Wehlend: Verlust bei einer Million Euro Folgeschäden der Pokal-Pleite für den VfL Osnabrück

Von Harald Pistorius


Osnabrück. Es war die bitterste Niederlage der Saison – und eine mit gravierenden Folgeschäden. Das Ausscheiden des VfL Osnabrück im NFV-Pokal beim Regionalligisten SV Drochtersen/Assel erschwert die Planung, belastet die Finanzen, beschädigt das Ansehen – und vergrößert die Sorge, dass diese Mannschaft auseinanderfällt und noch tiefer in den Abstiegssog der 3. Liga gerät. Was bedeutet die Pokalpleite für…

… die Lage in der Liga? Der VfL sollte sich trotz des Vorsprungs von neun Punkten und der besseren Tordifferenz auf den Chemnitzer FC nicht zu sicher fühlen. Ein Sieg des CFC am Sonntag in Erfurt bei einer Niederlage der Osnabrücker in Zwickau würde für einen Druck sorgen, dem die Mannschaft in der jetzigen Besetzung vermutlich nicht standhalten könnte. „Wir tun gut daran, unseren Fokus auf die Liga zu auszurichten“, sagt Sportdirektor Benjamin Schmedes.

Zumal die Personalnot immer größer wird: Mit Christian Groß, Marc Wachs, Emmanuel Iyoha, Jules Reimerink und Sebastian Klaas ist auch am Sonntag nicht zu rechnen; fraglich ist, ob Marius Gersbeck und Marcos Álvarez (Rippenprellung) spielen können. Für Marc Heider, der sich über Wochen mit Spritzen ins linke Knie über die Runden quälte, ist die Saison vorbei: Die Meniskus-Operation ist nicht länger aufzuschieben. So muss Thioune in der Endphase personell weiterhin improvisieren.

Thioune nahm am Mittwoch in der Besprechung die Spieler als „enttäuscht und selbstkritisch“ wahr und richtete den Blick nach vorn. „Ganz klar: Der Schaden, den wir angerichtet haben, ist nicht reparabel. Aber trotzdem müssen wir nach vorn schauen und versuchen, wieder in die Spur zu kommen.“ (Weiterlesen: VfL scheidet im NFV-Pokal aus)

…für die Planung der neuen Saison? Nach der Amtsübernahme von Thioune im Oktober zeigte die Mannschaft eine positive Entwicklung und überzeugte vor allem in den Heimspielen mit offensivem, mutigem Stil. Doch seit dem 2:2 gegen den SV Meppen geht der Trend nach unten, und das liegt nicht nur an den massiven Ausfällen. „Es fehlt uns offenbar an Qualität und Mentalität, und wir sollten froh sein, wenn wir den Klassenerhalt so früh wie möglich absichern und uns nicht darauf verlassen, dass andere weniger punkten“, sagt Thioune.

Zu den aktuell durchschlagenden Defiziten gehört auch der Mangel an Führungsspielern, wie es in der letzten Saison Halil Savran, Alexander Dercho oder Christian Groß waren. Routiniers wie Marcel Appiah, Marc Heider, Konstantin Engel sind nicht in diese Rolle hineingewachsen; am ehesten erfüllt noch Tim Danneberg diese wichtige Funktion. So droht das Team auseinanderzufallen, zumal am Saisonende ohnehin die Mehrzahl der Spieler Osnabrück verlässt. Das gilt für die meisten der sechs Leihspieler (Gersbeck, Wachs, Iyoha, Sama, Sen, Bickel) und einige andere, deren Verträge auslaufen (Groß, Arslan, Reimerink, Krasniqi, Ruschmeier, Renneke). Vertraglich gebunden sind Susac, Danneberg, Klaas, Álvarez, Heider, die Gebrüder Tigges, Zorba, Engel und Dercho. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass es zu einem größeren Umbruch im Sommer kommt. Dazu will sich Schmedes derzeit nicht äußern, betont aber: „Anzeichen, dass die Mannschaft jetzt auseinanderbricht, sehe ich nicht.“

