Erste-Hilfe-Kampagne Ex-VfL-Profi Adler: „Das Notfall-Equipment in den Vereinen ist erschreckend“

Von Thomas Deterding


Hamburg. Sieben Treffer in 33 Pflichtspielen erzielte Nicky Adler zwischen 2010 und 2011 für den VfL Osnabrück, mittlerweile geht er für den Zweitligisten Erzgebirge Aue auf Torejagd. Auch abseits des Fußballplatzes engagiert sich der 32-Jährige in gesellschaftlichen Fragen – im Interview spricht er über die von ihm ins Leben gerufene Initiative „Sportler retten Leben“.

Herr Adler, Sie haben mit „Sportler-retten-Leben“ eine Initiative ins Leben gerufen, die sich für ein stärkeres Bewusstsein und einen intensiveren Umgang innerhalb der Gesellschaft mit der Leistung Erster Hilfe einsetzt. Warum liegt Ihnen dieses Thema am Herzen?

Nicky Adler: Die Gesundheit im Allgemeinen ist ein Thema, mit dem ich mich schon während meiner gesamten Karriere als Fußballer auf unterschiedliche Art und Weise auseinandersetze und auseinandersetzen muss. Das Thema Erste Hilfe im Speziellen begegnet Dir hingegen in allen Lebenssituationen - und leider muss man feststellen, dass vielen Menschen dahingehend einfaches Basiswissen fehlt, das im Notfall Leben retten könnte. Für viele ist das Thema beispielsweise nach dem Führerschein nicht mehr relevant, Kurse werden nicht aufgefrischt oder wiederholt. Auch ich muss ehrlicherweise eingestehen, dass ich in meinen 15 Jahren als Profi nie genauer mit dem Thema Erste Hilfe in Berührung gekommen bin. Man verlässt sich als Spieler auf die medizinische Abteilung und darauf, dass diese weiß, was im Zweifel zu tun ist. Nur steht sie – auf oder abseits des Platzes – nicht immer parat.

In den vergangenen Monaten erlitten insbesondere im Profi-Bereich Sportler bei der Ausübung ihres Berufs einen Herzinfarkt – ein prominentes Beispiel war das Ajax Amsterdam-Talent Abdelhak Nouri, der im vergangenen Sommer bleibende Schäden davon trug.

Ich nehme diese Ereignisse mittlerweile sehr bewusst und mit großer Bestürzung wahr. Ob es ein Abdelhak Nouri ist, der italienische Nationalspieler Davide Astori, der im März verstarb oder auch unlängst der Rad-Profi Michael Goolaerts – alles natürlich unterschiedliche Fälle. Um aber bei dem angesprochenen Beispiel zu bleiben: Schauen Sie sich doch mal die Kader, die sich in so einem Testspiel zwischen zwei europäischen Erstligisten gegenüberstehen. Da kosten diese Spieler auf dem Platz zusammen mehrere Hundertmillionen Euro. An Defibrillatoren im Wert zwischen 1000 und 2000 Euro wird hingegen gespart. Man muss natürlich mit Blick auf einzelne Fälle wie diesem vorsichtig sein, aber möglicherweise hätte auch bei Abdelhak Nouri Schlimmeres verhindert werden können.

Gab es ein persönliches Erlebnis, das ausschlaggebend für Ihr Engagement war?

Der Vater meines Freundes Andreas ist nach einem Herzstillstand verstorben. Es war sogar ein Defibrillator im Haus, der allerdings nicht richtig funktionierte. Und die anwesende Mutter wusste in diesem Moment, in dem jede Sekunde zählen kann, nicht, was man darüber hinaus hätte tun können. Wie so oft beginnt man leider erst darüber nachzudenken, was im Leben wirklich wichtig ist, sobald man selbst unmittelbar betroffen ist. So ist letztlich auch die Initiative bzw. die Idee dazu entstanden und ich habe gemeinsam mit Andreas begonnen, mich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Gemeinsam mit dem damaligen Coach Domenico Tedesco gelang Adler in der vergangenen Spielzeit der Klassenerhalt mit Erzgebirge Aue. Foto: imago/Picture Point

Mit welcher Erkenntnis?

Wir haben viele Gespräche mit Sportlern und Medizinern geführt und beispielsweise auch angefangen, vorhandenes Equipment bei Vereinen zu überprüfen – das war erschreckend. Es ist sehr traurig, wie wenig Menschen über das Thema Erste Hilfe wissen und nicht dazu in der Lage wären, im Notfall richtig einzugreifen. Da wollten wir ansetzen.

Sollte jeder Profi- oder Amateur-Fußballer eine Erste Hilfe-Prüfung ablegen?

Nicht nur Spieler. Alle Menschen am Sportplatz, im Stadion oder sonstwo sollten wissen, wie sie im Ernstfall reagieren können. Es reicht nicht aus, sich auf den Nebenmann zu verlassen. Dafür braucht es auch keine aufwändigen Prüfungen. Wir bieten schon die einfachsten Schulungen über Videos auf unserer Website an. Die kann man sich zuhause auf der Couch angucken und so schnell und unkompliziert sein Wissen auffrischen.

Ihre Kampagne richtet sich aber auch gezielt an Sportvereine.

