Zwischenbilanz des Trainers VfL-Trainer Thioune: Wer mal am Boden lag, weiß wie Dreck schmeckt

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Seit dem 4. Oktober 2017 Cheftrainer des VfL Osnabrück: Daniel Thioune (44). Foto: Helmut KemmeSeit dem 4. Oktober 2017 Cheftrainer des VfL Osnabrück: Daniel Thioune (44). Foto: Helmut Kemme

Osnabrück. „Jein“, antwortet Daniel Thioune auf die Frage, ob er mit dem bisherigen Saisonverlauf zufrieden sei. Der Trainer des VfL Osnabrück zieht drei Wochen nach dem Saisonstart ein erstes kleines Zwischenfazit. An diesem Dienstag beginnt für seine Mannschaft der Countdown für das Derby am Samstag (25. August, 14 Uhr) gegen Preußen Münster.

Simple Frage zum Einstieg: Warum läuft es beim VfL besser als in der vergangenen Saison?

So simpel ist die Frage ja nicht. Entscheidend ist, dass man Einfluss auf den Kader nehmen kann, denn nur dann kann man seine Idee vom Fußball umsetzen. Wir haben im Sommer die Gelegenheit genutzt und die Mannschaft nach unseren Vorstellungen verändert.

Wie sieht diese Idee aus?

Das zentrale Wort ist Bereitschaft. Bereitschaft hat was mit Selbstverständnis zu tun. Also mit der Frage nach dem „Wie wollen wir funktionieren?“ Und zwar nicht im Wort, sondern in der Tat. Nicht labern, sondern machen – das ist die Überschrift. Danach haben wir die Spieler ausgewählt. Wir bieten eine Plattform für Spieler, die entweder unterbewertet sind oder ihre Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft haben. Wenn sie echten Lernwillen zeigen und die Bereitschaft, etwas zu ändern, dann helfen wir ihnen weiter. Wer schon mal am Boden lag und Dreck gefressen hat, weiß, wie das schmeckt.

Sind Sie bisher zufrieden?

Jein, eher einverstanden als zufrieden – und zwar nicht nur wegen der Ligaspiele. Wir haben 14 Spiele – Test- und Pflichtspiele – absolviert, in denen fast immer der Wille und die Bereitschaft bei jedem einzelnen zu spüren waren. Das bedeutet mir viel und zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind und deckt sich mit meiner Auffassung von Selbstverständnis.

Sie haben kein tabellarisches Saisonziel ausgegeben. Kann der VfL im oberen Drittel mitspielen?

Das weiß ich nicht, aber wir wollen das Maximum erreichen. Ich weiß, dass wir mit unseren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im unteren Drittel der Liga sind. Aber wir wollen aus unseren Möglichkeiten mehr machen, daran arbeiten wir ja als Trainerteam mit der Mannschaft. Im Moment überperformen wir wahrscheinlich ein bisschen und es ist fraglich, ob wir das auf der langen Strecke einer Saison halten können. Aber wir sehen das Entwicklungspotenzial und werden die Euphorie nicht bremsen, sondern weiter Vollgas geben. Aber es wird sicher noch Momente geben, in denen es mal nicht so läuft. Dann müssen wir uns treu bleiben in unseren grundsätzlichen Überzeugungen.

Hat es geholfen, dass der Kader so früh wie selten stand und das Team schon am ersten Tag der Vorbereitung komplett war?

Das ist das Ergebnis der Arbeit von Sportdirektor Benjamin Schmedes, der 24/7 gearbeitet hat, um die Kaderplanung voranzutreiben. Bei so vielen Zugängen war das sehr hilfreich, dass wir so früh komplett waren.

Im Moment haben Sie nur zwei Leihspieler im Kader. Das war beim VfL früher anders. Ist das Zufall oder Prinzip?

Das ist das Ergebnis der Analyse der letzten Saison, die Benjamin und ich erarbeitet haben. Es waren zu viele Leihspieler im Kader, und das geht gar nicht gegen die Jungs selbst. Aber die Konstruktion ist nun mal so, dass ein Leihspieler dann vielleicht doch nicht das Letzte aus sich herausholt, weil er weiß, dass er weich fällt, wenn es schief geht. Es kann trotzdem durchaus sein, dass wir einen Spieler leihen, aber dann müssen wir uns in dieser Richtung sicher sein. So wie bei Nils Körber und Luca Pfeiffer.

