„Nie so richtig zufrieden“ VfL-Trainer Thioune über Kritik am Kapitän und den „neuen“ Álvarez

Von Stefan Alberti

Freut sich auf die Herausforderung: VfL-Cheftrainer Daniel Thioune. Foto: Helmut KemmeFreut sich auf die Herausforderung: VfL-Cheftrainer Daniel Thioune. Foto: Helmut Kemme 

Osnabrück. Kritikern von Marc Heider hält er ein Bibel-Zitat entgegen. Daniel Thioune, Trainer des VfL Osnabrück, spricht über den neuen Kapitän, das neue Team und seine Wünsche.

Herr Thioune, Hand aufs Herz: Was ist Ihnen in den zurückliegenden Wochen in der Vorbereitung komplett gegen den Strich gegangen?

Es fällt mir schwer, etwas Konkretes zu finden. Aber als Trainer ist man nie so richtig zufrieden. Ich habe in der vergangenen Saison gemerkt, dass meine Spieler zufrieden waren, wenn ich mit ihnen zufrieden war. Das hat uns nicht weitergeholfen. Wenn die Spieler zu sehr zufrieden sind, dann entwickeln wir uns nicht weiter.

Also es gibt nichts Schwerwiegendes, was dem Trainer auf den Nägeln brennt?

Den Punkt gibt es nicht. Wenn es unsere wirtschaftlichen Bedingungen zulassen würden, könnten wir vor dem Hintergrund einer langen Saison über mehr Breite im Kader nachdenken. Wir haben viele Spieler, die aus dem Nachwuchs kommen. Sie machen ihre Sache bisher gut, müssen aber zunächst ihre Erfahrungen sammeln.

Gibt es denn in der Vorbereitungsphase positive Überraschungen?

Ja. Bei einigen Profis aus der vergangenen Saison ist offensichtlich meine Message angekommen, die ich Ihnen vor der Sommerpause mit auf den Weg gegeben hatte.

Was heißt das konkret?

Marcos Álvarez ist ein positives Beispiel. „Alva“ ist ein guter Junge und versierter Fußballer. Er hat den Anspruch, immer auf dem Platz zu stehen. Er ist nun mal auch jemand, der nicht gerne die Trainingsjacke über seinem Trikot trägt und auf der Bank sitzt. Aber die Art und Weise, wie er in der vergangenen Saison aufgetreten ist, hat mir nicht immer gefallen. Er hat sich in der Sommerpause kritisch mit sich auseinandergesetzt und ist nun auch körperlich in der Verfassung, wie es meinem Verständnis von Leistungssport entspricht.

Wie empfinden Sie den Team-Spirit im Vergleich zum Vorjahr?

Ach, ich will jetzt gar nicht auf der Vergangenheit herumreiten. Jede Mannschaft, die aufsteigt, wird erzählen, wie toll der Zusammenhalt war. Jede Mannschaft, die absteigt, wird berichten, wie schlecht alles war. Wir gehörten nun mal zu den schlechtesten vier Mannschaften, das heißt, das Klima war nicht ganz so gut. In der neuen Saison ist es für mich entscheidend, dass wir körperlich und im Spiel gegen den Ball stabiler auftreten und eine andere Körpersprache zeigen. Das ist gegeben. Wir strahlen mehr Robustheit aus, als wir es vor Wochen noch getan haben. Taktisch versuchen wir etwas aufzusetzen, was dazu führen soll, weniger Tore zu bekommen und mehr zu schießen. Das neue Team ist bereit, an all diesen Bausteinen zu arbeiten. Vielleicht ist das ein Unterschied zu einigen Phasen des vergangenen Jahres.

Um noch einmal auf den Wunsch nach weiteren Verstärkungen zurückzukommen: Heißt das möglicherweise, dass der aktuelle Kader nicht konkurrenzfähig ist?