Das ist richtig. Wir versuchen beispielsweise durch verschiedene Maßnahmen, die Anschaffung von Defibrilatoren, die jedermann bedienen kann, für Vereine zu subventionieren. Wir sprechen dafür intensiv mit den Herstellern und verhandeln über Anschaffungspreise. Wir kennen uns mit den Geräten sehr gut aus und bieten natürlich kostenlose Schulungen an. So wollen wir den Vereinen ermöglichen, die Grundvoraussetzungen dafür zu schaffen, im Ernstfall Leben retten zu können.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie darüber hinaus und was können insbesondere kleinere Vereine tun, die sich beispielsweise eine Anschaffung von Defibrillatoren trotz möglicher Subventionierungen finanziell nicht leisten können? Immerhin kosten die Geräte wie angesprochen bis zu 2000 Euro…

Das stimmt. Dennoch gibt es immer Maßnahmen und Möglichkeiten, um entsprechende Gelder zu generieren. Wir wollen Vereine mit unserer Initiative auch bei eigenen Events unterstützen, beispielsweise mit der Durchführung einer Spendensammlung im Rahmen des Vereinsfestes, dem Angebot von Schulungen oder Ähnlichem. Über unsere Website kann sich jeder Interessierte bei uns melden und wir treten umgehend in persönlichen Kontakt.

Wieviel Vereine machen bereits mit?

Die Zahl steigt seit Beginn unserer Kampagne im vergangenen Monat stetig an. Erst diese Woche haben wir entsprechende Schulungen bei den Rhein Neckar Löwen durchgeführt. Dass insbesondere solche großen Klubs mitmachen und in unserem Sinne Werbung für die gute Sache machen, freut uns natürlich umso mehr.

Sie wissen aber nicht nur auf Vereinsebene bereits viele prominente Mitstreiter und Unterstützer von „Sportler-retten-Leben“ auf Ihrer Seite.

So ist es und das hilft uns auch ungemein. Mein ehemaliger Duisburger Teamkollege Simon Terodde hat beispielsweise dafür gesorgt, dass der 1.FC Köln sich einen zusätzlichen Defibrillator zugelegt hat. Auch Bayer 04 Leverkusen ist dahingehend ebenso ein Vorreiter wie der 1.FC Nürnberg, Maxi Arnold vom VfL Wolfsburg unterstützt uns, Clemens Fritz oder auch Salzburg-Trainer Marco Rose engagieren sich.

Wie sieht es mit Ihrem Ex-Klub VfL Osnabrück aus?

Der ist meines Wissens noch nicht dabei. Aber vielleicht können Sie mit Ihrer Berichterstattung ja einen Anstoß geben… (lacht)

Gibt es Tendenzen hinsichtlich möglicher Kooperationen mit übergeordneten Sportverbänden, beispielsweise dem DFB?

Ja, die gibt es in der Tat. Wir werden in Kürze Schulungen beim sächsischen Fußballverband durchführen. Und auch über den Fußball hinaus gibt es Anknüpfungspunkte in diversen Sportarten. Wir freuen uns über jede Einzelperson, jeden Verein oder Verband, der mitmachen will, denn nur gemeinsam können wir Leben retten.


Plötzliche Herztode – Astori, Nouri und Co.: Diese Fälle bewegten die Sportwelt

In den vergangenen Jahren kam es im Sport immer häufiger zu Zwischenfällen, bei denen junge Menschen plötzlich ums Leben kamen oder schwerwiegende Schäden davon trugen, weil sie nach einem Herzinfarkt nicht schnell genug medizinisch versorgt wurden.

Erst im März wurde der Kapitän des italienischen Erstligisten AC Florenz Davide Astori tot in seinem Hotelzimmer in Udine aufgefunden. Dort sollte sein Team am selben Tag ein Ligaspiel austragen. Der 31-Jährige starb der gerichtsmedizinischen Untersuchung zufolge an akutem Herzversagen.

Im vergangenen Juni kollabierte der ivorische Fußballspieler Cheik Tioté beim Training seiner Mannschaft Beijing Enterprises. Er starb mit 30 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts.

Besonders bewegt hat die Sportwelt das Schicksal des Ajax-Amsterdam-Talentes Abdelhak Nouri. Dieser brach im Juli 2017 bei einem Freundschaftsspiel gegen Werder Bremen zusammen. Obwohl Sanitäter und Ärzte schnell herbeieilten und versuchten, den 21-Jährigen zu reanimieren, wachte er nicht wieder auf. Aufgrund des Sauerstoffmangels erlitt er bleibende Hirnschäden und lag auch ein halbes Jahr nach dem Vorfall immer noch in einer Amsterdamer Klinik in einer Art Wachkoma.

Einer der bekanntesten Fälle, ist der Tod des 64-fachen kamerunischen Nationalspielers Marc-Vivien Foé. Im Jahr 2003 starb der damals 28-Jährige nach einem Zusammenbruch während des Halbfinalspiels des Confederations Cup in Lyon ebenfalls an Herzversagen.

Doch nicht nur im Profifußball, auch im Amateurbereich sind solche Fälle bekannt. 2009 starb ein 34-jähriger Kreisligaspieler in Altenheim (Kreis Biberach) an einem plötzlichen Herztod. Bei einem Sportverein in Niedersachsen starb im März 2017 zunächst ein Fußballer an Herzversagen, einen Tag später ein Basketballer aus dem gleichen Grund. Beide waren während Trainingseinheiten bewusstlos zusammengebrochen. (nib)