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Ex-VfL-Profi sagt vor Landgericht aus Wettskandal-Prozess: Schuon belastet Aziz und Cichon


Bochum. Er kam in blütenweißen Hemd und schwarzen Anzug, händchenhaltend mit seiner Freundin und vor den Fragen der Journalisten abgeschirmt von einem der bekanntesten deutschen Rechtsanwälte: Der ehemalige Fußballprofi Marcel Schuon sagte Mittwoch am 13. Verhandlungstag im Wettskandalprozess vor dem Bochumer Landgericht aus.

 

Dabei belastete der bereits von der Strafjustiz und vom Sportgericht verurteilte 25-Jährige seinen ehemaligen Teamkollegen Thomas Cichon und bestätigte in weiten Teilen die Versionen des geständigen Wettbetrügers Nürettin G.

Gleich zu Beginn ergriff Schuon, der von 2007 bis 2009 für den VfL Osnabrück in der 2. Bundesliga spielte, das Wort: „Ich weiß, was ich getan habe und möchte mich entschuldigen, dass ich den DFB in ein schlechtes Licht gerückt habe“. Als der Osnabrücker Manager Lothar Gans davon erfuhr, lachte er bitter auf: „Beim DFB hat er sich entschuldigt? Bei uns, beim VfL Osnabrück hätte er sich öffentlich entschuldigen müssen – das wäre wohl das Allermindeste gewesen.“

50 Minuten beantwortete Schuon im Zeugenstand die Fragen des Vorsitzenden Richters. Er gab zu, über seinen früheren Teamkollegen Bilal Aziz Kontakt zum Angeklagten Nürettin G. bekommen zu haben. Im Frühjahr 2008 habe man erstmals über die Manipulation eines Spiels gesprochen; es ging um die für beide Vereine im Abstiegskampf eminent wichtige Partie des VfL bei Carl Zeiss Jena am 30. April 2008.

„Wir hatten unsere Bereitschaft erklärt, für jeweils 25 000 Euro das Spiel zu verlieren“, erklärte Schuon am Mittwoch, „ich bekam aber ein schlechtes Gefühl und wollte Abstand von der Wette nehmen. Aber angeblich konnte Aziz niemanden erreichen.“ Das Spiel endete 1:1, die Wetten gingen verloren; nach der Rückkehr aus Jena beorderte Nürettin G. die beiden Profis zu einem nächtlichen Treffen auf einem Parkplatz.

„Von da an hatte ich 25.000 Euro Schulden“, sagte Schuon, der dann ausführlich auf das Spiel am 17. April 2009 beim FC Augsburg (0:3) zu sprechen kam. Er habe auf Drängen von G. zusammen mit dem ebenfalls durch Wettschulden belasteten Thomas Cichon einer Manipulation zugestimmt und zugesagt, eine klare Niederlage herbeizuführen: „Cichon war beteiligt.“

Wie schon in seiner Vernehmung bei der Kriminalpolizei behauptete Schuon auch am Mittwoch, die verabredete Manipulation nicht vollzogen zu haben: „ Ich habe mich bereiterklärt, aber nie vorgehabt, absichtlich schlecht zu spielen und es auch nicht getan.“ Ob das auch für Cichon gelte, könne er nicht sagen. Aber er habe ebenso wie er der Manipulationsabsprache zugestimmt „und wohl auch Geld bekommen“.

Auch vor den Spielen am 21. November 2008 bei Alemannia Aachen (0:3) und am 13. Mai 2009 beim 1. FC Nürnberg (0:2) habe es Gespräche mit Nürettin G. über Manipulationen gegeben. Vor dem Spiel in Aachen, so Schuon, habe er sich dazu bereit erklärt, „aber nur um ihn zu beruhigen.“

Nach dem Angeklagten Nürettin G. und den als Zeugen vernommenen Ante S. und Marijo C. belastete auch Schuon den derzeit in Südafrika spielenden Cichon. Er habe sich dem direkten Kontakt zwar oft durch kurzfristige Absagen entzogen, sei aber bei zwei Treffen mit Wettbetrügern dabei gewesen.

Cichon selbst bestreitet nach wie vor jede Absprache zur Manipulation und erst recht, absichtlich schlecht gespielt zu haben. Der 33-Jährige hat in mehreren Interviews zugegeben, dass er Spielschulden gehabt und es Kontakte zur Wettmafia gegeben, er aber jede Manipulation abgelehnt habe.

