zuletzt aktualisiert vor

40 Tage im Amt VfL-Präsident Gert Lehker: Osnabrück schafft die 2. Liga nicht allein

Meine Nachrichten

Um das Thema VfL Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Doch die Ausgliederung? VfL-Präsident Gert Lehker arbeitet an der Neuausrichtung des Vereins. Foto: Helmut KemmeDoch die Ausgliederung? VfL-Präsident Gert Lehker arbeitet an der Neuausrichtung des Vereins. Foto: Helmut Kemme

hp Osnabrück. In das Amt hat sich keiner gedrängt. Gert Lehker hat sich als Nachfolger von Dirk Rasch zur Verfügung gestellt und weiß, was es gerade in diesen Tagen bedeutet, Präsident des VfL Osnabrück zu sein: „Eine Menge Arbeit und viel Sorgen. Vergnügungssteuerpflichtig ist das nicht, aber ich spüre, dass der VfL vielen am Herzen liegt. Wir müssen und werden darum kämpfen, dass diese Unterstützung noch gesteigert wird.“

40 Tage ist der Finanz- und Steuerexperte im Amt, bis zum Rücktritt von Dirk Rasch hatte Lehker als Vizepräsident der Klubführung angehört. Bisher hat er sich mit öffentlichen Erklärungen zurückgehalten, doch jetzt spricht Lehker über die Aktivitäten hinter den Kulissen, die geplante Ausgliederung der Profiabteilung und die finanzielle Lage.

Seine zentrale Erkenntnis: „Aus eigener wirtschaftlicher Kraft wird es immer schwieriger, die 2. Bundesliga zu erreichen, und erst recht, die Zugehörigkeit so abzusichern, dass der VfL sich dort auf Dauer etabliert. Genau das aber sollte das Ziel nicht nur des Vereins, sondern der ganzen Region sein, einen derartigen Imageträger in der 2. Bundesliga zu verankern. Das ist mit den derzeit vorhandenen Mitteln nicht zu stemmen, denn die Erfahrung zeigt, dass ein Aufstieg mindestens ein Saison-Minus von 500.000 Euro bedeutet. Deshalb brauchen wir eine größere Kapitalbasis.“

Die aktuelle finanzielle Situation nennt Lehker „durchaus angespannt“, doch die Befürchtungen mancher Fans, der Verein werde die Saison wirtschaftlich nicht überstehen, weist der Präsident zurück: „So weit wird es nicht kommen, allein schon wegen der vorhandenen Liquiditätsreserve.“ Lehker verhehlt aber nicht, dass das absehbare Aus im Aufstiegskampf die Lage verschärft: „Die Enttäuschung über die letzten Ergebnisse ist auch bei den Verantwortlichen sehr groß. Wir müssen von Einnahmeeinbußen in vielen Bereichen ausgehen.“

Für die laufende Saison war dem VfL vom DFB-Lizenzierungsausschuss eine Liquiditätsreserve von 900000 Euro auferlegt worden; kalkuliert hatte der Verein mit einem Zuschauerschnitt von 9700 und einem Personalkostenetat von drei Millionen Euro. Lehker geht davon aus, dass die Saison 2011/12 mit einem Minus abgeschlossen wird, über dessen Höhe er derzeit nicht spekulieren möchte.

Der Präsident geht für die nächste Saison von einer „erheblichen Liquiditätsreserve“ aus, die der Klub als eine der wichtigen Voraussetzungen für die Lizenzerteilung leisten muss. „Um die aufzubringen, haben wir Zeit bis Ende Mai. Wir wollen versuchen, diese Summe nicht in erster Linie durch vorausgezahlte Sponsorengelder zusammenzuholen, denn damit schränken wir den Spielraum für die neue Saison natürlich ein. Wir sind dabei, andere Möglichkeiten zu entwickeln, um die Reserve aufzubringen, aber da ist noch nichts spruchreif.“

Intern klopft die Führung viele Bereiche auf Verbesserungsmöglichkeiten ab. So ist derzeit eine Beratungsgesellschaft im Haus, die sich auch mit der Analyse von Profiklubs beschäftigt. Nach einem Vortrag, der auf Initiative eines Sponsors zustande kam, schauen die Mitarbeiter sich nun beim VfL um. Lehker: „Interessant ist für uns das sogenannte Benchmarking, also der Blick auf Kosten und Erträge in bestimmten Bereichen im Vergleich mit anderen Vereinen.“

Außerdem sieht sich der VfL bei anderen Klubs um – zuletzt gab es ein Hintergrundgespräch beim Finanzchef von Borussia Dortmund – und beschäftigt sich mit Modellen wie der Fan-Anleihe beim FC St. Pauli. Der ehemalige VfL-Manager Helmut Kalthoff stellte dem Wirtschaftsrat seine Studie über die Situation der deutschen Stadien als Standortfaktor vor.

Dazu beschäftigt sich die Führung mit der Ausgliederung der Profiabteilung in eine Kapital- oder Tochtergesellschaft. Lehker bekennt sich zu diesem Schritt, er sieht diese Vorteile: „Erstens: Heute erhalten wir Auflagen des DFB, die uns beschränken, weil wir als Verein chronisch ein negatives Eigenkapital in der Bilanz ausweisen. Für die Gründung einer Tochtergesellschaft ist nach den DFL-Statuten ein Eigenkapital von 2,5 Millionen Euro in der 2. Bundesliga erforderlich. Davon muss der VfL durch Übertragung von Vermögenswerten gut 1,25 Millionen Euro wegen der 50+1-Regel aufbringen. Andere Investoren könnten dann die gleiche Summe zum Eigenkapital beitragen. Zweitens: Das würde eine sehr solide Eigenkapitalquote zur Folge haben, Lizenzierungsvorlagen würden dann nicht die Entwicklung der Tochtergesellschaft beeinträchtigen. Drittens: Mit der soliden Eigenkapitalquote steigt die Bonität, was Kreditgespräche mit Banken erleichtert. Viertens: Wir bieten damit Kapitalgebern eine Chance zum Einstieg, die dem VfL helfen wollen, aber kein klassisches Sponsoring betreiben wollen und einen Beitrag zur Attraktivität der Region leisten wollen. Und fünftens nehmen wir das ehrenamtliche Präsidium aus der Haftung, was angesichts der Größenordnung dieses Geschäfts notwendig ist.“

Lehker weiß, dass er mit Widerstand aus den Reihen der kritischen Mitglieder rechnen muss, die sich in einem eigenen Verein (NfdV) organisiert haben. „Wir haben noch nicht alles zu Ende gedacht, das Konzept ist noch nicht fertig. Aber wir werden im Mai bei einer Veranstaltung die Mitglieder informieren und die Pläne zur Diskussion stellen“, sagt der Präsident, der um die Zurückstellung „ideologischer Vorbehalte“ bittet und betont: „Die Mitgliederversammlung bleibt das höchste Gremium des Vereins. Und der VfL soll nicht an einen einzelnen Investor verkauft werden, sondern in der Region verwurzelt bleiben, wie das Hannover 96 sehr gut gelungen ist. Wir werden dafür werben, dass wir der Mitgliederversammlung einen Plan zur Ausgliederung vorstellen, der auch die Fans mit einbezieht und den Bestand des VfL sichert.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN