Serie vor dem Start der 3. Liga Wehen Wiesbaden hat alles, was ein Aufsteiger braucht

Von Tobias Goldbrunner


Wiesbaden. Am 27. Juli startet die Saison 2018/19 in der 3. Fußball-Liga. In einer Serie stellen wir die Konkurrenten des VfL Osnabrück und der Sportfreunde Lotte vor. Heute: der SV Wehen Wiesbaden.

Geschichte & Tradition: Der SV Wehen Wiesbaden hat seinen Aufstieg dem 2016 verstorbenen Wasserfilter-Produzenten Heinz Hankammer zu verdanken. Hankammer, der 1966 den Weltkonzern Brita gegründet hatte, stieg 1979 beim damaligen A-Ligisten SV Wehen als 1926 Taunusstein als Mitglied des Vergnügungsausschusses ein. Später wurde er Präsident und Mäzen, holte unter anderem den heutigen Sportdirektor von Eintracht Frankfurt, Bruno Hübner, als Spieler und Trainer. Der Club schaffte den 1996 den Sprung in die Regionalliga, 2007 dann den in die 2. Bundesliga. Nach zwei Jahren ging es runter in die 3. Liga – deren ewige Tabelle der SVWW mittlerweile anführt.

Stadion & Stimmung: Nach dem Zweitliga-Aufstieg 2007 zog der Club nach Wiesbaden, nannte sich um und ließ in der Rekordzeit von nur vier Monaten die Brita-Arena bauen. 12566 Zuschauer passen rein, wirklich voll wurde es nur in den Zweitliga-Spielzeiten. Der SVWW tut sich immer noch schwer, in der hessischen Landeshauptstadt anzukommen. In der Vorsaison kamen im Schnitt nur 2570 Zuschauer zu den Heimspielen – obwohl die Hessen begeisternden Fußball boten. Um für die 2. Bundesliga gerüstet zu sein, soll die Zuschauerkapazität ab Herbst auf 15000 erweitert werden. Zu Auswärtsspielen reisen selten mehr als 100 Fans mit.

Trainer & Team: Die Experten sind sich einig: Nach den fast jährlichen Trainerwechseln hat der SVWW mit Rüdiger Rehm endlich den Chefcoach gefunden, der die Hessen in die 2. Bundesliga führen kann. Der 39-Jährige, der als Profi den Rote-Karten-Rekord (neun) im Bundesliga-Unterbau aufstellte, agiert extrem impulsiv an der Seitenlinie, setzt auf schnelles Umschaltspiel über die Flügel und hat einen guten Draht zu seinen Spielern. Mit Mike Krannich, einem ganz ruhigem Vertreter, bildet er ein eingeschworenes Duo. Mit Steffen Vogler hat Rehm ein SVWW-Urgestein als Torwarttrainer in seinen Reihen.

Führung & Management: Markus Hankammer ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten, ist Präsident und Hauptgeldgeber des SVWW. Als Geschäftsführer hat er mittlerweile auch ein erfolgreiches Duo gefunden: Nico Schäfer, früher Union Berlin, kümmert sich vor allem um das Sportliche, ist weltweit vernetzt. Thomas Pröckl ist ein „Meister der Zahlen“, hatte einst großen Anteil an der Sanierung von Eintracht Frankfurt. Schäfer spielt sich mit Sportdirektor Christian Hock und Rehm die Bälle zu. Hock, schon drei Mal Trainer der SVWW-Profis, ist eine der wenigen, deshalb so wichtigen Konstanten im Club.

Finanzen & Etatplan: Der SVWW stellt Jahr für Jahr einen der höchsten Spieleretats der Liga. Etwa die Hälfte der geschätzten sieben Millionen Euro trägt Brita. Der Konzern fährt jedes Jahr Millionen-Gewinne ein, finanziell muss sich der SVWW also keine Sorgen machen – solange Hankammer den Geldhahn nicht zudreht. Das hat der Taunussteiner aber so schnell nicht vor.

Kommen & Gehen: Mit Patrick Funk (VfR Aalen), Kevin Pezzoni (Apollon Smyrnis) und David Blacha (VfL Osnabrück) mussten ehemalige SVWW-Kapitäne gehen. Rehm kann seit diesem Sommer ausnahmslos auf Profis setzen, die er selbst verpflichtet hat oder mit denen unter ihm verlängert wurden. Die Hessen haben sich mit einer in der Vorbereitung vielversprechend wirkenden Mischung aus hungrigen Jungprofis und erfahrenen Leistungsträgern verstärkt: Patrick Schönfeld (29) von Eintracht Braunschweig soll die Rolle des zum FC Heidenheim abgewanderten Robert Andrich als Regisseur übernehmen, Giuliano Modica (27) vom 1. FC Kaiserslautern eine Mauer in der in der Rückrunde zu schwachen Defensive hochziehen. Mit Spielwitz und Passgenauigkeit überzeugte in den Testspielen der vom TSV Havelse gekommene Flügelflitzer Daniel-Kofi Kyereh. Kann der 22-Jährige den zum FC Ingolstadt abgewandertem Agyemang Diawusie ersetzen?

Stars & Talente: Manuel Schäffler ist und bleibt der wohl wichtigste Mann beim SVWW: Der Goalgetter wurde in der vergangenen Runde mit 22 Treffern Torschützenkönig der 3. Liga. Alf Mintzel, der im Dezember 37 Jahre alt wird, ist der absolute Publikumsliebling. Markus Kolke ein starker Rückhalt als Torwart. Mit Nicklas Shipnoski kam ein interessantes Sturmtalent aus Kaiserslautern, mit Stefan Lorenz eins aus der eigenen U19.

Auf & Ab: Der SVWW sehnt sich unglaublich nach der Rückkehr in die 2. Bundesliga. Schon oft scheiterte der Club knapp. 2016 kam es fast zum Abstieg. Jedoch rettete Mintzel den SVWW am letzten Spieltag mit einem Tor in der Nachspielzeit vor dem Gang in die Regionalliga. 2017/18 hatte man den Aufstieg vor Augen, verspielte ihn aber mit fünf Niederlagen in Folge in der Schlussphase.

Chancen & Pläne: Das Ziel Aufstieg äußert keiner mehr öffentlich – das ging anschließend zu oft schief. Aber Schäffler betont klipp und klar: „Wenn wir 100 Prozent reinstecken, können wir auch 100 Prozent rausholen.“ Mannschaft, Trainer und Infrastruktur – der SVWW hat alles, was ein Aufsteiger braucht.

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Teil 2 der Serie: Für Fortuna Köln geht es erst mal nur um den Klassenerhalt >>>

Teil 3 der Serie: Eintracht Braunschweig hat trotz des bitteren späten Abstiegs eine solide Basis >>>

Teil 4 der Serie: Ziele des Karlsruher SC bleiben trotz Einsparungen hoch >>>

Teil 5 der Serie: Allein der Klassenerhalt genügt dem VfR Aalen nicht mehr >>>

Teil 6 der Serie: 1860 Münchens Sehnsucht nach einer Saison mit weniger Herzkasper-Risiko >>>


Der Autor berichtet seit zwölf Jahren für den Wiesbadener Kurier über den SVWW.