Elf Verhandlungstage in Bochum Wettskandal: Prozess gegen Cichon im Juni

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Vor fünf Jahren verlor der VfL Osnabrück beim FC Augsburg mit 0:3. Michael Thurk jubelt, links der nun wegen des Verdachts der Manipulation angeklagte Thomas Cichon. Foto: ImagoVor fünf Jahren verlor der VfL Osnabrück beim FC Augsburg mit 0:3. Michael Thurk jubelt, links der nun wegen des Verdachts der Manipulation angeklagte Thomas Cichon. Foto: Imago

hp/spo Osnabrück. „Endlich!“ werden viele Fans des VfL Osnabrück sagen: Über fünf Jahre nach den Spielmanipulationen in der Abstiegssaison 2008/09 wird dem ehemaligen Profi Thomas Cichon der Prozess gemacht. Ab Juni soll nach Informationen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ (Ausgabe von diesem Montag) an elf Tagen vor der achten Strafkammer des Landgerichts Bochum verhandelt werden. Ebenfalls auf der Anklagebank sitzt René Schnitzler (FC St. Pauli).

Schon mehrfach war der Prozess gegen Cichon vom Bochumer Staatsanwalt Andreas Bachmann in Aussicht gestellt worden, erstmals im August 2011. Auch im Sommer 2012 hatte die Staatsanwaltschaft Klage erhoben wegen Beihilfe zum Betrug, Unterstützung einer kriminellen Vereinigung und Steuerhinterziehung.

Bisher ist nicht bekannt, welche Spiele in der Anklageschrift als von Cichon manipuliert genannt werden. Im Zuge der Recherchen von Ermittlungsbehörden und Medien waren vor allem vier Spiele des VfL Osnabrück genannt worden: Das 1:3 des VfL Osnabrück bei Alemannia Aachen (21. November 2008), das 0:3 beim FC Augsburg (17. April 2009), das 0:2 beim 1. FC Nürnberg (13. Mai 2009) und das 2:2 gegen RW Ahlen (17. Mai 2009).

Aktenkundig sind intensive Kontakte von Cichon zu dem Wettpaten Nürettin G., der wegen Manipulationen diverser Fußballspiele in ganz Europa 2011 zu drei Jahren Haft verurteilt worden ist. Der Osnabrücker Abwehrchef und Mannschaftskapitän hat später zugegeben, dass er in jener Zeit exzessiv gewettet habe. Später, so die Ermittlungen, wurde er dann wegen angeblicher Wettschulden unter Druck gesetzt und mit der Forderung konfrontiert, bestimmte Spielausgänge herbeizuführen. Das gab Cichon auch zu, doch er bestritt stets, jemals eine Partie manipuliert zu haben. Gegen Ende der Saison 2008/09 offenbarte Cichon sich Verantwortlichen des VfL, erwähnte aber nicht die Manipulationen. Man half ihm mit eine Vorschusszahlung und vermittelte den Kontakt zu einem Therapeuten.

Der DFB-Justiz entzog sich der ehemalige Bundesligaprofi des 1. FC Köln, indem er seine Karriere bis 2011 in Südafrika fortsetzte und danach in England lebte. Im Oktober 2013 verhängte das DFB-Sportgericht eine Sperre bis zum 9. Juli 2015, dem Tag seines 39. Geburtstages. „Ein Nachweis, dass es von Cichon während der Spiele tatsächlich zu Manipulationshandlungen gekommen ist, konnte nicht geführt werden“, hieß es damals in einer Mitteilung des DFB.

Diese Strafe schließt eine Sperre für offizielle Tätigkeiten als Trainer oder in ähnlicher Funktion im Herrenbereich aus, für die Nachwuchsarbeit gilt das allerdings nicht. Bei Preußen Eiberg, einem Stadtteilverein seiner Heimatstadt Essen, engagiert sich Cichon seit einigen Monaten ehrenamtlich; derzeit trainiert er die E1-Junioren. Juristisch vertreten wird Cichon seit 2011 von dem Rechtsanwalt Andreas Bartholomé aus Köln, der im Wettskandal schon den Ex-Dortmunder Steffen Karl als Mandanten betreute. „Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um ein schnelles Verfahrensende herbeizuführen“, sagte Bartholomé.

Längst abgeschlossen ist der Fall von Marcel Schuon. Der Abwehrspieler, der schon in der Saison 2007/08 exzessiv wettete und über seinen Teamkollegen Bilal Aziz in Kontakt Nürettin G. kam, sagte ziemlich bald nach Bekanntwerden der Vorwürfe in Bochum aus und wurde bereits Anfang Dezember 2009 ohne öffentliche Verhandlung per Strafbefehl mit einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe belegt. Allerdings nur wegen des Spiels des VfL am 17. April 2009 in Augsburg. Mit der 0:3-Niederlage der Osnabrücker hatten die Wettbetrüger laut Anklage über 300000 Euro Reingewinn erlöst. Die Verfahren gegen Schuon, in denen es um die ebenfalls verdächtigen Partien bei Carl Zeiss Jena (30. April 2008/1:1), bei Alemannia Aachen (21. November 2008/1:2) und beim 1. FC Nürnberg (13. Mai 2009/0:2) ging, wurden eingestellt.

Im Januar 2011 sagte der ehemalige Jugendnationalspieler des VfB Stuttgart beim Prozess gegen die Wettbetrüger um Nürettin G. in Bochum aus. Dort entschuldige er sich beim DFB und belastete seinen Ex-Kollegen Cichon mit Blick auf das Spiel in Augsburg: „Er war an der Absprache beteiligt.“ Vertreten wurde Schuon in Bochum von Siegfried Kauder, Bruder des CDU-Politikers Volker Kauder, und damals Vorsitzender des Rechtsausschusses im Deutschen Bundestages.

Der DFB verurteilte Schuon dagegen für alle genannten Spiele: Im August 2010 wurde der Defensiv-Allrounder im schriftlichen Verfahren für zwei Jahre und neun Monate gesperrt – rückwirkend vom 1. Dezember 2009, dem Tag seiner Suspendierung durch seinen letzten Arbeitgeber, den Drittligisten SV Sandhausen. Seit September 2012 spielt Schuon beim VfL Nagold, mit dem er 2013 von der Landesliga in die Verbandsliga Baden-Württemberg aufstieg. Er lebt und arbeitet in seinem Heimatort Haiterbach. Derzeit sitzt er wegen einer Roten Karte nach einer Tätlichkeit eine Zehn-Wochen-Sperre ab.


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