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Warum sich der VfL entschieden hat Der VIP-Tower: Letzte Chance auf schnelles Geld?

<em>Faszination Flutlicht:</em> Fans und Fußballer lieben die Spiele am Freitagabend. Foto: Helmut KemmeFaszination Flutlicht: Fans und Fußballer lieben die Spiele am Freitagabend. Foto: Helmut Kemme

hp Osnabrück. Fußball-Romantiker gegen Kicker-Kommerz, Fans gegen VIPs, Stehplätze gegen Logen: Die gerade bekannt gewordenen Pläne des VfL Osnabrück zum Bau eines Turms mit 144 Logenplätzen zwischen Nord- und Westtribüne haben eine Konfrontation der Standpunkte geschaffen. Ein Versuch, die Debatte zu versachlichen.

Beim „Heimatabend“ des Kabarettisten Kalla Wefel – wir berichteten – regte sich der Widerstand einiger Fans gegen den VIP-Tower. In den diversen Internet-Foren ist das Meinungsbild gemischter (siehe Auszüge) als am Sonntagabend in der Lagerhalle, wo sogar eine Namensliste kursierte mit dem Ziel, eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen und die Pläne zu verhindern. Ein sinnloses Vorhaben, da die Lila-Weiß Marketing GmbH für das Projekt zuständig ist und dafür nur die Genehmigung von Präsidium und Wirtschaftsrat benötigt.

Im modernen Profifußball ist das Stadion mit seinen Erlösquellen ein entscheidender Standortfaktor für die Existenzfähigkeit der Klubs. Der ehemalige VfL-Manager Helmut Kalthoff hat in einer aktuellen Erhebung die wesentlichen Daten aller relevanten Stadien zusammengetragen und ausgewertet. Zentrale Erkenntnis: „Es kommt weniger auf die Kapazität an, sondern auf die Zahl von Business-Seats und Logenplätzen sowie auf den Anteil von Sitzplätzen.“

In der Bundesliga gibt es nur ein Stadion mit einem Sitzplatz-Anteil von unter 50 Prozent (St. Pauli/48 Prozent), die meisten Klubs haben um 2500 Business-Seats und etwa 500 Logenplätze. In der 2. Bundesliga liegt der VfL Osnabrück mit derzeit 481 Business-Seats, 129 Logenplätzen und 98 Sitzen in der Firmen-Boxen unter dem Dach der Nordtribüne im unteren Drittel.

Das Problem des VfL liegt auf der Hand: Die Osnatel-Arena wird nach der Aktion „Lückenschluss“ weitgehend ausgereizt sein; das gilt für die Kapazität wie für die Vermarktungsflächen, die bereits durch Rollbanden sowie unter Einbeziehung von Flutlichtmasten und Fangnetzen ausgeschöpft sind.

Der Druck von unten wächst: Drittligisten wie Hansa Rostock und Dynamo Dresden und Standorte wie Magdeburg oder Leipzig haben Stadien der gehobenen Kategorie. Dazu kommen Bauprojekte wie in Braunschweig (wo bereits 1250 Business-Seats und Logenplätze vorhanden sind), Essen (wo in der ersten Stufe an vielem gespart, aber nicht auf Logen verzichtet wird) oder Offenbach.

Dort fließen Gelder der Kommune und/oder des Landes in die Stadien. Der VfL dagegen hat seine Millionen-Investitionen in die Osnatel-Arena aus eigener Kraft gestemmt, gestützt auf öffentliche Bürgschaften. Wer sich also umsieht auf dem Markt der Vereine, die sich in der 2. Bundesliga etablieren wollen und können, kann nachvollziehen, dass der Verein jede Chance nutzen will, um an zusätzliche Einnahmen zu kommen.

Nicht zu Unrecht sieht der Verein das Projekt-VIP-Tower als schnellste und sicherste Möglichkeit an, seinen wirtschaftlichen Spielraum zu erhöhen. Das Projekt ist allem Anschein nach so angelegt, dass es sich selbst durch ligaunabhängige (!) Langzeitverträge finanziert. Der Startschuss zur Realisierung soll erst dann erfolgen, wenn mindestens zehn der zwölf Logen vermietet sind. An das Projekt gekoppelt sind Baumaßnahmen in der Ostkurve, wo ein Fantreff entstehen und die Toilettenanlagen modernisiert werden sollen.

Mit dem VIP-Tower würde sich der VfL allerdings die letzte Möglichkeit nehmen, die Gästefans in die Nord-West-Ecke umzuquartieren. Das würde den Spielraum der Westtribüne vergrößern. Hier könnte eine Perspektivplanung im Sinn einer Machbarkeitsstudie mittel- und langfristige Möglichkeiten aufzeigen. Doch die Erfahrung der letzten 15 Jahre hat den VfL offenbar gelehrt, dass er sich nur ein Wachstum in kleinen Schritten leisten kann. Man will eine eine schnelle Lösung, um im Stadion der begrenzten Möglichkeiten eine weitere Einnahmequelle zu finden.


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