Zurück in bundesweiten Profifußball? KFC Uerdingen: Große Ziele, fragwürdiges Handeln

Von Daniel Brickwedde

Euphorie bei den Fans ist zurück in Krefeld. Wie nachhaltig ist das Klubkonstrukt um Mikhail Ponomarev? Foto: imago/RevierfotoEuphorie bei den Fans ist zurück in Krefeld. Wie nachhaltig ist das Klubkonstrukt um Mikhail Ponomarev? Foto: imago/Revierfoto

Uerdingen. Im Fußball ist der KFC Uerdingen ein Begriff. Allerdings für die meisten Beobachter eher aus Gründen der Nostalgie. Nach Jahren voller Tiefen erlebt der Verein nun einen sportlichen Höhenflug. Selbst die Rückkehr in die 3. Liga scheint möglich. Doch hinter den Kulissen agiert der Klub fragwürdig.

Ob es beim KFC Uerdingen mittlerweile ernster zugeht? Nikolas Weinhart überlegt nicht lange, für ihn ist der Verein schlicht „nicht mehr wiederzuerkennen“, betont der Geschäftsführer des Krefelder Fußballklubs. Der ehemalige Bundesligist steht sportlich so gut wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr da. Dass der Verein diesen Höhenflug aber in der viertklassigen Regionalliga erlebt, sagt viel über die jüngere Vergangenheit aus. Nach zwei Insolvenzen (2003 und 2005) folgte 2008 die Ära des griechischen Immobilienunternehmers Agissilaos „Lakis“ Kourkoudialos. Unter ihm produzierte der Verein mehr Schlagzeilen als Erfolge: Einmal wechselte sich der Präsident sogar selber ein, ein anderes Mal holte er medienwirksam den Ex-Bundesliga-Torschützenkönig Ailton aus der Vereinslosigkeit – sportlich kickte Uerdingen zeitwillig in der 6. Liga.

Für Weinhart liegen diese Zeiten hinter dem Verein. „Wir wollen nur noch positive Schlagzeilen im sportlichen Bereich liefern“, sagt er. Anfang März empfing der KFC zum ersten Heimspiel 2018 den SC Verl. Ein Sieg hätte die Rückkehr an die Tabellenspitze der Regionalliga bedeutet – als Aufsteiger aus der Oberliga. Der Durchmarsch in die 3. Liga und eine Rückkehr in den Profi-Fußball nach 13 Jahren Abstinenz sind greifbar.

Doch rein positive Schlagzeilen vermag der KFC weiter nicht zu schreiben. Gegen Verl reicht es nur zu einem 1:1, ein paar Tage später folgt ein 2:2 gegen Rot-Weiß Essen. Das dritte Remis in Serie war zu wenig für die Verantwortlichen: Trainer Michael Wiesinger, erst im Sommer gekommen, musste gehen – trotz Tabellenplatz zwei und nur zwei Niederlagen aus 22 Liga-Spielen.

Federführend hinter den Entwicklungen ist Mikhail Ponomarev. Der Russe kam 2015 als Investor und ist seit dem Abschied von Kourkoudialos 2016 der alleinige starke Mann beim KFC. In England führte er mit anderen russischen Geschäftsleuten den AFC Bournemouth aus der vierten Liga in die Premier League, in Deutschland engagierte er sich zuvor finanziell bei Fortuna Düsseldorf und dem Eishockey-Verein Düsseldorfer EG.

Mit Uerdingen verfolge Ponomarev „ambitionierte Visionen“, versichert Weinhart. Dabei spricht der Investor öffentlich auch schon mal von der 2. Bundesliga. Beim KFC ist ein neues Anspruchsdenken eingezogen. Der Verein will wieder wer sein in der Fußballlandschaft – offenbar mit aller Macht und in aller Eile. Unpopuläre Entscheidungen sind da nur konsequent.

