Über schwere Zeiten und Comeback-Pläne VfL-Verteidiger Dercho: „Zur Vorbereitung zu 100 Prozent fit“

Von Johannes Kapitza

Über gute Laune und Erfolgsrezepte in der 3. Liga spricht Alexander Dercho im Interview. Foto: imago/osnapixÜber gute Laune und Erfolgsrezepte in der 3. Liga spricht Alexander Dercho im Interview. Foto: imago/osnapix 

Osnabrück. Linksverteidiger Alexander Dercho vom VfL Osnabrück spricht im Interview über seine Comeback-Pläne nach langer Verletzung und die verkorkste Saison seiner Teamkollegen.

Herr Dercho, wie fit fühlen Sie sich?

Konditionell bin ich schon wieder auf einem ganz guten Level. Da sehe ich mich bei 70 Prozent. In Sachen Fußball habe ich mich mit zwei, drei Passübungen wieder herangetastet. Die Sachen am Ball verlernt man ja nicht. Spielerisch kommt dann alles Weitere in der Saisonvorbereitung.

Aber bis dahin müssen Sie noch ein bisschen aufholen…

In der Sommerpause brauche ich keinen Urlaub. Ich hatte ja jetzt leider lange genug Zwangsurlaub. In den nächsten Wochen werde ich individuell mit unserem Fitnesstrainer Patrick Jochmann Konditionseinheiten einlegen und mit meinem Trainer Oliver Schuppien an der Kraft arbeiten, damit ich zum Start der Saisonvorbereitung zu 100 Prozent fit bin.

Sie hatten den Zeitplan für ein Comeback offen gelassen, vielleicht auch noch auf ein Spiel in dieser Saison gehofft. Dafür hat es nicht gereicht…

Es war besser, nichts zu überstürzen. Ein Comeback für ein, zwei Spiele hätte keinem etwas gebracht. Ich hätte der Mannschaft in den letzten Wochen auch nicht weiterhelfen können. Da fehlt einfach noch ein bisschen Kondition und Spritzigkeit, aber ich habe ja genügend Zeit. Es sind noch knapp vier Wochen bis zum Start der Vorbereitung. Die werde ich intensiv nutzen, damit zum Saisonstart wieder der alte Alex auf dem Platz steht.

Sie haben eine ganze Saison verpasst. Sie kennen die Schicksale von Paul Thomik und Simon Tüting, die nach langen Verletzungen nicht wieder ihre alte Form gefunden haben. Haben Sie sich Sorgen gemacht, dass es Ihnen auch so gehen könnte?

Ehrlich gesagt: Ich habe nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, dass ich vielleicht nicht wieder Fußball spielen könnte. Die beiden genannten Jungs hatten in ihrer Karriere mehrere Verletzungen. Irgendwann fordert dann der Körper Tribut. Ich war früher vielleicht mal ein paar Wochen raus, aber das war jetzt die erste große Verletzung für mich. Ich glaube, dass ich keine größeren Einschränkungen haben werde. Ob das so ist, wird sich auf dem Platz zeigen.

Mit 31 Jahren sind Sie eigentlich zu jung fürs Karriereende…

Das sehe ich auch so.

Wie war es für Sie, eine ganze Saison zugucken zu müssen?

Sehr hart. So eine Verletzung zeigt einem erst, wie sehr man den Fußball liebt. Wenn man lange Zeit tagtäglich etwas macht, kommt eine gewisse Routine da rein. Wenn das dann plötzlich wegbricht, sieht man erst, was für einen Stellenwert der Fußball im Leben hat. Das lässt einen sehr demütig werden. Ins Stadion zu gehen, hat mir wirklich lange sehr weh getan. Gar nicht mal wegen der Ergebnisse. Im DFB-Pokal gegen den HSV war das ja sehr positiv. Aber du siehst die Mannschaftskollegen auf dem Rasen und kannst nicht mitwirken – das war schwer für mich. Ich habe die Pause aber auch als Chance gesehen.

Inwiefern?

In einer normalen Saison ist man sehr eingespannt und kommt nicht dazu, kleine Wehwehchen und muskuläre Defizite aufzuarbeiten. Dafür hatte ich jetzt eine Saison lang Zeit. Ich glaube, dass im Leben nichts umsonst kommt. Auch diese Verletzung hatte ihren Sinn. Andere kommen nach sechs Monaten Verletzungspause mit fünf Kilo Übergewicht zurück. Das wollte ich nicht. Ich war sehr fleißig und habe mir nichts vorzuwerfen. Ich freue mich, dass ich an kleinen Stellschrauben gearbeitet und jetzt keine Wehwehchen mehr habe.

Die Fans können sich freuen, dass ein fitterer Alexander Dercho auf den Platz kommt als vor seiner Verletzung?

Definitiv. Ich könnte in der Sommervorbereitung sicherlich noch ein bisschen Urlaub machen, aber das ist nicht mein Anspruch. Ich freue mich, dass ich mich jetzt wieder auspowern kann, und freue mich richtig auf die neue Saison.

Sie dürften einer der wenigen beim VfL sein, die nach dieser Saison gute Laune haben…

Auf dem Trainingsgelände hatte ich vielleicht zuletzt am meisten zu lachen, aber meine Situation war auch eine ganz andere. Es war schön, die Kollegen wiederzusehen und ab und an eine Passübung mit den Jungs zu machen. Ich bin gerade wie ein kleines Kind, das bald endlich wieder Fußball spielen darf. Bei den Jungs sieht das anders aus. Sie sind nach dieser Saison tief enttäuscht. Das bekommst du auch nicht von heute auf morgen aus den Köpfen.

Alexander Dercho im Spiel gegen die SG Sonnenhof Großaspach in der Saison 2014/2015. Foto: Kemme

Wie sehen Sie die Lage beim VfL?

