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Gründe für den Abstieg & Selbstvorwürfe „Monotones Training ohne Spaß und Freude“ - Ex-VfL-Torwart Tino Berbig im Interview

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Mann der klaren Worte: VfL-Torhüter Tino Berbig. Foto: ImagoMann der klaren Worte: VfL-Torhüter Tino Berbig. Foto: Imago

hp Osnabrück. Ohne Abschied, ohne Blumen geht der letzte VfL-Spieler von Bord, der im Sommer 2004 beim Neuaufbau auf Trümmern unter Claus-Dieter Wollitz mit dabei war: Tino Berbig, mit Ausnahme eines einjährigen Intermezzos bei Dynamo Dresden in den letzten sieben Spielzeiten im Osnabrücker Tor, hat vom VfL kein neues Vertragsangebot bekommen und ist auf Vereinssuche.

Seit Anfang der Woche hält er sich bei seinem Heimatverein, dem Drittligisten FC Carl Zeiss Jena, als Trainingsgast fit. Im Interview gibt Berbig Auskunft über seine Abschiedsgefühle, zieht die Bilanz seiner Osnabrücker Jahre und sagt, warum der VfL abgestiegen ist.

Tino, können Sie sich noch an Ihre ersten Kontakte zum VfL erinnern?

Na klar. Ganz ehrlich – als mein Berater damals sagte: Fahr mal nach Osnabrück, da wusste ich gar nicht, wo das liegt. Aber nach dem ersten Gespräch mit Manager Lothar Gans und Trainer Pele Wollitz war mir klar, dass das passen könnte. Und dann lief alles fast wie von selbst.

 

Keine Anlaufschwierigkeiten, kein Heimweh?

Stimmt schon, es war ja das erste Mal, dass ich von zu Hause, also von Jena, weggegangen bin. Es war mein Glück, dass ich mit Thommy Reichenberger im Hotel gewohnt habe, wir haben uns sofort angefreundet. Sportlich lief es gut, wir hatten einen Trainer, der uns mitgerissen hat, wir haben mit Mut und Spaß Fußball gespielt. Ein prägendes Jahr.

 

Nach zwei Jahren sind Sie zu Dynamo Dresden gewechselt – wenn man Sie über diese Zeit reden hört, bekommt man es fast mit der Angst zu tun.

Eigentlich wollte ich vom VfL gar nicht weg, aber ich hatte mich so wahnsinnig unter Druck gesetzt und glaubte, mit aller Macht einen Karriereschritt machen zu müssen. Und dann ist so ziemlich alles schiefgelaufen, es war ein grauenvolles Jahr – aber trotzdem für mich in meiner Persönlichkeitsentwicklung wichtig. Denn da habe ich auf allen Ebenen – Funktionäre, Trainer, Fans und Journalisten – gelernt, wie man auf keinen Fall mit Menschen umgehen darf.

 

Sie kamen zum VfL zurück...

...und ich brauchte erst mal eine ganze Zeit, um mich zu erholen. Ich war körperlich und mental kaputt, ich war komplett negativ gepolt. Dass ich aus dem Loch rausgekommen bin, hat mich stärker gemacht – entscheidend geholfen hat mir unser Torwarttrainer Rolf Meyer, der im Lauf der Jahre mein Freund geworden ist.

 

Zweimal gingen Sie als Reservist in eine Zweitliga-Saison: erst in der Saison nach dem Aufstieg hinter Frederik Gößling, dann 2008/09 hinter Star-Einkauf Stefan Wessels. Beide Male erkämpften Sie die Nummer 1.

Gößling hatte den Bonus als Aufstiegstorwart, aber irgendwann bekam ich die Chance – und wir schafften den Klassenerhalt. Ich weiß noch, dass ich ziemlich geschockt war, als ich im Urlaub von der Verpflichtung von Stefan Wessels las.

 

Diesmal erwischte es den VfL, mit Ihnen im Tor.

Ja, und wir wissen heute, unter welchen Umständen. Ich habe ja in Osnabrück alles erlebt – Abstiege, Aufstieg, Steuerfahndung, Trainerentlassungen, Suspendierungen. Aber der Wettskandal, das war das Schlimmste. Das hätte ich nie für möglich gehalten, das ist schockierend bis heute. Man quält sich, man versucht alles, denkt an nichts anderes als an den Klassenerhalt – und dann sind da zwei Leute, die mit Absicht verlieren. Dass ein Cichon, der doch den Ton angegeben hat bei uns, uns so hat täuschen können – ich kann es bis jetzt noch nicht fassen.

 

Sie haben viel mitgemacht in Osnabrück. Wie haben Sie sich verändert?

Ich war früher extrem verbissen, mir fehlte jede Lockerheit. Das hat sich im Lauf der Jahre geändert, auch durch private Dinge. Ich weiß, es klingt blöd, aber es ist so: Fußball darf nicht alles sein, es muss wichtigere Dinge für einen geben – erst dann kann man sich auch leistungsmäßig entwickeln und Führungsaufgaben übernehmen.

 

Hinter Ihnen liegt die beste Saison Ihrer Laufbahn, das Fachblatt „Kicker“ hat Sie als fünftbesten Torwart der Liga in die Kategorie „Herausragend“ eingestuft. Der VfL will Sie nicht mehr – enttäuscht?

So ist das Geschäft. Ich akzeptiere das auch, irgendwie war mir das relativ früh klar. Ich wäre gern geblieben, und im Fall des Klassenerhalts wäre es ja auch weitergegangen. Umso ärgerlicher ist dieser Abstieg, denn wir hätten niemals absteigen dürfen.

 

Warum ist es dann doch so gekommen?

Weil das Wichtigste gefehlt hat: ein bisschen positive Stimmung, Emotionen, die einen mitreißen, und auch mal ein bisschen Spaß im Training. Das weiß doch jeder: Wenn man keine Freude hat bei der Arbeit, dann stimmt auch die Leistung nicht. Und wenn man dann im Training fast immer dasselbe Programm durchzieht, dann schaltet man als Profi irgendwann ab.

 

Klingt ein bisschen, als suchten Sie Ausreden.

Sie haben gefragt, ich antworte ehrlich. Unser Training unter Karsten Baumann war extrem monoton, und es hatte auch taktische Defizite. Klare Übungsformen, die ein eindeutiges Spielsystem einstudieren, gab es tatsächlich erst nach dem Trainerwechsel. Das ist die Wahrheit.

 

Warum erzählen Sie das jetzt?

Ich könnte noch einiges mehr sagen, aber ich will nicht, dass das aussieht, als würde ich schmutzige Wäsche waschen. Aber es heißt jetzt immer: Nur die Spieler waren schuld. Und das stimmt nicht. Der Verein hätte sich mal das Training ansehen und mit den Spielern sprechen sollen.

 

Warum sind Sie – immerhin Vizekapitän – nicht mit dem Mannschaftsrat zu Manager und Präsidium gegangen?

Unser Vorgesetzter und damit erster Ansprechpartner ist der Trainer. Zu ihm sind mehrere von uns einige Mal gegangen und haben bestimmte Dinge angesprochen. Aber es gab keine Reaktion, keine Änderung. Auffällig war, dass zwei, drei Spieler, die ihre Meinung recht klar geäußert haben, danach aus der Mannschaft genommen wurden.

 

Der Mannschaftsrat soll sich ziemlich früh beim Manager über den Co-Trainer beschwert haben.

Ja, das stimmt, denn Heiko Nowak hat es nicht geschafft, einen Draht zur Mannschaft herzustellen. Er hat schlechte Stimmung verbreitet und Baumann beeinflusst – und Rolf Meyer spielte plötzlich überhaupt keine Rolle mehr. Wir haben früh darauf hingewiesen, aber es gab keine Reaktion vom Verein.

 

Aber man steigt doch nicht ab, weil einem der Co-Trainer nicht gefällt...

Mit gefallen hat das nichts zu tun. Aber es ist eine zentrale Rolle in so einem Gefüge, aber das hat vom ersten Tag an nicht gepasst. Da gab es doch noch gar keinen Grund, Ausreden zu suchen.

 

Sind Sie mit Ihrer Kritik am Training von Baumann auch auf den Manager und das Präsidium zugegangen?

Nein, und das ist der große Vorwurf, den ich mir mache. Wir hätten das tun müssen. Auch wenn ich meine, dass ein Verein mehr tun muss, als einem Trainer die Verantwortung zu geben und ihn machen zu lassen. Er muss einen Blick auf die Arbeit des Trainers haben und auch die Mannschaft mit einbeziehen.

 

Abgestiegen sind aber trotzdem die Spieler.

Ja, und damit müssen wir auch leben, deftige Kritik inklusive. Aber – um auch das noch deutlich anzusprechen – wir müssen uns von niemandem anspucken lassen, und es darf auch nicht so weit kommen, dass der Fanbeauftragte die Frauen der Spieler beleidigt. Die Stimmung im Stadion war oft fantastisch, aber die Art und Weise, wie einzelne Fans reagiert haben, hat mit Fußball, wie ich ihn mir vorstelle, nichts zu tun.

 

Jetzt kommt der Schlussstrich unter das Kapitel VfL.

Ja, und es war trotz allem eine tolle Zeit. Auch privat, denn hier habe ich meine Freundin kennengelernt. Es waren gute Jahre, ich habe mich hier immer wohlgefühlt und werde die Osnabrücker Zeit nie vergessen. Das Ende hätte ein bisschen anders sein können, für den Verein und für mich persönlich. Aber damit muss man im Fußball rechnen.


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