Serie vor dem Start der 3. Liga 1860 München: Sehnsucht nach Saison mit weniger Herzkasper-Risiko

Von Uli Kellner



München Am 27. Juli startet die Saison 2018/19 in der 3. Fußball-Liga. In einer Serie stellen wir die Konkurrenten des VfL Osnabrück und der Sportfreunde Lotte vor. Heute: der TSV 1860 München.

Geschichte & Tradition: Kaum zu glauben, aber auch die Münchner Löwen haben mal an das Tor zur Champions League geklopft. Im August 2000 hatte Werner Lorant den Meister von 1966 zum emotionalen Höhepunkt geführt, ehe es nach der verlorenen Qualifikation gegen Leeds United stetig bergab ging. Die letzte Erstliga-Ära endete 2004 und war untrennbar verbunden mit dem Schmiergeld-Skandal um die Allianz-Arena. Mit einem Knall endete im Mai 2017 das letzte längere Zweitliga-Kapitel. K.o. in der Relegation, Lizenzentzug, weil der jordanische Investor den Daumen senkte. Aber: Die Ehrenrunde in der Regionalliga tat 1860 gut, in der Giesinger Heimat fand der Klub wieder zu sich selber.

Stadion & Stimmung: Teile des Anhangs fremdelten von Anfang an in der Villa des FC Bayern vor den Toren der Stadt. „Raus aus der Arena“ wurde zum Evergreen in der Fankurve – und nach dem Doppelabstieg zur Realität. Es ging zurück ins antike Kultstadion an der Grünwalder Straße, das zwar keine Kassen füllt, aber für lange Schlangen davor sorgt. Karten für die stets ausverkauften Heimspiele werden gehandelt wie seltene Briefmarken. Die Stadt lässt nur 15000 Zuschauer zu.

Trainer & Team: „Ohne Biero wär’n wir gar nicht hier“, brüllte der Anhang bei der Aufstiegsfeier – und hat vermutlich recht. Aus dem Trümmerhaufen, der nach dem Doppelabstieg blieb, schmiedete Ex-Nationalspieler Daniel Bierofka ein Team nach seinem Ebenbild: kampfstark, leidenschaftlich, ehrgeizig. Die marginal verstärkte U21 verkörperte all das, was der Multikulti-Abstiegstruppe des Portugiesen Vitor Pereira gefehlt hatte. Bierofka macht jetzt zudem den Fußballlehrer, doch die Doppelbelastung nimmt er klaglos hin. Zehn neue Spieler um Wunschstürmer Stefan Lex nähren seine Lust auf Erfolge.

Führung & Management: In ihrer Not lachten sich die Löwen vor sieben Jahren einen jordanischen Investor an – seitdem wird gefeilscht, gestritten und intrigiert wie in einer sehr schlechten Seifenoper. Ungezählte Präsidenten haben vor Hasan Ismaik resigniert, ebenso häufig wechselten Geschäftsführer, Manager, Trainer. Bis der Vereinsheilige Bierofka übernahm – der einzige Mensch beim TSV, auf den beide Seiten hören. Als die Sechziger nach dem Aufstieg schon wieder drauf und dran waren, einen Transfersommer vor lauter Querelen zu verpatzen, baute Bierofka so viel internen Druck auf, dass Verein und Investor ausnahmsweise an einem Strang zogen.

Finanzen & Etatplan: Das aktuelle Präsidium lehnt eine Neuverschuldung bei Hasan Ismaik kategorisch ab. Die Folge ist, dass die Löwen jeden Cent dreimal umdrehen müssen, um die positive Fortführungsprognose ihrer überschuldeten KGaA nicht zu gefährden. Einen Etat von drei Millionen Euro hatten die Löwen auch ohne Ismaik zusammengekratzt – zu wenig für Bierofka, der keine Lust auf Mittelmaß verspürt. Die Budgetaufstockung um zwei Millionen Euro ist sein Verdienst und basiert auf einem Genussrecht-Modell, mit dem beide Gesellschafter ohne Gesichtsverlust leben können.

Kommen & Gehen: Regional und in Bayern verwurzelt. Das Gütesiegel, das den zehn Neuen anhaftet, erinnert an einen Biomarkt: Bierofka lockte ausschließlich Spieler an, die in sein Konzept der Nachhaltigkeit passen. Spieler wie Lex und Kristian Böhnein (aus Bayreuth) haben schon als Buben in 60er-Bettwäsche geschlafen, die meisten Neuen sind alte Bekannte – verlorene Söhne wie Efkan Bekiroglu (FC Augsburg), die gerne zurückkehren, nachdem aus dem Chaos- ein Charakter-Club geworden ist. Schmerzhafte Entscheidungen gab es auch: Timo Gebhart wäre gerne geblieben, Stefan Aigner gerne zurückgekehrt. Auch hier gilt jedoch das Prinzip: Große Taten sind wichtiger als große Namen.

Stars & Talente: Als Zugpferd hat Relegationsheld Sascha Mölders Gesellschaft bekommen. Lex bringt Erstligaerfahrung ein, der Ex-Münsteraner Adriano Grimaldi steht für Tore, Braunschweigs Quirin Moll für Stabilität. Der Altersmix stimmt jedoch, weil Bierofka stets auch ein Auge für Talente hat, die das preisgekrönte Nachwuchsleistungszentrum immer noch hervorbringt.

Auf & Ab: Was Bierofka sagt, ist Gesetz, demnach stehen die Zeichen weiter auf Erfolg. „Ich will nicht irgendwo zwischen Platz 10 und 12 rumkrebsen“, sagt der Aufstiegs-Coach vor dem ersten Drittligajahr des Vereins.

Chancen & Pläne: Nach drei Relegationsjahren in Folge sehnen sich die Löwen nach einer Saison mit weniger Herzkasper-Risiko. Präsident Robert Reisinger gibt als Losung aus: „Wir wollen sportlich nichts mit dem Abstieg zu tun haben, wirtschaftlich den eingeschlagenen Weg beibehalten und nicht im Wolkenkuckucksheim leben.“

Der Autor berichtet seit 22 Jahren für den Münchner Merkur über den TSV 1860.

Teil 1 der Serie: Bewährungsprobe im schweren zweiten Jahr für Carl Zeiss Jena >>

Teil 2 der Serie: Für Fortuna Köln geht es erst mal nur um den Klassenerhalt >>

Teil 3 der Serie: Eintracht Braunschweig hat trotz des bitteren späten Abstiegs eine solide Basis >>

Teil 4 der Serie: Ziele des Karlsruher SC bleiben trotz Einsparungen hoch >>

Teil 5: Allein der Klassenerhalt genügt dem VfR Aalen nicht mehr >>


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN