SpVg. Drochtersen/Assel: Dorfverein mit Herz Unangenehmer Gegner für den VfL Osnabrück im Landespokal

Von Daniel Berlin

Kommen über den Zusammenhalt: Die Fußballer des SV Drochtersen/Assel. Foto: imago/NordphotoKommen über den Zusammenhalt: Die Fußballer des SV Drochtersen/Assel. Foto: imago/Nordphoto

Drochtersen. Der VfL Osnabrück muss am Dienstag (19 Uhr) im Halbfinale des Niedersachsenpokals bei der SpVg. Drochtersen/Assel antreten. Das wird unangenehm.

Der Drochterser Musiker Sven Lauks schrieb zur Melodie von Neil Diamond vor gut drei Jahren zum Aufstieg in die Fußball-Regionalliga eine Hymne auf die Spielvereinigung Drochtersen/Assel. Der „Dorfverein mit Herz“ werde den „Rasen rocken“. Die „Drosseln“, die „Asseln“ oder kurz D/A kokettieren mit ihrer Herkunft, mit dem Begriff Dorfverein.

Drochtersen ist Provinz, aber nett

Während des Spiels poltern hier noch die Trecker hinterm Zaun des Kehdinger Stadions entlang und bringen die Gülle auf die Felder. Hier sagen sie zum heftigen Sturm ein „büschen Wind“. Hier sitzt der Pastor noch mit der Rassel in der Hand auf der Tribüne und sorgt für Stimmung und Beistand von oben. Zwölftausend Menschen leben in Drochtersen und seinen Ortsteilen. Touristen schätzen den Sandstrand an der Elbe. Sonst kommt niemand zufällig vorbei. Drochtersen ist Provinz, aber nett.

D/A bestimmt das Dorfleben. Der Club hält die Menschen zusammen. Sieben Männermannschaften stellt die Spielvereinigung in dieser Saison, von der Regionalliga bis zur 5. Kreisklasse. Das ist einmalig in Niedersachsen. Die Jugend spielt erfolgreich, ein Frauenteam kickt neuerdings auch. Beim traditionellen Vereinsball, der Blau-Roten-Nacht, feierten gerade alle gemeinsam sich selbst und das 40-jährige Bestehen der Spielvereinigung.

Training ist nach Feierabend

Trainer Enrico Maaßen lässt keine Gelegenheit aus, fast demütig zu betonen, dass sich D/A in Sachen Etat und strukturellen Bedingungen ligaweit eher am Ende der Nahrungskette befindet. Womöglich ist das ein Grund dafür, dass der Coach im Sommer zum SV Rödinghausen in die Weststaffel der Regionalliga wechselt. Dort kann er tagsüber mit Vollprofis in einem schicken Stadion trainieren. Dort wird wohl auch er allein vom Fußball leben.

In Drochtersen ist das anders. Maaßen arbeitet im Hotel des Vereinspräsidenten Rigo Gooßen als Leiter des Fitnessstudios. Mäzen Gooßen bezahlt die Musik bei D/A. In einem winzigen Büro überwacht Maaßen den Laden und kümmert sich so ganz nebenbei um die ganze Fußball-Theorie. Er schaut sich die Gegner auf Video an und sichtet neue Spieler. Training ist nach Feierabend. Um Viertel vor sieben trudeln die Spieler am Kehdinger Stadion ein. Sie pendeln aus Hamburg, aus Lüneburg und aus Bremen. Viele stammen aus Drochtersen oder der Umgebung. Einige sind der Heimat treu geblieben.

Prämien sind Zubrot für die Spieler

Außenverteidiger Meikel Klee erlangte während des Hypes rund um das DFB-Pokalspiel gegen Borussia Mönchengladbach im August 2016 so etwas wie Berühmtheit. TV-Sender und Zeitungen berichteten über „Mörtel“ Klee, der tagsüber auf der Baustelle als Maurer Häuser baut und nach Feierabend auf hohem Niveau kicken geht. Defensivspezialist Matti Grahle beendet gerade sein Studium und will Lehrer werden, Mittelfeldmann Marius Winkelmann zieht es in den Journalismus. Stürmer Alexander Neumann arbeitet in einem Steuerbüro. Neumann galt bei D/A bislang immer als Lebensversicherung. Neun Tore erzielte er bislang in dieser Saison, drei im Pokalwettbewerb. Die Prämien für das Kicken sind allenfalls ein gutes Zubrot für die Spieler.

Maaßen schaffte es, einen homogenen Kader zu formen, seitdem er den Trainerposten 2014 übernahm. Die Spieler führen selten die feine Klinge, sie spielen eher mit dem sprichwörtlichen Messer zwischen den Zähnen. Kaum eine Mannschaft ist so unangenehm zu bespielen wie D/A. Sagen jedenfalls die Gegner. Maaßen fordert die „Wucht“ und die „eklige Spielweise“. In der ersten Regionalligasaison nach dem Aufstieg liebte es der Coach, seine Jungs als „Mentalitätsbestien“ zu bezeichnen. Vor D/A ist kein Team sicher, bis der Schiedsrichter abpfeift.

VfL Osnabrück aus dem Weg räumen

Maaßen holte bislang in fast drei Regionalligajahren und einer Saison in der Oberliga Niedersachsen in insgesamt 131 Spielen im Schnitt 1,77 Punkte. Als Aufsteiger beendete D/A die Saison 2015/2016 sensationell auf Rang vier und gewann den Landespokal. Die Spielzeit 2016/2017 schloss Drochtersen als Neunter ab und stellte dabei die beste Abwehr der Liga. Höhepunkt in der Vereinsgeschichte war das Spiel in der ersten Runde des DFB-Pokalwettbewerbs gegen Borussia Mönchengladbach. In der laufenden Saison steht D/A auf Rang elf. Die Defensivabteilung gehört abermals zu den Besten.

In der vergangenen Saison verabschiedete sich Drochtersen schnell aus dem Landespokalwettbewerb und verpasste die Chance auf die Qualifikation für den DFB-Pokal. Aber 7500 Zuschauer, die 2016 gegen Gladbach auf mobilen Zusatztribünen Platz fanden und die meisten Spieler sowieso, haben dieses Erlebnis noch in den Köpfen. Und sie wollen es unbedingt wieder erleben. Im Weg steht nur noch der VfL Osnabrück.

Bei der zweiten Mannschaft des Hamburger SV im letzten Spiel am Mittwoch zeigte D/A beim 0:0 eine nahezu perfekte Defensivleistung gegen den Spitzenreiter und die Tormaschine der Liga. Der HSV traf bislang im Schnitt zweimal pro Spiel und kam gegen Drochtersen nur einmal gefährlich in die Nähe des gegnerischen Tores. Maaßens Spieler setzten die Nadelstiche und hatten bei Kontern die besseren Chancen. Insofern taugt die Partie durchaus als Blaupause für das von der Spielvereinigung ausgerufene Spiel des Jahres.