Zuvor hatten bei dem seit Anfang Oktober laufenden Prozess der Angeklagte Nürettin G. sowie die Verdächtigen Marijo C. und Ante S. Cichon schwer belastet. Ende Januar soll der frühere Abwehrchef des VfL Osnabrück vom Kontrollausschuss des DFB vernommen werden. Offenbar wurde er mit sanftem Druck dazu gebracht: Nach Informationen der Neuen OZ hatte der DFB mit einer Vorsperre gedroht, die auch international sofort gegriffen hätte.

In Bochum hat der ehemalige U21-Nationalspieler Cichon noch nicht ausgesagt. Die Verteidigung eines der vier Angeklagten erneuerte allerdings am Mittwoch ihren Antrag, Cichon als Zeuge zu laden.

Cichon steht also noch bevor, was Schuon hinter sich hat. Dank der Strategie seines Verteidigers Siegfried Kauder (Villingen/Schwenningen) ist Schuon als erster in diesen Skandal verstrickter Fußballprofi abgeurteilt. Der CDU-Politiker und Vorsitzende des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages hatte gleich nachdem Schuon  bei der bundesweiten Razzia im November 2009 festgenommen wurde und seine Wohnung durchsucht wurde,dessen Vertretung übernommen. Kurz darauf sagte er vor den Behörden aus und bekam bereits Anfang Dezember 2009 einen Strafbefehl über eine zehnmonatige Bewährungsstrafe.

Der bezieht sich – man darf sagen: seltsamerweise – nur auf das Spiel in Augsburg; die Verfahren bezüglich der Spiele in Jena, Aachen und Nürnberg wurden nach der Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft eingestellt. Möglicherweise waren die Behörden damals froh über das erste Geständnis, denn zu diesem Zeitpunkt hatten die in Untersuchungshaft einsitzenden Verdächtigen noch keinerlei Aussagebereitschaft erkennen lassen. Vielleicht wurde hier ja ein kleiner Deal abgeschlossen...

Im August 2010 sagte Schuon vor dem Kontrollausschuss des DFB aus und wurde im schriftlichen Verfahren für zwei Jahre und neun Monate gesperrt. Die Strafe gilt rückwirkend vom 1. Dezember 2009, dem Datum seiner Suspendierung beim SV Sandhausen. Ab dem 1. September 2012 dürfe Schuon wieder in einem Verein spielen.

Über die Hintergründe und Ursachen seines Abrutschens in den Wettsumpf äußerte sich Schuon vor Gericht weitaus weniger mitteilsam als im Dezember 2009 in einem von Anwalt Kauder arrangierten Interview mit der „New York Times/Herald Tribune“. Dort hatte sich der frisch beschuldigte Profi ausführlich als Opfer seiner Spielsucht geschildert, das unter massiven Druck der Wettmafia zur Manipulation gezwungen werden sollte.

Dabei hatte Schuon auch recht dramatisch erzählt, wie er am Hosenbund des Angeklagten Nürettin G. eine Waffe habe baumeln sehen. Am Mittwoch musste er auf energisches Nachhaken des Osnabrücker Anwalts Jens Meggers zugeben, in dieser Hinischt  falsche Angaben gemacht zu haben: „Ich hatte von einem gehört, dass er eine Waffen haben soll.“

Derzeit, so erklärte Schuon, spiele er kein Fußball („Höchstens mal mit Kumpels“) und arbeite „bei den Eltern“, einen Beruf habe er nie erlernt. Die Eltern betreiben im schwäbischen Haiterbach eine große Spedition. Ob er nach Ablauf der Sperre wieder spielen wollte, fragte der Vorsitzende Richter zum Abschluss: „Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“ Sein Spielsucht, so bekannte er, habe er im Griff nach einer Behandlung durch einen Psychologen und eine vierwöchige Spezial-Therapie.

Verabschiedet habe er sich am letzten Spieltag der Saison 2008/09 mit einem Wett-Volltreffer: Mit drei Wettscheinen und einem Gesamteinsatz von 700 Euro habe er 20.000 Euro gewonnen. Damit habe er seine Schulden im Wettbüro beglichen und gleich danach die Nummer von Nürettin G. aus seinem Handy gelöscht. Bis dahin hatte er in Hunderten von SMS mit dem Wettbürobetreiber Kontakt gehabt.

Zu Thomas Cichon gebe es keinen Kontakt mehr, sagt Schuon am Ende seiner Vernehmung. Dabei gäbe es durchaus noch etwas zu besprechen: Cichon schuldet ihm noch etwa 6000 Euro.

Nachfragen nach der Verhandlung ließ Kauder nicht zu; seinen  Mandanten schickte er mit der eindeutigen Geste, zu schweigen, an den Journalisten vorbei: „Keine weiteren Erklärungen.“ Marcel Schuon ging im blütenweißen Hemd. Aber nicht mit weißer Weste.

 


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