Die Ambitionen lassen sich am Kader erkennen: Mit Namen wie Charles Takyi, Christopher Schorch, Alexander Bittroff oder dem zur Winterpause geholten Maximilian Beister verfügt die Elf vom Papier her über mehr Zweitliga-Erfahrung als Jahn Regensburg, das in dieser Liga aktuell Fünfter ist. Wesentlich dafür sind die finanziellen Möglichkeiten. „Da muss man ehrlich sein“, sagte Wiesinger noch vor der Partie gegen Verl, „wir haben vielleicht ein Argument mehr zu bieten.“

Wiesinger erkannte aber auch: „Wenn Geld im Spiel ist, wird auch das Umfeld unruhig.“ Das bekam er auch gegen Verl zu spüren. Nach der Führung der Gäste begleiteten zeitweise pöbelnde Zwischenrufe und ein Pfeifkonzert den Auftritt des KFC. Verkehrte Welt bei einem Aufsteiger im Kampf um die Tabellenführung. „Die Erwartungshaltung ist groß. Nach den Spielen trifft man schon mal Fans, den selbst ein 1:0-Sieg zu wenig ist“, warnte er damals.

Wiesinger kannte den KFC vor seinem Engagement vor allem aus erfolgreicheren früheren Zeiten, als der Klub als Bayer Uerdingen zwischen 1975 und 1996 regelmäßig zur Bundesliga gehörte und 1985 den DFB-Pokal gewann. Viel verändert hat sich seither im Umfeld nicht. Bester Beweis ist die Grotenburg Kampfbahn, die Spielstätte des KFC.

Das Stadion hat in der heutigen Zeit Charme, schreit aber überall nach Sanierungsbedarf: Die Osttribüne kann aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten werden, Drittliga-Fußball darf nach DFB-Vorgaben in der Grotenburg, die der Stadt gehört, nicht stattfinden – der sportliche Aufbau ist der Infrastruktur weit voraus. Nun stimmte der Finanzausschuss der Stadt Krefeld einem Sanierungsplan in Höhe von zunächst 8,7 Millionen Euro zu.

Weinhart lobt den guten Austausch mit der Stadt. Er spricht gern über die positiven Entwicklungen im Klub, sieht beim KFC überall „wachsende Professionalität“. Die Nebengeräusche zum sportlichen Erfolg sind jedoch nicht gering. Mit Timo Achenbach, Kapitän der Aufstiegsmannschaft, befindet sich der KFC im Rechtsstreit. Dazu berichtete die „Westdeutsche Zeitung“ über Zweckentfremdung von Sponsorengeldern, die statt vorgesehen für den Jugendbereich in die Profi-Mannschaft geflossen seien. Der Verein verzichtete auf eine Gegendarstellung, sondern trat gegenüber der „WZ“ in den Medienboykott. Ein zweifelhafter Vorgang in der Außendarstellung.

Und auch die Person Ponomarev ist nicht frei von kritischen Tönen. Aus seiner Zeit bei der Düsseldorfer EG zwischen 2014 und 2016 begleiten ihn Vorwürfe, seinen finanziellen Verpflichtungen als Gesellschafter nur unzureichend nachgekommen zu sein. Ponomarev gilt als Gründer einer Beratungsfirma namens Energy Consulting, die als Trikotsponsor beim KFC fungiert. Über die Firma reden möchte Weinhart aber nicht: „Das ist ein Thema von Herrn Ponomarev.“

Die Machtfülle des Investors ist dennoch gewaltig. Mit ihm beschloss der Verein 2017 die Ausgliederung in die KFC Uerdingen 05 GmbH. Ponomarev besitzt seitdem 97,5 Prozent der Kapitalanteile und das letzte Wort im Verein. Zuletzt erhöhte er die die Stammeinlage der GmbH auf eine Million Euro. Eine zu große Abhängigkeit von Ponomarev verneint Weinhart allerdings.

Sportlich präsentierte der KFC noch am Tag von Wiesingers Entlassung in Stefan Krämer einen neuen Trainer. Unter ihm gab es zehn Punkte in den ersten vier Spielen – inklusive eines rauschenden 7:0-Erfolgs zum Einstand und der Rückkehr an die Tabellenspitze. Nach Wiesinger fragt mittlerweile niemand mehr, dafür ist der Vorwärtsdrang rund um den Verein zu groß. Beim KFC entwickelt sich etwas, wie nachhaltig wird sich zeigen müssen.