Nach so einem Jahr gibt es wenig Positives, aber das ist wie bei anderen Unternehmen auch: Es gibt einfach mal ein Jahr, in dem es nicht so läuft. Man kann es auch positiv sehen: Uns sind viele Missstände aufgezeigt worden, bei denen wir jetzt ansetzen und professioneller werden können. Aus Niederlagen muss man lernen. (Weiterlesen: VfL Osnabrück – Stimmung so schlecht wie der Tabellenplatz)

Sie haben die Spiele von der Tribüne aus verfolgt. War es für Sie eine Bestätigung zu sehen, dass es ohne einen Leistungsträger wie Sie nicht so gut lief?

Natürlich schmeichelt es einen, wenn jemand zu dir sagt: „Du fehlst extrem. Wenn du wieder da bist, wird es wieder besser.“ Viele Leute sprechen dich an. Das tut gut, aber ich hätte wesentlich lieber gespielt und dazu beigetragen, dass die Saison anders läuft.

Warum lief die letzte Saison für Ihre Teamkollegen so schlecht?

Es spielen natürlich viele Faktoren rein, aber aus meiner Sicht waren die Ausfälle ausschlaggebend. Ohne die wären wir niemals in diesen Abwärtsstrudel geraten. Halil Savran hat als Führungsspieler gefehlt, ich war verletzt, Konstantin Engel ist lange ausgefallen. Dann hat uns der Abgang von Otschi Wriedt wehgetan. Mit ihm und Halil haben uns zwei Stürmer gefehlt, die jeweils zehn Tore in der Saison schießen können. Nazim Sangarés Wechsel war ein weiterer Mosaikstein. Man kann das mit einem Bauunternehmer vergleichen, der einen großen Auftrag bekommt. Dann fällt erst der Bauleiter aus, dann dessen Stellvertreter und auch noch einige weitere gute Bauarbeiter – das kann man nicht kompensieren. Und das geht auch in der 3. Liga nicht. Wenn bei zwei Teams die jeweils erste Elf aufeinandertrifft, entscheidet ja schon die Tagesform über Sieg oder Niederlage. Bei uns sind mehrere Stammspieler ausgefallen. Das fängt keine Mannschaft auf.

Mit Daniel Thioune ist ein neuer Trainer gekommen, mit Benjamin Schmedes ein neuer Sportdirektor. Wie ist Ihr Eindruck von den beiden?

Während meiner Verletzung war ich auf mich fokussiert, da gab es noch gar nicht so viele Berührungspunkte. Aber beide sind jung und hungrig. Sie wollen noch auf der Karriereleiter nach oben und haben innovative Ideen. Das könnte, gepaart mit der Erfahrung von Leuten wie Rolf Meyer und Lothar Gans, ein tolles Endprodukt ergeben. Ich bin da zuversichtlich.

14 Verträge laufen aus. Einige Spieler bleiben, junge und hungrige sollen hinzukommen. Welche Erwartung haben Sie an die neue Mannschaft?

Das ist momentan natürlich eine absolute Wundertüte. Man weiß noch nicht, wie der Kader aussehen wird. Ein solcher Umbruch ist einerseits immer eine Gefahr, aber andererseits auch immer eine Chance. Unter Maik Walpurgis haben wir gefühlt 20 neue Spieler bekommen, aber wir waren eine tolle Mannschaft, mit gutem Teamspirit, einer klaren Hierarchie und haben im ersten Jahr unter ihm ganz erfolgreich gespielt. Deshalb habe ich keine Angst vor einem Umbruch. Hier gilt auch, was ich eben gesagt habe: Die Mischung aus Erfahrung und hungrigen Spielern, die noch etwas erreichen wollen, kann erfolgversprechend sein. (Weiterlesen: Der neue Kader des VfL Osnabrück: Wer kommt? Wer bleibt? Wer geht?)

So eine Saison wie die vergangene will beim VfL niemand noch einmal erleben…

Und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass wir noch mal eine so schlechte Saison spielen werden, wenn jeder an sich und seine Fähigkeiten glaubt. Ein schlechtes Jahr kann passieren, aber das darf und wird sich nicht wiederholen.

Sie hatten in dieser Saison Zeit, die 3. Liga zu beobachten. Welcher bleibende Eindruck ist geblieben?

Richtig große Highlights gab es für mich nicht, aber zwei Dinge haben sich aus meiner Sicht gezeigt: Magdeburg ist ein gutes Beispiel, wie man mit Teamgeist erfolgreich sein kann. Der FCM hat sich in den letzten Jahren nie mit den ganz großen Namen geschmückt, aber immer oben mitgespielt. Der Zusammenhalt gilt nicht nur für die Mannschaft, sondern auch für den Verein und die Fans. Wenn viele Störfeuer in einem Verein sind, geht das schnell auf die Mannschaft über. Paderborn hat mit dem Sportdirektor und dem Trainer ein gutes Händchen gehabt, sich von einigen Namen getrennt, andere Führungsspieler gehalten und die richtigen Neuzugänge gefunden. Die passende Mischung und eine charakterlich einwandfreie Mannschaft mit einer klaren Hierarchie ist ein großer Teil des Erfolgsrezeptes.

Ihr Vertrag läuft noch eine Saison. Welche Rolle spielt das für Sie?

Aktuell gar keine. Erst mal will ich bis zur Saisonvorbereitung wieder zu 100 Prozent fit sein. Das ist reine Fleißarbeit, da muss ich mir an die eigene Nase fassen. Aber wenn ich da auf einem guten Level bin, werde ich auch gut spielen. Mein Anspruch ist, genau wie in den letzten Jahren, zu den besten Außenverteidigern der Liga zu gehören – unabhängig von meiner Vertragsdauer.