Was nun, Eintracht? In Braunschweig grassiert die Angst vor dem Absturz in die Regionalliga

Von Christian Otto

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Im freien Fall Richtung Regionalliga? Die Eintracht-Profis (hier Manuel Janzer) suchen den Weg aus der sportlichen Krise. Foto: imago/HübnerIm freien Fall Richtung Regionalliga? Die Eintracht-Profis (hier Manuel Janzer) suchen den Weg aus der sportlichen Krise. Foto: imago/Hübner

Braunschweig. In Braunschweig geht nicht erst seit Montagabend nach dem trostlosen 0:3 in Münster die Angst um: 16 Spiele, neun Punkte – das macht neun Zähler bis zum rettenden Ufer. Viele reden schon vom freien Fall in Richtung Regionalliga.

2013 waren die Niedersachsen unter der Regie des beliebten Cheftrainers Torsten Lieberknecht in die Bundesliga gestürmt. Nur fünf Jahre später stürzte die Eintracht mit ihm in die 3. Liga ab und ist dort schon wieder abgeschlagener Tabellenletzter.

Bei aller Wertschätzung für Lieberknechts mehrheitlich erfolgreiche Zeit: Es riecht in Braunschweig danach, als wäre hier ein Verein ein Jahrzehnt lang unter einer Art Käseglocke vor sich hin gereift. Der Mief, der jetzt entweicht, verdirbt fast alles und macht sogar das Grundlegende madig. Im Grunde waren sie neulich fast wieder Erstligist. Im Mai 2017 stand Eintracht Braunschweig in den Relegationsspielen zur Bundesliga, scheiterte auf dem Weg zurück nach ganz oben jedoch am VfL Wolfsburg. Warum diesem Rückschlag ein derber Absturz gefolgt ist, dazu gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Obwohl Lieberknecht nicht verbergen konnte, dass sich seine Art und seine Kumpeltour gegenüber der Mannschaft abgenutzt hatten, wurde eine Trennung von ihm hinausgeschoben. Nach seiner Demission durfte Sportdirektor Marc Arnold, ebenfalls zehn Jahre lang im Amt, noch einen Spielerkader mit einem erschreckend großen Mangel an Erfahrung zusammenstellen. „Wir haben nicht alle Themen richtig bewertet“, gesteht Präsident Sebastian Ebel. Er gehört jenem Aufsichtsrat an, der am 6. Dezember entlastet und neu gewählt werden soll. Im Vergleich zu den nächsten Liga-Spielen daheim gegen den VfR Aalen und den Halleschen FC dürfte dieser Abend ein besonders schwerer, weil zukunftsweisender werden.

Stadion modernisiert

Immer wieder fällt dieser Satz: Eintracht Braunschweig, Deutscher Meister von 1967, versteht sich als stolzer Traditionsverein. Als etwas Besonderes, das nun wirklich nicht in die 4. Liga strafversetzt gehört. Tatsächlich drängt sich immer mehr die Frage auf, wer eigentlich für so manche Fehlentscheidung der vergangenen Jahre abgestraft gehört. Die mit dem Erstliga-Aufstieg 2013 verbundenen Mehreinnahmen wurden vor allem dazu genutzt, eine lange Zeit versäumte Weiterentwicklung des Vereins einzuleiten und dessen Infrastruktur zu verbessern. Modernisiertes Stadion, verbesserte Nachwuchsarbeit, zeitgemäße Geschäftsstelle: Diese Baustellen waren offenbar wichtiger, als die eigene Mannschaft zu stärken. Entsprechend chancenlos trat die Eintracht als Erstligist und später als Zweitligist auf. Und weil Lieberknecht als Galionsfigur fast immer ein hoffnungsvolles Bild abgab, blieb der Blick auf die Realität verschleiert. Neulich hat Lieberknecht, mittlerweile bei Zweitligist MSV Duisburg unter Vertrag, noch einmal herzlich grüßen lassen. Mit dem neuen Trainer André Schubert, nach dem Experiment mit dem erfolglosen Dänen Henrik Pedersen verpflichtet, werde der Eintracht bald der Turnaround gelingen. Doch mit nur einem einzigen Sieg nach 15 Spieltagen stehen die Braunschweiger wie ein typisches Beispiel für einen Verein da, dem plötzliche Bundesliga-Höhenluft gar nicht gut bekommen ist.

Schlüsselspiele

Ein neuer Sportdirektor wird händeringend gesucht. Nach Lieberknecht und Arnold droht mit Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt eine weitere Konstante abhandenzukommen. Er hat sich in den vergangenen Wochen merklich zurückgezogen und das Wort dem Präsidenten überlassen. Ebel kann seine Leidenschaft für die Eintracht nicht verbergen und lebt sie gerne aus. Er ist aber auch Teil jenes Aufsichtsrats, der sich bei den wichtigsten Entscheidungen in den vergangenen beiden Jahren mit seinen Sichtweisen durchzusetzen wusste.

Bei der 0:2-Heimniederlage gegen den KFC Uerdingen war die Stimmung im Eintracht-Stadion extrem schlecht. Ein Teil der Fans wollte den Platz stürmen und musste von Polizei plus Sicherheitsdienst zurückgedrängt werden. Vor diesem Hintergrund klingt es merkwürdig, wenn die Vereinsführung mitten in der Not erklärt, dass die Eintracht insgesamt gut aufgestellt sei sowie über eine außerordentlich gute und gewachsene Struktur verfüge. „Unser Anspruch muss sein“, findet Ebel, „eines Tages wieder in der 2. Bundesliga zu spielen.“ Jetzt stehen aber erst mal zwei Schlüsselspiele gegen den Abstieg im heimischen Stadion gegen Aalen und Halle auf dem Programm.


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