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Vortrag "Sind das alles Vollidioten?" Fanforscher Gabler in Osnabrück über das Image der Ultras

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In entspannter Atmosphäre in der Jugendkirche debattierte Jonas Gabler mit den Osnabrücker Fans. Foto: Helmut KemmeIn entspannter Atmosphäre in der Jugendkirche debattierte Jonas Gabler mit den Osnabrücker Fans. Foto: Helmut Kemme

Osnabrück. „Manchmal müssen sich die Ultras vorkommen wie ein Kaninchen, das gleichzeitig in 10 Kanonenrohre schaut.“ Diesen drastischen Vergleich zog Fanforscher Jonas Gabler – und sprach damit vielen Mitgliedern der „Violet Crew“ aus der Seele, die ihn gestern in die evangelisch-reformierte Jugendkirche in der Klöntrupstraße in Osnabrück eingeladen hatten.

Gabler kam durch persönliche Erfahrungen in deutschen und italienischen Stadien auf die Idee, sein Studium der Politikwissenschaft mit einer Diplomarbeit über rechtsradikale Tendenzen in der Fanszene im Ländervergleich abzuschließen. Die Stigmatisierung der Ultras in der öffentlichen Wahrnehmung schilderte der 30-jähriger Berliner nicht, um sich Freunde bei seinen etwa 80 meist sehr jugendlichen Zuhörern, zum großen Teil aus der Ultra-Fanszene des VfL Osnabrück, zu verschaffen. Sondern er begründete diese Brandmarkung – durchaus überzeugend – mit zusammenlaufenden historischen Entwicklungslinien in der Fan- und Jugendsubkultur, gepaart mit Druck vonseiten der Polizei und den Medien.

Gerade die letzten beiden Akteure würden oft ein Bild erzeugen, dass die Gewalt in den Stadien so ausgeprägt sei wie nie – was in der Tat vielen statistischen Erhebungen zu diesem Thema widerspricht. Gabler wies darauf hin, dass in den 70er und 80er Jahren gewaltbereite Hooligans den Fußball als Bühne missbraucht hatten: zu einer Zeit, als der Stadionbesuch Männerdomäne war. „Wenn sich Fans daneben benommen haben, hat man das abgehakt und gesagt: Das sind halt Vollidioten“, erklärte Gabler plastisch die Vorurteile, die über Fans seinerzeit entstanden: „laut, betrunken, aggressiv, im Zweifel rechts.“

Mit der Kommerzialisierung des Fußballs durch Verbände, Vereine und Freizeitindustrie und dem Einzug der Familien ins Stadion wurden diese bis dato unbeachteten Verhaltensweisen tabuisiert“, erklärte Gabler. Weil sich Ende der 90er Jahre, die Hooligan-Szene auflöste und in den Blöcken gleichzeitig als neuer, dominant auftretender Akteur die Ultras auf den Plan traten, seien diese von Außenstehenden einfach mit den alten Vorurteilen über Fans überzogen worden.

Dies steht im krassen Widerspruch zur Selbstwahrnehmung dieser Fangruppierung als Stimmungsträger in den Kurven, als gegenüber der Dominanz des Geldes im Fußball kritisch eingestellte Fraktion, die auch in den Vereinen um Mitsprache und für ihre Belange kämpft. Gabler bezeichnete die Ultra-Bewegung als derzeit attraktivste Jugendsubkultur. In diesem Zusammenhang kritisierte er die Aussage von Fanforscher Gunter A. Pilz, dass einige Ultras sich in Richtung „Hooltras“ entwickeln würden: Einer Jugendsubkultur sei es schon immer inhärent gewesen, ab und an mal über die Strenge zu schlagen. Dies sei nicht neu, nicht speziell auf die Ultras zu reduzieren.

„Eine Unterscheidung zwischen guten Ultras mit den schönen Choreografien und bösen Schläger-Ultras ist unzulässig“, erklärte Gabler, da die Grenzen fließend seien. Stattdessen müsse die Gesellschaft lernen, die Potenziale der Ultras zu erkennen: Sie sei ein Vorbild für Integration, da sie sich aus allen Schichten speise. Sie leiste durch ihre Selbstorganisation unentgeltliche Jugendarbeit. Und vor allem: In der Tatsache, dass sich innerhalb der Bewegung klare Regeln des Zusammenlebens herausgebildet hätten, liege die Chance auf „einen Prozess der Zivilisierung der Szene – aber nur, wenn man sich mit ihr auseinandersetzt und anerkennt, dass sie immer eine Subkultur bleiben wird.“


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