„Runder Tisch“ nach Fantalk Fans des VfL Osnabrück kämpfen um die Westtribüne

Von Johannes Kapitza und Harald Pistorius


Osnabrück. Stickig und warm war es sowieso schon beim Fantalk des VfL Osnabrück mit rund 170 Gästen im VIP-Raum des Stadions. Als es um die Schließung der Westkurve für Osnabrücker Fans ging, wurde hitzig diskutiert– und die VfL-Verantwortlichen gerieten ins Schwitzen.

Präsident Manfred Hülsmann hatte auf eine klärende Aussprache gesetzt, um alte Themen abhaken zu können und einen „gemeinsamen Neuanfang“ zu starten. Ein „Ruck“ sollte durch den Verein gehen, hoffte er. In der mehr als zweistündigen Debatte danach blieb von Hülsmanns Aufbruchsstimmung einiges auf der Strecke. Vor allem die Schließung der Westkurve sorgte für großen Unmut. Ein zusammenfassender Blick auf die wichtigsten Themen.

Stichwort Westkurve: Geschäftsführer Jürgen Wehlend stellte die Eckdaten vor. In dem 2700 Stehplätze fassenden Stadionbereich habe der VfL 300 Dauerkarten verkauft. Rund zehn Fans hätten eine lebenslange Dauerkarte für diesen Sektor erworben. Durch weniger Personaleinsatz (Ordner, Kassen) und gesparten Strom und Reinigungskosten könnte in der Saison „ein kleinerer sechsstelliger Betrag“ gespart werden, prognostizierte Wehlend. Exakt sei das Einsparpotenzial noch nicht zu beziffern, da die Tribüne bei Spielen mit entsprechender Nachfrage auch für VfL-Fans geöffnet werden soll.

Mit einer Auslastung in der vergangenen Saison von 20 bis 25 Prozent sei der Betrieb der Tribüne nicht tragbar, sagte Wehlend. Zum Vergleich: Die Ostkurve sei zu 56 Prozent ausgelastet. Wirtschaftlich rechne sie die Öffnung einer Tribüne ab 50 Prozent Auslastung.

Der wirtschaftliche Effekt ist jedoch nur ein Aspekt. Dauerkartenkunden und regelmäßige Westkurvengänger seien mit der Schließung vor vollendete Tatsachen gestellt worden, kritisierten mehrere Fans.

Auch er finde die Entscheidung nicht populär, erklärte der Geschäftsführer. „Ich persönlich find‘s scheiße“, sagte Wehlend wörtlich, „das ist nichts, was man gerne macht“. Man müsse aber, wenn die finanzielle Bilanz stimmen soll, auch Sparmaßnahmen ergreifen. „Irgendwann müssen wir entscheiden, was wir wollen“, sagte Wehlend. Die Schließung der Westtribüne sei „tragisch“, sagte Präsident Hülsmann, aber es brauche mehrere Bausteine, wenn nur noch das Geld ausgegeben werden soll, was eingenommen wird. „Egal, wo wir sparen: Es ist unpopulär“, sagte Hülsmann.

Der Präsident räumte in einer Hinsicht ein, keine glückliche Figur gemacht zu haben: „Die Kommunikation ist eine Baustelle beim VfL. Wir sind schon besser geworden, aber noch nicht am Ende der Fahnenstange.“ Zunächst einmal habe der VfL die Dauerkarteninhaber informieren wollen, erklärte Wehlend. Damit sei auch klar gewesen, dass das Thema öffentlich werde.

Fans bemängelten, dass die Fanabteilung und der Fanklubverband nicht in die Entscheidung einbezogen worden seien. „Es ist fatal, die West zu schließen“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des 23 Mitglieder umfassenden Fanklubs „Westside“. Er bemängelte ebenfalls eine fehlende Kommunikation.

Auch in den Gremien des Vereins scheint die Schließung der Westkurve keine breite Mehrheit zu haben. Die Entscheidung von Geschäftsführer Wehlend sei im Beirat der Geschäftsführung nicht diskutiert worden, sagte Beiratsmitglied und Vizepräsident Michael Wernemann. Dem Aufsichtsrat sei die Schließung der Westkurve nur als eine mögliche Sparmöglichkeit vorgestellt worden, sagte Aufsichtsratsmitglied Christoph Determann.

Den größten Applaus des Abends gab es für den Aufruf eines Fans, die Westkurvenschließung „sofort zurückzunehmen“. Angesichts des Gegenwindes bot Wehlend ein Gespräch an. In der kommenden Woche soll nun auch mit Fanvertretern gesprochen werden – „ergebnisoffen“, wie Hülsmann versprach. Das heiße aber nicht automatisch, dass die Entscheidung zurückgenommen werde.

Stichwort Geschäftsführer und Sparpotenzial: „Wehlend raus!!! 5 Jahre reichen uns!!!“ stand auf einem kleinen Plakat. Es blieb am Rande liegen und kam nicht zum Einsatz. Am Ende des Abends gab es kurz einige „Wehlend raus“-Rufe. Präsident Hülsmann hatte zuvor seine Aussage zum Amtsantritt wiederholt, dass er hinter dem Geschäftsführer stehe. Wenn Wehlend seinen Stuhl räumen müsste, „dann ist trotzdem nicht alles gut“, war Hülsmann überzeugt.

Wehlend übernahm – genau wie auf der Jahreshauptversammlung im November 2017 – die Verantwortung für Verluste der vergangenen Saisons. „Verantwortung heißt für mich aber nicht, in der Krise von Bord zu gehen oder bei Druck umzufallen.“ Die Entscheidung, ob es mit ihm weitergehe, müsse in den zuständigen Gremien getroffen werden. Die Zuhörer beim Fantalk konnte er damit nur bedingt überzeugen. Für den angekündigten „Paradigmenwechsel“ hin zu einem Sparkurs „fehlt mir der Glaube“, sagte ein Zuhörer und erntete Zustimmung. Ansonsten blieben Nachfragen aus, wo weiter gespart werden soll, wenn auch ohne Einnahmen aus DFB-Pokal und Transfers eine schwarze Null in der Bilanz stehen soll.

Stichwort Sport: Lange musste Benjamin Schmedes auf seinen Einsatz warten. Dann erntete der Sportdirektor mehrheitlich Anerkennung für seine Ausführungen. Die abgelaufene Saison sei eine „große Enttäuschung“ gewesen, „das teilt jeder hier im Raum“, sagte er. Dinge wie ein niedriger Punkteschnitt und Niederlagenserie ließen sich „nicht wegdiskutieren“. Das Gesicht der Mannschaft werde sich aber ändern. Er wolle eine hungrige Mannschaft zusammenstellen, sagte Schmedes, behielt aber die Realität im Blick: „Wir wissen, was auf uns zukommt. Es wird bretthart.“ Zurzeit sei an die 2. Bundesliga nicht zu denken. Aktuell sei der VfL ein „Mittelklasse-Drittligist, aber das definiert ja nur den Startpunkt einer Entwicklung“.