Schlagt euch die 2. Bundesliga aus dem Kopf! Wie der VfL Osnabrück einen existenzgefährdenden Teufelskreis durchbrechen könnte

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Wie so oft in dieser Saison: Die Spieler des VfL Osnabrück verlassen nach dem Spiel enttäuscht den Platz. Foto: Helmut KemmeWie so oft in dieser Saison: Die Spieler des VfL Osnabrück verlassen nach dem Spiel enttäuscht den Platz. Foto: Helmut Kemme

Osnabrück. Alles auf Anfang? Zurück in die Zukunft? Der VfL Osnabrück, seit über 90 Jahren das fußballerische Aushängeschild der Region, steht mal wieder am Scheideweg. Unser Reporter beobachtet die Lila-Weißen seit 1981. Seine provokante These: Schlagt euch die 2. Bundesliga aus dem Kopf!

Die Tabelle lügt nicht. Schon drei Spieltage vor dem Ende einer verkorksten Saison stehen die Fakten fest: Noch nie hat der VfL Osnabrück in der 3. Liga eine schlechtere Punktzahl erzielt; selbst drei Siege in den letzten drei Spielen könnten daran nichts ändern. Noch nie landeten die Lila-Weißen in der 3. Liga auf einem schlechteren Platz, bisher war das der elfte Rang 2014/15. Und niemand könnte dem Anfang Oktober 2017 entlassenen Joe Enochs verdenken, wenn er zu sagen würde: „Das hättet ihr mit mir auch haben können…“ Und einem Fan, der nach Aalen, Köln, Unterhaching oder Meppen schaut und sagt „Das hättet Ihr aber billiger haben können“, kann man nur Recht geben.

Die Langzeitperspektive in der Grafik zeigt, dass der VfL erst zweimal ähnlich schlechte Abschlüsse hingelegt hat. Für den Vergleich ist es nötig, nicht nur auf die Endplatzierung zu schauen, sondern auch auf die Zahl der drittklassigen Staffeln. Beispiel: 1995/96 wurde der VfL Fünfter – in der viergleisigen Regionalliga. 16 Vereine waren besser platziert, die drei weiteren Fünften hatten mehr Punkte: Macht inklusive der 36 Klubs der Bundesliga und der 2. Bundesliga Platz 55 im Deutschland-Ranking.

Und auch das ist einmalig in der Vereinsgeschichte: Die Lila-Weißen starten am 27. Juli 2018 in ihre achte Saison in der Drittklassigkeit – noch nie war der VfL so lange am Stück drittklassig.

Und doch: Die 2. Bundesliga bleibt in den Köpfen, und der Satz „Eigentlich gehört der VfL in die 2. Bundesliga…“ gehört zum Standardrepertoire in der Region. Der Haken ist: Er stimmt schon längst nicht mehr. Aber er prägt die Erwartungen und befeuert beim kleinsten Zwischenhoch die Hoffnungen . Und vergrößert die Enttäuschung, wenn es nicht klappt. Dass der VfL in den Saison 2016/17 und 2015/16 mit Rang sechs und fünf mehr erreichte, als die Möglichkeiten hergaben, war im Ärger über die Enttäuschungen der Rückrunden nicht mehr zu vermitteln.

Vom Aufstieg ist der VfL schon weit weg, doch der Abstand zum Status „Etablierter Zweitligist“ beträgt Lichtjahre. Das war der Verein zuletzt von 1981 bis 1993, allerdings nur dank eines Geldgebers. Seit dem Ende der Ära Piepenbrock gab der VfL nur kurze Gastspiele.

Und das wäre unter den heutigen Bedingungen wohl nicht anders. Der 1. FC Magdeburg bekommt als Neuling in der 2. Bundesliga etwa 6,5 Millionen Euro Fernsehgeld – ein großer Sprung im Vergleich zu den 750000 Euro in der 3. Liga. Aber: Schon an die Mittelfeld-Vereine werden zehn und mehr Millionen gezahlt, die Absteiger aus der Bundesliga kassieren um die 20 Millionen Euro.

