so gut wie keine Belastung in der Reha zu und fordern lange Pausen.

In München wurde Thomik von Frau Dr. Muschaweck operiert, die in internationalen Profikreisen anerkannte Spezialistin hatte eine weiche Leiste geortet. Das war im Herbst, und als er nach der sechswöchigen Pause das Training aufnahm, keimte Hoffnung: „Der Schmerz war weg, ich konnte die Belastung hochfahren. Ich war optimistisch.“

Doch der Schmerz, fies und heftig wie ein Messerstich, so beschreibt Thomik ihn, kam zurück. Plötzlich, unerwartet, immer wenn der Athlet wieder höchstes Tempo sprintete oder mit aller Kraft schoss: „Das Auftrainieren klappte, aber immer wenn ich die letzten fünf Prozent draufpackte, kam dieser höllische Schmerz.“

Der letzte Rückschlag kam im Trainingslager in der Türkei, in das Thomik nach der Behandlung durch einen dänischen Physiotherapeuten so zuversichtlich gefahren war. Empfohlen worden war ihm der Spezialist von Leon Andreasen, dem dänischen Bundesligaprofi von Hannover 96, der sich über zwei Jahre mit Leistenproblemen geplagt und doch noch ein Comeback geschafft hatte.

Als Thomik glaubte, alles versucht zu haben – inklusive des Besuchs bei einem Wunderheiler in Österreich –, besann er sich seiner Wurzeln. Ausgebildet und zum zigfachen DFB-Jugendnationalspieler gereift beim FC Bayern, besorgte er sich einen Termin bei Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt.

Der Star unter den deutschen Sportlerärzten verordnete Anfang Februar 2014 einen kompletten Neuanfang. Sechs Monate Pause, eingeleitet von einer sechswöchigen Spritzenkur. Jeden Sonntag auf eigene Kosten nach München, am Montag die Spritze bei „Mull“, danach zurück – mal mit dem Flugzeug, mal mit der Bahn, alles auf eigene Kosten. Mehrere Tausend Euro hat Thomik mittlerweile in seine Genesung investiert, er lebt vom Krankentagegeld seiner privaten Versicherung, die Berufsgenossenschaft hat das Gehalt nicht übernommen, weil sie die Verletzung für berufsbedingten Verschleiß hält. Thomik winkt nur ab.

Er hat nur dieses eine Ziel: noch einmal als Profi spielen zu dürfen. „Egal, ob ich in der nächsten Saison zwei Spiele mache, zwanzig oder dreißig – ich will noch mal auflaufen“, sagt der 29-Jährige. Er ist kein Spitzenverdiener, er studiert BWL und Management an der Hochschule Osnabrück im vierten Semester; er ist kein Fußballer, der vor dem Leben danach Angst haben müsste.

Aber er will – verdammt noch mal! – zurück auf den Platz. Aber, und das ist neu, er predigt sich selbst Geduld. In dieser Woche hat er die ersten Läufe auf einem Spezialband absolviert, ganz langsam will er aufbauen, nichts überstürzen. „Der Trainer unterstützt mich in dieser ganzen Zeit großartig“, sagt Thomik, „Physio Günter Schröder, unser Fitnesscoach Oliver Schuppien und Claas Bente vom Centrumed sind für mich da.“

Sein Glück ist der Vertrag, der ihn bis zum 30. Juni 2015 an den VfL bindet. „Ohne diesen Vertrag wäre meine Karriere jetzt beendet, denn wer würde mich dann nach einer solchen Saison noch nehmen?“ So aber hat er die Chance, sich noch einmal ranzukämpfen. Aber weiß auch: „Wenn es in der nächsten Saison nicht klappt, dann war es das.“

Aber das ist ein Gedanke, den Paul Thomik für bloße Theorie hält. Denn selbst wenn keiner mehr an ihn glaubt – er tut es.


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