…für die Zukunft des Trainers? Es gibt auch nach der Pokalniederlage keine konkreten Anzeichen dafür, dass die Zusammenarbeit mit Daniel Thioune im Sommer endet. „Man soll meine Arbeit bewerten, die Entwicklung der Mannschaft sehen und sich nicht nur an Ergebnissen orientieren“, sagt Thioune. „Das Spiel in Drochtersen hat an meiner Einstellung zur Arbeit des Trainers nichts verändert. Die Vorbereitung war wie immer sehr professionell, Daniel macht einen guten Job“, sagt Sportdirektor Schmedes, der zusammen mit Geschäftsführer Jürgen Wehlend und dem Beirat um Präsident Manfred Hülsmann über die Vertragsverlängerung entscheidet. Auch Wehlend betont, dass sich Thiounes Position nicht verschlechtert hat: „Was in Drochtersen passiert ist, ist nicht wegen, sondern trotz seiner Arbeit passiert. Er hat nach wie vor unser Vertrauen.“ Verlängert sei der Vertrag noch nicht, so sagen alle, weil einige Details offen sind. Die Verhandlungen für Thioune führt Stefan Brinker, ein ehemaliger Mitspieler aus seiner Zeit in Ahlen, der früher Maik Walpurgis vertrat.

Thioune hatte die Mannschaft am 13. Spieltag übernommen, nach zwei 0:2-Niederlagen gegen Magdeburg und Rostock war die Mannschaft mit zehn Punkten und einem Rückstand von drei Zählern auf Rang 17 Letzter. „Zu diesem Zeitpunkt wären sicher viele nicht unzufrieden gewesen, wenn wir gesagt hätten, dass wir Ende März neun Punkte Vorsprung haben“, sagt Schmedes. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass man mit 35 Punkten nach 32 Spielen in der 3. Liga zumeist in akuter Abstiegsgefahr war.

…für die Finanzen und die Lizenz? Etwa 250000 Euro können unmittelbar aus einem Erstrundenspiel im DFB-Pokal eingenommen werden. Wenn Wehlend den Betrag sogar bei einer Million Euro beziffert, dann rechnet er entgangene Einnahmen im Dauerkartenverkauf, im Sponsoring und durch Sonderaktionen im Marketing dazu.

Auf das Lizenzverfahren hat das Einfluss, weil es die Pokaleinnahmen leichter machen würden, die Liquiditätsreserve zu stemmen. In der letzten April-Woche bekommt der VfL den Bescheid des DFB über Auflagen und Bedingungen, die dann bis zum 29. Mai zu erfüllen sind. „Die Situation ist ähnlich wie in den Jahren zuvor“, sagt Wehlend, der allerdings erstmals ohne das Fan-Crowdfunding (ca. 450000 Euro) auskommen muss. In der Kalkulation geht der VfL von einem 8,5-Millionen-Euro-Etat auf der Basis eines Zuschauerschnitts von 8500 aus, für die Profimannschaft sollen – wie in dieser Saison – 3,2 Millionen Euro ausgegeben werden. In der Verwaltung, so Wehlend, werden 20 Prozent der Kosten eingespart, „weil wir eine Führungsebene gestrichen haben“: Von Marketing-Leiter Ralf Sieler und der kaufmännischen Leiterin trennt sich der VfL; die Aufgaben übernimmt Wehlend. (Weiterlesen: Reaktionen zum Pokal-Aus in Drochtersen)

…für Ahmet Arslan? Mit einem Kunstschuss a là Antonin Panenka wollte der Ex-HSVer Drochtersens Torwart Philipp Kühn düpieren – und scheiterte kläglich. „Entweder wollte er sich selbst darstellen oder den Gegner demütigen“, sagte Thioune, „beides ist egoistisch und ist nicht unser Weg. Das wird Konsequenzen haben.“ Konkreter wird der Trainer nicht, doch kann damit nur der vorläufige Verzicht auf den 24-Jährigen gemeint sein.