Nein. Der aktuelle Kader genießt unser vollstes Vertrauen und ist konkurrenzfähig, wenn alle Spieler gesund sind und jeder an sein Leistungsoptimum herankommt. Aber schauen Sie: Wir haben 25 Spieler im Kader. Davon sind drei Torhüter. Dann haben wir mit Simon Haubrock einen A-Jugendspieler, der verletzt ist. Mit Sebastian Klaas haben wir einen Langzeitverletzten. Mit Felix Agu und Tim Möller haben wir zwei Spieler, die aus der U19 gekommen sind und quasi ihre ersten Schritte im Profifußball gehen. Und mit Furkan Zorba gibt es einen Spieler, der in unseren sportlichen Überlegungen keine Rolle spielt. Hochgerechnet auf 38 Liga-Spiele plus die Partien im Landespokal täte uns natürlich etwas mehr Breite im Kader gut.

Was halten Sie denjenigen entgegen, die nach der Verpflichtung eines „Zehn-Tore-Stürmers“ rufen?

Solche Wünsche und Ziele sind legitim. Einen Spieler, der mindestens zehn Tore garantiert, hätte doch jeder Verein gerne in seinen Reihen. Aber auf der anderen Seite sind unsere wirtschaftlichen Möglichkeiten nun mal begrenzt. Viele andere Clubs können solche Spieler bezahlen – wir nicht. Ich will auch gar nicht jammern, sondern sehe das Ganze als Herausforderung. Wir orientieren uns nicht an Problemen, sondern arbeiten an Lösungen.

Zum neuen Kapitän Marc Heider. Mussten Sie lange überlegen, ihn zu ernennen?

Sie spielen jetzt auf die Geschichte und das noch bevorstehende Verfahren wegen der versuchten Spielmanipulation an?

Genau.

Natürlich habe ich mir Gedanken darüber gemacht. Auch wenn ich nicht so gläubig bin, zitiere ich trotzdem aus der Bibel: „Wer unter Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Und ich glaube auch daran, dass jemand eine zweite Chance verdient hat. Diese hat sich Marc Heider mehr als jeder andere in den vergangenen sechs Monaten erarbeitet – auf und neben dem Platz. Ich erinnere nur daran, wie er sich in der Rückrunde der vergangenen Saison trotz Verletzung noch in den Dienst der Mannschaft gestellt hat. Viele andere hätten sich schon längst auf den OP-Tisch gelegt. Marc Heider ist genau der richtige Kapitän für meine Mannschaft.

Zur Taktik: 3-5-2, 4-3-3, 4-4-2 oder 4-1-4-1 – welches System favorisieren Sie?

Da spielen viele Dinge eine Rolle. Was gibt meine Mannschaft her? Was bietet der Gegner an? Wenn ich drei überragende Innenverteidiger habe, bietet sich eine Dreierkette an. Entscheidend ist nur, dass diese drei Innenverteidiger auch das Spiel eröffnen können. Wenn ich drei gute Stürmer habe, muss ich mit drei guten Stürmern beginnen. Also: Wir werden sehr variabel agieren – und im besten Fall ist es so, dass sich der Gegner nach uns richten muss und wir so erfolgreich spielen, dass wir wenig am System drehen müssen.

Zum Schluss möchte ich Ihnen gerne noch fünf Sätze vorgeben, die Sie bitte vollenden. Erster Satz: Bei der Torwartfrage…

…genießt Torwarttrainer Rolf Meyer mein vollstes Vertrauen.

Am Samstag um 14 Uhr wird die Startelf auflaufen, die…

…aus unserer Sicht die Wahrscheinlichkeit erhöht, gegen Würzburg zu gewinnen.

Eine Woche später in Meppen möchte ich…

…meinen ersten Derbysieg als Cheftrainer einfahren.

Wenn ich einen Fußball-Wunsch frei hätte, würde ich…

…gerne mal mit dem VfL Osnabrück an einem Mittwochabend um 21 Uhr in der Champions League spielen.

Die 3. Liga ohne den VfL wird es…

…nur dann geben, wenn wir eine Liga höher spielen.


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