„Punkte und Geld gestohlen“ Vor 39 Jahren: Der VfL Osnabrück kämpft um ein Tor

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Das Tor, das nicht zählen durfte: Der Kopfball des VfLers Klaus Fock ist knapp hinter der Linie, ehe ihn Neues aus dem Kölner Tor schlägt. Foto: Hartwig FenderDas Tor, das nicht zählen durfte: Der Kopfball des VfLers Klaus Fock ist knapp hinter der Linie, ehe ihn Neues aus dem Kölner Tor schlägt. Foto: Hartwig Fender

Osnabrück. Die Fußball-Nation diskutiert das Phantomtor von Hoffenheim und wünscht sich ein Wiederholungsspiel. Vor 39 Jahren stand der VfL Osnabrück in einem spektakulären Fall um ein reguläres Tor, das der Schiedsrichter zu spät anerkannte, nach zwei Verfahren vor dem Sportgericht und einem Wiederholungsspiel als doppelter Verlierer da.

Es war die erste Saison der 2. Liga Nord, der VfL Osnabrück ging als Mitfavorit ins Spieljahr, startete aber schlecht. Am sechsten Spieltag kam Bundesliga-Absteiger Fortuna Köln an die Bremer Brücke. 2:0 führte das Topteam zur Pause, 6700 glaubten nicht mehr an den VfL; auch noch nicht nach dem Anschlusstreffer von Franz Genschick (58.). Doch in der Schlussphase sprang der Funke über, die Brücke bebte – und „Stocki“ Nordmann gelang der Ausgleich (87.). Der VfL setzte nach, Torwart Jörg Daniel ließ einen Kopfball von Klaus Fock über die Linie rutschen, ehe ihn Libero Günther Neues aus dem Tor schlug – 3:2?

Schiedsrichter Manfred König aus Berlin war sich nicht sicher, die Osnabrücker jubelten, die Kölner wiegelten ab – das Spiel lief weiter, ohne Unterbrechung. Erst etwa 15 Sekunden später bemerkte der Schiedsrichter, dass sein Linienrichter vor der Haupttribüne „standhaft wie die preußischen Standartenträger in der Schlacht“, wie der „Kicker“ schrieb, seine gelbe Fahne in die Höhe reckte.

Als der Ball ins Aus ging, befragte König seinen Kollegen und entschied unter den tumultartigen Protesten der Kölner auf Tor. Gleich nach dem Schlusspfiff kündigte Fortuna-Trainer Martin Luppen einen Protest an; Begründung: das Spiel sei durch einen Einwurf des Kölner Spielers Schwaba nach einer Unterbrechung fortgesetzt worden, sodass eine Anerkennung des Tores ein Regelverstoß gewesen sei.

Auf diese Beweisführung ließ sich die Spruchkammer der 2. Liga Nord am 21. September 1974 in Duisburg nicht ein, sondern begründete das Urteil „Wiederholungsspiel“ damit, dass der Schiedsrichter nicht sofort auf Tor entschieden habe. Die Empörung in Osnabrück war groß. „Man hat uns die Punkte geklaut“, schimpfte Trainer Klaus Ochs.

Auch ohne Fernsehbilder hatten die Richter nach der Aussage von Linienrichter Heine („Der Ball war einen halben Meter hinter der Linie“) keine Zweifel, dass der VfL ein korrektes Tor erzielt habe. Nur leider hatte der Schiedsrichter es nicht rechtzeitig anerkannt.

Trotzig sagte Referee König in einem TV-Interview: „Der VfL hat für mich regulär gewonnen.“ Doch in der Berufungsverhandlung vor dem DFB-Bundesgericht machte der Unparteiische eine schlechte Figur, als er behauptete, sein Linienrichter habe nicht sofort „Tor“ signalisiert. Der standhafte Herr Heine gab daraufhin zu, erst „nach einer Schrecksekunde“ reagiert zu haben.

So war es am 8. November 1974 keine Überraschung, dass das Bundesgericht im Düsseldorfer Hotel Atlantik das Urteil bestätigte. Ein Satz aus der Begründung des Vorsitzenden, Heinz Rückert, stieß dem VfL besonders sauer auf: „Um die Sicherheit des Spielsystems zu gewährleisten, müssen sportliche Ungerechtigkeiten in Kauf genommen werden.“

Am 20. Dezember 1974, einem kalten Sonntagnachmittag, drängten sich 20000 Zuschauer an der ausverkauften Bremer Brücke, um das Wiederholungsspiel zu sehen. „Uns erwartet in Osnabrück die Hölle“, hatte Trainer Luppen vorher gesagt. Doch die Pfeifkonzerte gegen die Fortuna halfen nicht: Der VfL verlor mit 0:2.

Zu allem Überfluss hatten die Sportrichter verfügt, dass Fortuna Köln zur Hälfte an den Einnahmen des Wiederholungsspiels zu beteiligen sei. Es ging um stattliche 50000 DM, die der VfL nicht zahlen wollte. „Erst stiehlt man uns die Punkte, jetzt auch noch das Geld“, schnaubte Vizepräsident Hartwig Piepenbrock und verhängte einen Zahlungsstopp, den er nicht durchhalten konnte. Auch hier saß der Verband am längeren Hebel.

Es war das erste Wiederholungsspiel nach der Einführung der 2. Ligen, doch trotz der spektakulären Umstände löste es nicht annähernd den öffentlichen Wirbel aus, wie es heute sicher der Fall wäre.

Und der Weltverband FIFA hat sich zu dem Fall nie geäußert. Vermutlich, weil er gar nicht davon erfahren hat.


Am Freitagabend hatte Stefan Kießling bei der Begegnung seines Vereins Bayer Leverkusen gegen 1899 Hoffenheim ein Tor geschossen, das gar keines war. Der Weltverband FIFA müsste entscheiden, wenn die Bundesligapartie wiederholt werden sollte. Der DFB bewertet die Chancen als gering. Die Debatte um das Phantomtor von Kießling geht derweil weiter.

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