Sie haben Benjamin Schmedes angesprochen, der als Nachfolger von Club-Legende Lothar Gans seit Dezember 2017 da ist; zwei Monate, nachdem sie Trainer geworden sind. Offenbar stimmt die Chemie bei Ihnen – Zufall?

Wenn zwei wichtige Positionen neu besetzt werden und in ein vorhandenes Vereinsgebilde hineinkommen, ist das nicht leicht. Wir mussten hineinwachsen – gemeinsam und in etwa zeitgleich. Strukturen aufzubrechen und Veränderungen vorzunehmen, braucht seine Zeit. Hilfreich war, dass wir zwar eine ähnliche Idee vom Fußball haben, aber nicht immer einer Meinung sind. Das tut gut, denn wenn man hinter verschlossenen Türen auch kontrovers diskutieren kann, bringt einen das weiter. Dabei lässt Benjamin mir als Trainer Freiheiten und entlastet mich. Ich profitiere von ihm auf der Position des Sportdirektors.

Sie sind als Trainer Autodidakt, haben erst recht spät und im zweiten Anlauf den Einstieg in den Profifußball geschafft – obwohl Sie ja selbst Profi waren. Woran lag das?

In Ahlen hat sich die Tür nicht wie erhofft geöffnet, ich habe mich vom Profifußball entfernt und mich auf mein Lehramtsstudium konzentriert. Mit dem Einstieg als Jugendtrainer beim VfL und dem Erwerb der Fußballlehrerlizenz hat sich dann vieles geändert: Ich sah meine Chance und hatte die Eintrittskarte in einen elitären Kreis – aber ich wusste, dass man da gerade als Trainer ohne Erfahrung nur einen Schuss hat. Kurz vor dem Einstieg in Osnabrück hatte ich Anfragen aus Lotte und aus Kaiserslautern. Fakt ist, dass ich jetzt Profitrainer beim VfL Osnabrück bin – das ist jetzt meine Plattform.

Wer aus dem Lehrgang kommt, bringt viele Ideen mit. Wie innovativ sind Sie?

Innovation darf nie Selbstzweck werden. Man muss sich immer nach den Möglichkeiten vor Ort richten, wir können uns in Osnabrück keinen Footballnaut hinsetzen oder zehn Leute nur für die Videoanalyse anstellen. Aber ich habe im Nachwuchsleistungszentrum gelernt mit Herausforderungen umzugehen und Inhalte zu platzieren, auch wenn man nur einen halben Platz zur Verfügung hat. Manchmal wächst man unter Schwierigkeiten sogar schneller, als wenn man alles perfekt vorgesetzt bekommt. Das gilt auch für die Spieler.

Sie haben eine Teambuilding-Maßnahme arrangiert, am Dienstag ist die Mannschaft beim „Trainingstag“ von morgens acht bis um fünf beisammen. Was bewirkt das?

Gar nichts, wenn man es nicht mit vernünftigen, überzeugenden Inhalten füllt. Und da habe ich ein junges, hochmotiviertes Team um mich herum, vom Athletiktrainer Patrick Jochmann, meinem Co-Trainer Merlin Polzin und unserem Teammanager Julius Ohnesorge. Die brüten immer was aus und können es gut erklären. Denn das bleibt das Wichtigste: Ich will nichts machen, um es zu machen – keine Aktion darf Selbstzweck sein. Und wir wollen, dass die Spieler wissen, warum sie etwas machen – denn nur dann machen sie es gut und gern.

Sie waren U19-Trainer. Im Moment stehen sieben ehemalige Jugendspieler im Kader. Was genau müssen Sie tun, um diesen Spieler zum Sprung zu verhelfen?

Es ist erst einmal ein Vorteil, dass ich die Jungs sehr gut kenne. Dann ist es ganz wichtig, dass sie nicht am Rand mitlaufen, sondern Profiverträge haben und das volle Programm durchziehen. Das gibt ihnen die Möglichkeit, zu lernen. Bereitschaft und Wille sind bei allen da, sie sind durch unser Nachwuchsleistungszentrum gegangen. Auch hier gilt: Wir können nicht mithalten mit den Bedingungen eines Erst- oder Zweitligisten – aber wir vermitteln schon früh den Jungs, was mehr zählt: Bereitschaft, Identifikation und Leidenschaft. Man darf nie zufrieden sein.


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