Man stelle sich den VfL im Fall eines Aufstiegs vor: Der Investitionsstau im Stadion Bremer Brücke und an der Illoshöhe müsste mit Millionen-Aufwand aufgelöst, die Infrastruktur den DFL-Anforderungen angepasst werden. Der Klassenerhalt wäre ein kleines Wunder, der Weg, um so gefestigt zu sein wie Heidenheim, Greuther Fürth, oder Union Berlin wäre noch viel weiter.

Zurück in die Realität der chronisch unterfinanzierten 3. Liga, in der jeder Verein im Schnitt pro Jahr einen Verlust von 400000 Euro macht. In der immer wieder Vereine unter dem wirtschaftlichen Druck zusammenbrechen wie jetzt der Chemnitzer FC und RW Erfurt. FSV Frankfurt, Kickers Offenbach, Alemannia Aachen, TuS Koblenz, RW Ahlen oder Kickers Emden – sie alle gaben seit 2008 das Rennen auf.

Wer sich nicht auf die glückliche Fügung einer Ausnahmesaison verlassen will, wie sie Darmstadt 98 oder Jahn Regensburg erlebten, muss sich eine Anschubfinanzierung verschaffen. Mit etwa fünf Millionen Euro lässt sich in der 3. Liga eine Mannschaft finanzieren, die eine realistische Aufstiegschance hat. Das geht nur auf Pump mit hohem Risiko – oder mit externen Geldgebern wie in Kiel, Heidenheim oder Paderborn.

Und der VfL Osnabrück? Kann aus Sponsoring (ca. vier Millionen), Ticketing (ca. zwei Millionen) und TV-Geld (ca. 750000) einen Personalkostenetat von knapp drei Millionen Euro stemmen. Ein Aufstieg ist damit nicht planbar, ist aber in vielen Köpfen. Und wird immer wieder genährt durch Dreijahrespläne, Konzepte oder Visionen.

Die Realität zeigt, dass der VfL daran wirtschaftlich und sportlich langsam, aber ziemlich sicher zugrunde geht. Im Teufelskreis aus überhöhten Erwartungen und regelmäßigen Enttäuschungen werden Mannschaften und Trainer zerrieben, die wirtschaftliche Existenz gefährdet.

Die 2. Bundesliga muss aus den Köpfen, die 3. Liga ist bis auf Weiteres die Heimat des VfL. Und es war noch nie so leicht, sich mit dieser Heimat zu identifizieren: Der Wettbewerb ist ausgeglichen, das Niveau gut, die TV-Präsenz hoch, die Einnahmen steigen. 2018/19 könnte es mit dem 1. FC Kaiserslautern, Darmstadt 98, Energie Cottbus, München 1860 und dem 1. FC Saarbrücken einen weiteren Zuwachs an Attraktivität geben.

In dieser Liga, aus der künftig vier Vereine absteigen, den Klassenerhalt zu schaffen, wird schwer genug. Der VfL arbeitet mit einer neuen sportlichen Führung am größten Umbruch seit 2013. Dabei muss der Verein zwingend diese Verpflichtung erfüllen: realistische sportliche Ziele zu setzen, ohne die wirtschaftliche Existenz zu gefährden. Darauf zu vertrauen, dass DFB-Pokal und Transfers Verluste ausgleichen, kann nicht Teil einer Strategie sein.

Foto: NOZ MEDIEN

Daran sind Geschäfts- und Vereinsführung zu messen, das ist auch die Botschaft vieler Freunde, Fans und Sponsoren, die nicht nur das Geschehen auf dem Rasen verfolgen. Der VfL sollte dankbar sein, dass er keine hysterische Event-Kundschaft hat, die nach Stars und Aufstiegen schreit, sondern ein fachkundiges, bodenständiges Publikum, das Zusammenhänge und Zwänge versteht. Wenn man sie gut erklärt.


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